Im großen „Krone“-Talk

Bilderbuch: Ein Sprung über die Unendlichkeit

Musik
08.10.2026 05:00

Nach fünf Jahren brechen Bilderbuch ihr langes Schweigen. Sänger Maurice Ernst nimmt uns mit auf die Reise zum neuen Studioalbum „∞+1“  (Unendlich plus 1) und blickt zurück auf eine mutige, aber nicht stolperfreie Karriere – und auch nach vorn, denn die Oberösterreicher haben auch nach einem wichtigen Besetzungswechsel noch viel vor.

kmm

Etwa fünf Jahre lang zerschellten so gut wie alle Interviewanfragen an Bilderbuch, die Band entzog sich allen medialen Anfragen, wollte vor allem die Musik sprechen lassen. Vor Veröffentlichung des brandneuen, bereits achten Albums „∞+1“ bricht Frontmann Maurice Ernst sein selbstauferlegtes Schweigegelübde und stellt sich wieder der Presse. „Irgendwann hörst du dich nur mehr selbst reden und fühlst dich wie der größte Klugscheißer“, erzählt uns der Sänger im ausführlichen „Krone“-Gespräch, „ich hatte auch Momente, wo ich mir dachte, die Dinge, die mir wichtig sind, sollen andere erklären. Frauen oder Menschen mit Migrationshintergrund und nicht immer nur ich. Außerdem wurden meine Aussagen früher oft aus dem Kontext gerissen und alle sagen dann: ,Schau dir den Trottel an‘. Aber das muss man aushalten, das ist ein Teil davon. Ich habe nichts zu verstecken und kann mit reinem Herzen in die Öffentlichkeit gehen.“

Rückkehr in die Indie-Zeit
Nach draußen zu gehen, sich auszustellen und zu überraschen, das sind die Grundpfeiler in der Bilderbuch-Karriere, die zwar schon vor mehr als 20 Jahren seinen Anfang nahm, aber erst mit dem Übersong „Maschin“ und dem dazugehörigen Album „Schick Schock“ 2015 richtig Fahrt aufnahm. Seitdem haben Bilderbuch - inklusive des neuen – fünf weitere Werke aufgenommen und dabei so gut wie alles an Sounds verwurstet, die man sich vorstellen kann. „Einmal die Popgeschichte der 60er- und 70er-Jahre rauf- und heruntergespielt“, wie es Ernst schmunzelnd bezeichnet, „der Spirit von Bilderbuch war immer das Eklektische. Heute sind wir aber an dem Punkt angelangt, wo man nichts mehr mixen, sondern nur noch kondensieren kann.“ „∞+1“ ist für Ernst eine persönliche Rückbesinnung. „Zu einem gewissen Teil fühle ich mich so, wie vor 20 Jahren. Wie ein Indie-Musiker und es ist sogar die gleiche Frisur zurückgekehrt“, lacht er, „ich bin nirgends auf der Suche, sondern treffe mich gerade wieder selbst, bevor es wieder auseinandergeht.“

Über die musikalische Vielseitigkeit im Oeuvre von Bilderbuch könnte man ganze Bücher schreiben. „Wir haben sicher oft Haken geschlagen, wo sich den Fans manchmal erst nach zwei, drei Jahren das Gesamtbild offenbart.“ Tatsächlich klingt auch „∞+1“ wie eine Mischung aus bereits bekannten Zitaten, die aber zeitgemäß und mit neuer Motivation zusammengestellt wurden. Auf dem neuen Album gibt’s schräge Noise-Momente, Tanz-Passagen, Electro-Partys und feine Pop-Momente. Fast wie ein Best-Of, ohne ein Best-Of zu sein. „Wir haben immer schon auf verschiedene Art und Weise Songs geschrieben. Tracks wie ,I Love Stress‘ von „Magic Life‘ sind dazu da, um zu schauen, wie weit wir gehen können. ,Checkpoint (Nie Game Over)‘ auf der ,Mea Culpa‘ hat dafür einen langen Atem, das Lied wächst von Jahr zu Jahr. Am Ende des Tages geht es immer darum, einen guten Song zu machen. Das muss das Ziel hinter allem sein.“

