Mo, 18. Juni 2018

Trotz Siegesfeiern

14.07.2017 13:01

Kampf gegen IS im "befreiten" Mossul geht weiter

Eigentlich soll der Krieg vorbei sein: Vor wenigen Tagen wurde der Sieg der irakischen Armee über die Terrormiliz Islamischer Staat verkündet. Aber der nach US-Angaben schwerste Häuserkampf seit dem Zweiten Weltkrieg geht in Teilen der Stadt weiter. Der IS in Mossul ist noch nicht ganz besiegt.

Dabei hatten die Dschihadisten bereits kapituliert. Gleich rechts neben der Rauchsäule müsste eigentlich das berühmte schiefe Minarett der Al-Nuri-Moschee über den Dächern thronen. Auf der Höhe seiner Macht hatte sich IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi - der laut dem russischen Militär und der oppositionellen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte tot sein soll - 2014 unter dem krummen Turm zum ersten Mal öffentlich gezeigt. Ende Juni legten die Extremisten das symbolisch wichtige Gebetshaus in Schutt und Asche, bevor die irakische Armee es zurückerobern konnte. Für Regierungschef Haider al-Abadi hat der IS damit formal seine Niederlage erklärt.

Metropole bis zur Unkenntlichkeit zerstört
Die unglaublich brutale Schlacht der vergangenen neun Monate hat Iraks zweitgrößte Stadt teilweise fast bis zur Unkenntlichkeit zugerichtet. In einem Labyrinth aus Trümmern und meterhohen Schutthaufen schieben sich breite Militärjeeps und Panzer zwischen geborstenen Fassaden hindurch. Kein Haus blieb ohne tiefe Einschusslöcher, ein gräulicher Film hat sich über die Stadt gelegt.

Niemand hätte im Oktober, beim Start der Militäroperation, gedacht, dass die Schlacht so grausam und so lang werden würde. Gerade hier, westlich des Flusses Tigris, führte die fanatische Gegenwehr der Extremisten zu einem Massensterben, dessen Opfer nur geschätzt werden können.

Bewohner als menschliche Schutzschilde
Bevor der IS sich im dicht bebauten Stadtzentrum verschanzte, trieben die Kämpfer dort Zivilisten aus umliegenden Dörfern zusammen, wie Amnesty International dokumentierte. Teilweise verschweißten die Kämpfer die Türen von außen und versahen sie mit Sprengstoff, um ihre lebendigen Schutzschilde an der Flucht zu hindern. Wer es doch wagte und erwischt wurde, wurde an Strommasten aufgehängt. Bewohner Saif Essam erinnert sich unter Schaudern an die Nacht, in der ihn IS-Kämpfer aus dem Bett trieben: "Die haben uns alle aus den Häusern geholt, als die angrenzende Nachbarschaft befreit wurde. Sie sagten, 'geh vor uns, geh hinter uns', sodass keiner sie angreifen konnte", sagt Essam. Nicht nur in dieser Nacht hatte er Todesangst.

Die Armee und die US-geführte internationale Koalition setzten trotzdem schwere Waffen ein, um die Stadt unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie kämpften die Gegner aggressiv nieder. Vielleicht auch skrupellos. Viele Zivilisten hatten am Ende nur die Wahl zwischen dem Tod durch den IS oder durch einen Angriff der Jets und Panzer. Amnesty schließt Kriegsverbrechen an Unbeteiligten dabei nicht aus. Ihre Leichen sind teilweise noch unter dem Schutt begraben. Augenzeugen berichten von einem beißenden Geruch im Stadtzentrum. Mossul ist dieser Tage mehr Friedhof denn befreite Stadt.

Stadtkern abgeriegelt, Öffentlichkeit ausgeschlossen
Nach wie vor nimmt man Kampfgeräusche wahr, liest man Berichte über bis zu 100 IS-Kämpfer, die sich in der Stadt verschanzt halten sollen. Der Stadtkern wurde abgeriegelt, was dort passiert, findet weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Von Siegesfeiern, wie sie im Staatsfernsehen zu sehen waren, ist man hier weit entfernt.

Restaurantbesitzer Saif Essam aber ist optimistisch: "Ich glaube, dass das Leben jetzt zurückkommt", sagt der 32-Jährige, der an einer Hauptstraße unweit des Tigris sitzt. "Erstickt" habe er sich unter der Herrschaft des IS gefühlt. Seinen Grill konnte er zwar noch nicht wieder aufmachen, aber für einen Grillhuhn-Stand, der den Straßenrand in den Geruch von Fett und gerösteter Haut hüllt, reicht es schon.

IS-Kämpfer besiegt oder nur in den Untergrund vertrieben?
Doch auch Essam hat Angst vor den Extremisten, die in den Wirren der Schlacht untertauchen konnten. Der IS verschwindet in Mossul dieser Tage wieder dahin, wo er schon lange vor 2014 das Sagen hatte: in den Untergrund. Dort können US-Kampfjets die Terrorgruppe nicht mehr so leicht eliminieren.

"Natürlich ist der Machtapparat des IS in Mossul erledigt, aber die Mentalität der Menschen um uns herum ist immer noch dieselbe", sagt Tarek Salem. Der Mann mit dem tätowierten Kreuz auf dem Arm drückt das Misstrauen vieler Iraker gegenüber den sunnitischen Bewohnern in Mossul aus. Viele von ihnen hätten den IS mit offenen Armen empfangen. Salem lebt in einem Flüchtlingslager und will nicht zurück ins Umland von Mossul, aus dem er 2014 floh. Für die Menschen dort sei er weiter ein Ungläubiger. Mossul sei einfach kein Ort mehr für Christen.

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