Ilse Aichingers wegweisender Nachkriegsroman „Die größere Hoffnung“ beschwört im Akademietheater eine bestialische Epoche.
Ilse Aichingers einziger Roman hat 1948 im Grunde die gesamte österreichische Nachkriegsliteratur substituiert. Während man in Deutschland mit Böll, Grass und Borchert gnadenlose Selbstanklage übte, verpflichtete man sich hier gleich den Waggerl-Idyllen. Die Aufsässigkeit wurde an die sprachzertrümmernde Wiener Gruppe, später an den Kabarettisten Helmut Qualtinger delegiert. Elfriede Jelinek, Gerhard Roth, Josef Winkler machten sich erst eine Generation später ans Aufräumen.
So blieb „Die größere Hoffnung“ ein Solitär. Die „Halbarierin“ Aichinger war 21, als sie in Wien die Verfolgung und Deportation ihrer Familie erlebte. Sie schuf sich das Alter ego eines kleinen Mädchens, um das ungeheure Verlassensein in eine klaustrophobische Märchensprache umzusetzen. „Die größere Hoffnung“ trägt surreale Züge: Die autobiografische Ellen schließt sich sieben auf einem Friedhof versteckten jüdischen Kindern an, die davon träumen, einen ertrinkenden Säugling zu retten, um vom Bürgermeister belobigt zu werden.
Die schwedische Regisseurin Therese Willstedt hat schon Virginia Woolfs „Orlando“ in ein magisches Ereignis verwandelt. Dessen Benefizien vertraut sie jetzt wieder: Alles ist Sprache und Atmosphäre, delegiert an das fabelhafte Ensemble und eine fast lautlose Geräuschkulisse.
Nichts ist hier elaboriert, kein Video kommt zum Einsatz, Marten K. Axelssons Kulisse besteht aus bühnenhohen Betonpfeilern. Alte und junge Schauspieler ordnen sich um Nina Siewerts großartige Ellen, aber jeder Erwachsene wird durch einen Kinderkomparsen verdoppelt (Ellen sogar durch eine kleine Protagonistin). So schaffen Maresi Riegner, Itay Tiran, Ines Marie Westernströer, Hans Dieter Knebel, Sabine Haupt, Jörg Ratjen und Enes Sahin trotz Brecht’scher Distanz ein dunkles, bestürzendes Meisterwerk.
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