Einschneidender Personalwechsel
Auf dem neuen Album stehen zwischen Tracks wie „Baby Junkie“, „Push Reality“ oder „Unterwasser“ Welten. „Kreative Qualität hält sich nicht immer an ein Konzept. Eine Platte zu schreiben ist immer wie Schach spielen. Man muss auch mal zurückgehen, Haken schlagen, in Kurven gehen und sich was überlegen und trauen. Songs wie ,Wahrscheinlich war es der Lippenstift‘ und ,Unterwasser‘ tragen eine übertriebene Emotionalität mit sich herum. Vielleicht wollte ich damit den Emo in mir hervorkehren.“ Markant war die personelle Veränderung. Michael Krammer, Gitarrist und Hauptverantwortlicher für so gut wie alle markanten Riffs der Band, zog aus familiären Gründen nach Argentinien und verabschiedete sich vom Musikerleben. Ihn ersetzt Uche Yara, die mit Bilderbuch schon vor den Rolling Stones im Happel-Stadion auf der Bühne stand und unlängst selbst ein tolles Studioalbum veröffentlichte, „Uche ist eine ganz andere Generation als wir. Das gibt wieder eine neue und frische Perspektive auf die Musik, die wir vielleicht schon verloren haben.“ Fixmitglied wird sie aber nicht, so wie Drummer Lukas König bleibt man gern gesehener Gast. „Eine Trennung ist etwas anderes als der Tod, wie es bei Wanda der Fall war. Sie tun mir sehr leid und ich bin froh, dass wir dieses Schicksal nicht durchleben mussten.“

Uche Yara bringt seit kurzem frischen Wind in die neue Welt von Bilderbuch
Uche Yara bringt seit kurzem frischen Wind in die neue Welt von Bilderbuch(Bild: Lukas Gansterer)

War die Band dazwischen einmal in Gefahr? „Ich würde nicht aufhören, weil einer von uns aufhört. Es gibt noch so viele interessante Sachen zu sehen und zu entdecken. Wir drei Übriggebliebenen haben uns nach Mikes Entscheidung zusammengesetzt, in die Augen geschaut und beschlossen, weiter das zu machen, was wir am liebsten machen.“ Gab es einen Plan B? „Nein, aber wenn Pizzera und Jaus in einem Film mitspielen können, traue ich mir das auch zu. Wichtig ist, dass man mit vollem Herzen dabei ist. Dann ist es egal, ob du ein Album schreibst, einen Film drehst oder ein Käselokal eröffnest.“ Wäre eine Solokarriere möglich? „Das ist nicht notwendig, weil Bilderbuch so aufgebaut ist, dass sich die Band immer verändert. Es ist ein Nest, aus dem heraus man in alle Richtungen fliegen kann und das ist ein Luxus, über den ich auch solo nicht hinausreichen könnte. Ich warte ja selbst schon seit fünf Jahren auf das Marco Wanda-Album und Felix Kummer von Kraftklub war auch schon solo unterwegs. Im Moment sehe ich mich dort aber nicht.“

Der Geist ist noch in der Flasche
Die Freiheiten, die sich Bilderbuch seit Jahren erarbeiten, kommen ihnen gerade in Zeiten von Streaming und der aufkommenden KI genau richtig. „Wir versuchen bei der Musik immer, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Deshalb ist diese Sprache auch so vielseitig. Bei den Texten ist niemand da, da bin ich alleinverantwortlich. Wir müssen uns als Band auch immer wieder hinterfragen und abgleichen. Eine Persönlichkeit wie Mike zu verlieren, tut weh, die Trennung war für alle Beteiligten sehr krass. Aber wir sind da und die Fans spüren, dass der positive Geist bei uns noch immer in der Flasche ist. Wie gehen wir mit Lockerheit, Leichtigkeit und Demut an die Sachen heran.“ Ernst selbst akzeptiert erst seit „Maschin“, dass er Musiker ist. „Das begann damit, dass die Oma sich nicht mehr Sorgen musste, weil ich die Miete selbst bezahlen konnte. Natürlich ist die Musik heute auch Handwerk. Ich bin der Bandleader und verdiene meinen Lebensunterhalt damit.“

In der Szene duellieren sich Bilderbuch nicht nur mit ihrer eigenen Vergangenheit, sondern auch mit sich ständig wechselnden Mechanismen. „Bands werden teilweise geführt wie politische Parteien. Wir bedienen uns derselben Dynamiken, und deshalb suchen wir Wege raus. Von Spotify sind wir eh abhängig, aber jetzt haben wir einen Newsletter, der direkt an unsere Fans geht. Man muss wieder selbst mehr gestalten.“ Musik ist längst ein Teil des Marketings und bei Marketing waren Bilderbuch immer weit voraus. „Die Internet-Blasen funktionieren anders als früher. Durch die Algorithmen verkommt Musik zu einem coolen Asset. Es ist nicht mehr der Musiker, der sich durchsetzt, sondern das Model, das nebenbei singt. Es herrscht – nicht zu Unrecht – wenig Vertrauen in diese ganze Welt. Heute müsste eine Band eigentlich zwei Jahre abseits des Internets existieren, um zu beweisen, dass sie wirklich eine Band und ein nichtkapitalistisches Projekt ist. Ansonsten vermutet man immer die Schuldvermutung, jemand möchte mir nur das Geld aus der Tasche ziehen.“

