Der Circus Roncalli reiste mit zwei Sonderzügen und mehr als 80 historischen Wagen nach Tirol. Am Innsbrucker Frachtenbahnhof wurden die bis zu 120 Jahre alten Gefährte entladen und zur Olympiaworld gebracht. Dort entstand Schritt für Schritt die Circusstadt für das Jubiläumsprogramm.
Es herrschte lauter Motorenlärm. Ein Traktor setzte sich ruckelnd in Bewegung und zog den ersten Circuswagen vom Transportwaggon. Vorsichtig, fast in Zeitlupentempo, ging es die Rampe hinunter, wo ein Lastwagen wartete. Sein Ziel: das Freigelände der Olympiaworld. Am Innsbrucker Frachtenbahnhof wurde gestern nicht bloß ein Zug entladen – hier setzte sich eine ganze Circusstadt perfekt getaktet in Bewegung.
Dutzende historische Wagen auf großer Fahrt
Rund 80 historische Wagen aus der Sammlung von Gründer Bernhard Paul reisten mit zwei Sonderzügen nach Tirol. Manche sind bis zu 120 Jahre alt und dienen noch heute als Wohn-, Arbeits- oder Materialwagen. Der holzvertäfelte Wagen Nummer 10 etwa ist ein echter Oldtimer. Auf der Straße darf er höchstens 25 km/h fahren – und selbst dieses gemächliche Tempo würde ihn auf längeren Strecken stark beanspruchen.
„Wir haben so viele Wagen, dass es sich nicht lohnt, über die Autobahn zu fahren“, erklärte Roncalli-Geschäftsführer Patrick Philadelphia, dessen Herz seit 31 Jahren für den Circus schlägt. Die Bahn schone die alten Gefährte und sei auf weiten Strecken sinnvoll. Während der Zug Strecke mache, könne das Team sogar einmal eine Nacht im Hotel verbringen. Für die historischen Wagen bedeutet die Schiene eine Reise mit weniger Strapazen.
„Zippo“ zieht den Jubiläumszug nach Tirol
An der Spitze des 1100 Meter langen Sonderzugs rollte die Elektrolok „Zippo“. Ihr buntes Konterfei zeigt jene Clownfigur, mit der Bernhard Paul jahrzehntelang selbst in der Manege stand. Die Lok wurde diesen August in Köln getauft – ein Jubiläumsgeschenk von Rail Bavaria. Roncalli bezeichnet sich als letzten Circus Europas, der noch mit dem Zug von Stadt zu Stadt reist. „Wir freuen uns, wieder in Innsbruck zu sein“, sagte Philadelphia der „Krone“. Paul habe schon vor 16 Jahren auch in kleineren Städten spielen wollen. Innsbruck sei für Roncalli ein besonders schöner Standort.
Mit dem Jubiläumsprogramm zum 50-jährigen Bestehen wolle man nun das Publikum überraschen.
Wunderbare Welt zwischen Rampe und Manege
Während die historischen Gefährte zur Olympiaworld gebracht wurden, stellte das Team dort bereits die Zeltmasten auf. Bis zur Gala-Premiere am Samstag muss das himmelblau-weiße Zelt und das magisch wirkende Drumherum stehen. Rund hundert Mitarbeitende finden in der Circusstadt ihr Zuhause; mehr als 10.000 Lichter tauchen sie in warmen Glanz.
In den alten Wagen reist ein Stück Circusgeschichte mit – nicht als Ausstellungsstück, sondern im täglichen Gebrauch. Darin liegt ihr besonderer Reiz: Was einst von Ort zu Ort zog, ist noch immer unterwegs. Der Zauber begann gestern nicht mit Applaus, sondern mit schwerer Arbeit, Motorenbrummen und dem vorsichtigen Rollen alter Wagen über die Rampe. Der Zauber der Manege war gestern noch fern – doch die Circuswelt hatte Innsbruck bereits erreicht.
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