Zeigt Lockstrategien
Journalistin gab sich im Internet als IS-Braut aus
In dem Werk, das auf Französisch bereits im Jänner, nun aber auch auf Deutsch erschienen ist, gibt sich die Journalistin Anna Erelle (Pseudonym, unter dem sie schreibt) als "Mélodie" aus - ein junges, naives und orientierungsloses Mädchen, das mit dem IS sympathisiert. In ihre Recherchefalle tappt ziemlich bald ein hoher IS-Kommandant, der sich in die junge Frau verliebt und ihr ein verlockendes Leben an seiner Seite im "Kalifat" verspricht.
"Du wirst von unserem Paradies begeistert sein"
"Hör mir zu! Ich liebe dich, wie ich noch nie zuvor jemanden geliebt habe", wird der Terrorist Abu Bilel im Buch zitiert, das in Frankreich ausgerechnet am 7. Januar, dem Tag des Anschlags auf die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo", erschien. Und es geht in dieser Süßholz raspelnden Tonart weiter: "Es ist mir unerträglich, dass du auch nur noch einen Tag fern von mir inmitten all dieser Sünde lebst. Ich will dich beschützen. Ich will alle Dämonen dieser Welt von dir fernhalten. Wenn du zu mir kommst, wirst du sofort von unserem Paradies begeistert sein."
Bilel soll sich während der zahlreichen stundenlangen Telefonaten auf Skype gerne in Uniform gezeigt haben, um "Mélodie" zu imponieren. Alle Gespräche wurden von der Journalistin, die für das Magazin "Paris Match" arbeitet, aufgenommen. "Mélodie" ist stets vollkommen verhüllt und gibt die strenggläubige Muslimin. Auf diese Art und Weise gewinnt sie Bilels Vertrauen und er drängt sie immer eindringlicher, nach Syrien zu reisen.
"Wir bevorzugen die Konvertiten"
Doch noch möchte Erelle weiter recherchieren und erfährt so einige brisante Details über die Lockstrategien und Vorlieben der Dschihadisten. "Wir bevorzugen die Konvertiten", heißt es an einer Stelle. Auf die Fragen, warum das so sei, antwortet Bilel: "Weil ihr religiöser in der Religion seid und gleichzeitig offener für das Leben. Ihr seid nicht wie die ungläubigen Syrerinnen, die sich zufriedengeben, den Schleier zu tragen, und nicht wissen, wie man einen Mann glücklich macht."
Und das soll "Mélodie" auch nach ihrer Einreise mittels Reizunterwäsche, die sie unbedingt mitbringen müsse, tun. Als seine Ehefrau, zu der sie mit ihrer Einreise nach dem islamischen Gesetz der Scharia automatisch würde, dürfe sie ihn "glücklich machen": Mit Strapsen, Netzstrümpfen, Tangas - unter ihrem Hidschab sei das alles erlaubt, so Bilel. Zudem gebe es in Syrien viele europäische Konvertitinnen, die sie als Freundinnen gewinnen könnte, verspricht der verliebte IS-Kämpfer. So nebenbei erwähnt der IS-Kommandant, dass er Ungläubige geköpft habe.
Morddrohungen und Fatwa gegen Journalistin
Als der Druck auf sie, ins Kalifat zu reisen, immer größer wird, bricht Erelle den Kontakt ab und schreibt zunächst einen Artikel über ihre Recherchen. Spätestens dann erhärtet sich bei Bilel und seinen Dschihad-Kameraden der Verdacht, dass sie gelinkt wurden, und es folgen erste Morddrohungen. Als dann schließlich auch ihr Buch "Dans la peau d'une djih@diste" (deutscher Titel: "Undercover Dschihadistin - Wie ich das Rekrutierungsnetzwerk des Islamischen Staats ausspionierte") erscheint, folgen weitere Morddrohungen und sogar eine Fatwa (ein religiöses Gutachten), die es jedem Muslimen als Pflicht auferlegt, "Mélodie" zu töten. "Tötet sie. Sie ist unreiner als ein Hund. Vergewaltigt sie, steinigt sie, richtet sie zugrunde", heißt es etwa in einem Drohvideo im Internet.
Seitdem lebt die Journalistin, die Interviews nur noch unkenntlich gemacht führen möchte, unter Polizeischutz. Das Ende ihres Buches formuliert es treffend: "Das Damoklesschwert schwebt mehr denn je über mir." Doch für Erelle hat sich die verdeckte Recherchen ausgezahlt. Sie konnte das Projekt abschließen und ihr Buch veröffentlichen.
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