Wie umgehen mit der KI
Bei Bilderbuch ist natürlich auch die KI ein Thema. Ernst hat eine selten vermittelte Sicht auf das Thema. „Wer sagt denn, dass jemand, der bei der Müllabfuhr arbeitet, das nicht mehr tun will? Viele Menschen sind glücklich in ihren Jobs und nicht froh, dass die KI ihnen die körperlichen Berufe abnimmt. Wenn davon gesprochen wird, dass dann die Leute viel mehr Zeit für anderes haben, impliziert das, dass sie ihre Jobs alle hassen und das ist hoffentlich nicht überall so. Ich bin froh, wenn Leute nicht mehr in einer Sulfatmine arbeiten müssen und dort die Krätze bekommen, aber reden wir da bitte nicht immer von Sachen, die für Menschen gemacht sind.“ Wie auch immer Bilderbuchs Sound sich in Zukunft entwickeln wird, auf „∞+1“ beweisen sie einmal mehr, dass sie an einem unerschöpflichen kreativen Quell hängen. Es mag nicht jede Idee perfekt aufgehen, aber man schmort niemals im eigenen Saft und fordert sich auch nach zwanzig Jahren noch beständig selbst heraus.

Auf die Gesamthistorie der Band angesprochen, fühlt Ernst, dass noch mehr gehen müssen. „Ich habe immer das Gefühl, Bilderbuch könnte größer sein. Warum läuft ,Maschin‘ nicht im Stadion des Nationalteams oder bei großen Events? Dieses Gitarrenriff ist prädestiniert dazu. Ich bin aber positiv eingestellt und glaube, dass der gesamtgesellschaftliche Zeitgeist für uns spricht. Die Welt wird sich in eine Richtung drehen, in der Bilderbuch von Haus aus größer sein wird, es ist nur eine Frage der Zeit.“ Wer 2027 auf die allerfettesten Tourtermine gehofft hat, wird zumindest temporär enttäuscht. Am 7. August spielt man beim Klassik am Dom in Linz, von 14. bis 16. September stehen drei Open-Air-Shows in der Wiener Arena an. Ansonsten wird „∞+1“ eher ein Studioalbum bleiben. „Wir haben uns zu lange nicht darum gekümmert und die großen Hallen sind schnell ausgebucht. Vielleicht kommt einmal der Moment des eigenen Konzerts im Happel-Stadion. Momentan ist es bisher nicht so weit. Wenn ich mir anschaue, wie viele Konzerte englische Bands im Londoner Wembley Stadion spielen, dann müssten wir auch längst so weit sein. Man muss aber auch sagen, dass es in Wien nichts Geileres gibt, als draußen in der Arena zu spielen.“

Das nächste Album wird schon überlegt
Musikalisch hat Ernst nicht nur eventuell größere Konzerte für 2028 im Kopf, auch das nächste Album scheint sich bereits in erste Formen zu gießen. „Es gibt auch noch immer Material von Mike auf unseren Festplatten, es könnte also eine Art Hybrid-Nachgeburt geben. ,∞+1‘ empfinde ich als sehr enge, klaustrophobische Platte. Bei der nächsten Platte wird die Kunst sein, sich nicht allzu ernst zu nehmen.“ Konzeptionell könnte es in Richtung Nerdtum gehen. „Nachdem ich mal türkisch essen war, habe ich mir einen Manga gekauft und auf der Couch daheim durchgeblättert. Da kamen mir so Gedanken. Etwa, was wäre, wenn man so Art Comic-Strips zu Songs macht. Oder Geschichten aus dieser Welt über einen Song erzählt. Ich muss mir das mal anschauen, welche Wirkung das hat und wie sich das anfühlt, aber es kann gut sein, dass die nächste Platte sich in diese Richtung dreht.“ Bis dorthin kann man sich an „∞+1“ laben, ein Album, auf dem Bilderbuch also sogar die Unendlichkeit austricksen.

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