Di, 21. Mai 2019
07.01.2016 20:00

Bakterien belegen:

Ahnen von "Ötzi" waren wohl Migranten aus Asien

Die Ahnen der Gletschermumie "Ötzi" waren wohl Migranten aus Asien. Das hat das Erbgut ihrer Helicobacter-pylori-Magenbakterien einem internationalen Forscherteam verraten. Es ähnelt demnach jenem von heute in indischen Mägen verbreiteten Populationen. Außerdem bescherten die Mikroben dem "Eismann" vermutlich Bauchweh, berichteten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Science".

"Helicobacter pylori ist schon seit mindestens 100.000 Jahren ein Begleiter der Menschheit", erklärte Thomas Rattei vom Department für Mikrobiologie und Ökosystemforschung der Universität Wien im Gespräch. Er gehörte mit Yoshan Moodley von der Veterinärmedizinischen Universität Wien, der mittlerweile in Südafrika forscht, und Kollegen vom Institut für Mumien und den Iceman der Europäischen Akademie Bozen (EURAC) zu den leitenden Wissenschaftern der Studie. Heute trägt die Hälfte der Weltbevölkerung solche Bakterien im Verdauungstrakt, bei zehn Prozenten der Infizierten führen sie zu Magengeschwüren und manchmal Krebs.

Ötzi, der vor 5.300 Jahren gelebt hat, zählte vermutlich zu den Betroffenen. Der Helicobacter-Typ, den die Wissenschafter in seinem Magen und Darm nachgewiesen haben, ruft nämlich Magenschleimhaut-Entzündungen hervor. Sie fanden dort auch Eiweißstoffe, die vom Immunsystem bei Entzündungen ausgeschüttet werden.

Überreste der Mikroben gut erhalten
Mit einem Endoskop konnten die Forscher aus verschiedenen Stellen des Verdauungstrakts der Gletschermumie Proben nehmen, ohne sie zu zerstören. Weil sie bis zu ihrem Fund 1991 eingefroren war, sind die Überreste der Mikroben recht gut erhalten, so Rattei. Bei ägyptischen Mumien wären solche Tests nicht möglich, denn bei ihnen haben die Balsamierer die Eingeweide entfernt.

Freilich seien die Helicobacter-Bakterien in Ötzis Magen kurz nach ihm gestorben, und ihr Erbgut ist mit der Zeit in sehr kurze Fragmente zerfallen. Außerdem hat es sich biochemisch verändert. "Mit recht großem Aufwand kann man diese Veränderungen aber 'herauskorrigieren' und das zerstückelte Genom rekonstruieren", erläutert Rattei. Das gelang den Forschern mit 90 Prozent des Helicobacter-Erbguts. Sie verglichen es mit dem heutiger Bakterien auf der ganzen Welt.

Bei heute in Europäern verbreiteten Helicobacter-Bakterien ist das Erbgut eine Mischung von Abschnitten, die von asiatischen und afrikanischen Vorfahren stammen, so Rattei. "Bis jetzt war es unklar, wann und wie dieses Patchwork zustande gekommen ist", sagte er. Weil die Unterschiede segmentartig verteilt sind, müssen sich verschiedene große Zivilisationsgruppen vermischt haben, meint Rattei. Wer zuerst da war, zu welcher Zeit dies passiert ist und ob es mehrere Wellen gegeben hat, war jedoch bisher unklar.

Bakterien spiegeln Stammesgeschichte wieder
Weil diese Mikroben schon so lange mit Menschen zusammenleben und in der Regel von einer Generation an die nächste übertragen werden, spiegelt ihre Geschichte und Verbreitung die Stammesgeschichte der Menschheit wieder, so die Forscher. Bakterien haben eine viel kürzere Generationszeit als Menschen, deshalb könne man Wanderbewegungen der (menschlichen) Völker mit hoher Genauigkeit nachvollziehen.

"Wir sehen im Eismann einen Typ von Helicobacter-Genom, den wir heute noch in Asien unverfälscht wiederfinden und der innerhalb von nordindischen Populationen von den Eltern an die Kinder weitergegeben wird", so Rattei. "Das lässt sich am besten dadurch erklären, dass der Hauptteil der afrikanischen Bevölkerungskomponente erst nach Ötzis Lebenszeit, also in den vergangenen 5.000 Jahren, nach Europa eingewandert ist", erklärte der Wissenschafter.

Einwanderer aus Asien spielten wichtige Rolle
Die Magenbakterien des Eismanns würden damit Theorien stützen, wonach frühe Einwanderer aus Asien - deren Urahnen freilich ebenfalls aus der Wiege der Menschheit, also Afrika stammten - bei der Besiedelung Europas eine zentrale Rolle spielten.

"Man muss dazusagen, dass wir nur eine Person untersucht haben und natürlich nicht wissen, inwieweit Ötzi die Gesamtheit der damaligen Europäer repräsentiert", sagte Rattei. Sehr wohl könne man aber nun die Hypothese aufstellen, dass der afrikanische Einfluss erst nach der Bronzezeit dazukam, und andere Mumien suchen, um diese an ihren Magenbakterien zu überprüfen. "Es ist eine klassische Vorreiter-Studie, die nicht alle Fragen beantworten kann, aber Wege für neue Arbeiten ebnet", meint der Bioinformatiker.

Ötzi ist eine Gletschermumie aus der Wende von Jungsteinzeit zur Kupferzeit, die ein deutscher Bergwanderer 1991 in den Ötztaler Alpen in Südtirol an der Grenze zu Österreich gefunden hat. Sein Todeszeitpunkt war laut Radiokohlenstoff-Datierungen zwischen 3359 und 3105 vor Christus. Nach einem Nahkampf hatte er sich vermutlich auf der Flucht befunden und wurde durch einen Pfeilschuss in den Rücken getötet.

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