„Krone“-Interview

Ursula Strauss als Kommissarin in „Tiroler Blut“

Unterhaltung
05.10.2026 05:00

Publikumsliebling Ursula Strauss startet heute Abend (20.15 Uhr, ORF 1) in die erste von vorerst zwei Folgen „Tiroler Blut“. In der neuen Krimireihe ermittelt sie als Chefinspektorin Fanny Gruber und hat es dabei innerhalb und außerhalb des Jobs mit schwierigen Familienangelegenheiten zu tun. Wir haben sie zum Interview getroffen.

„Krone“: Frau Strauss, Landkrimis und Krimis mit regionalen Ingredienzien gehen hierzulande immer gut. Sie legen mit den ersten beiden abendfüllenden Filmen „Tiroler Blut“ mit einer neuen Reihe nach. Was hat Sie am Drehbuch überzeugt?
Ursula Strauss:
 Drehbuchlesen ist nicht so einfach wie einen Roman oder eine Prosa zu lesen. Wenn dann aber ein Lesefluss entsteht und mich die Geschichte so reinsaugt und ich nicht weiß, wie es ausgeht und keine Sekunde darüber nachdenke, ob da was hakt, dann klopft was bei mir an. Diese Bücher haben total geklopft, weil sie so dicht waren. Einerseits durch diese Verbundenheit mit der Familie und der Verwurzelung darin, mit der ich sehr viel anfangen kann und die ich sehr gut verstehe. Dann auch das Genre der Gewalt innerhalb der Gesellschaft. Das finde ich so spannend, denn wir leben in einer Zeit, in der Gewalt ein immer größeres Thema wird, aber auch jetzt schon ist. Wir gehen in dem Krimi davon aus, dass die Kernzelle, in der wir alle groß und sozialisiert werden, die Familie ist. Ich finde es so spannend, dass in dieser nahen Umgebung, wo man Menschen gut kennt, meistens die tiefsten Abgründe sind. Es hat mich gereizt, dass es nicht die Anonymität der Stadt ist, sondern die nächste Gegend, das vertraute Umfeld.

Wie in der Realität. Die schlimmsten Dinge passieren direkt vor oder hinter der Haustür …
Die Frauen sind immer dort am unsichersten, wo sie sich am sichersten fühlen sollten. Und darum finde ich es so packend, dass die Reihe genau da ansetzt.

Einerseits dient die Familie von Ihrer Ermittlerin Fanny Gruber als sicherer Hafen, andererseits haben dort absolut alle Polizeierfahrungen und es knistert in der Familie auch immer wieder.
Fanny ist die einzige Frau in diesem traditionellen Polizeigefüge, die es auch zu was gebracht hat. Sie steckt aber auch ständig in einem Zwiespalt: Einerseits will sie dem Vater imponieren, andererseits will sie andere Wege einschlagen. Trotzdem bezieht sie sich immer wieder auf ihn, braucht und sucht seinen Rat. Ich bin grundsätzlich davon überzeugt, dass alles, was wir tun, in unserer kleinen, unmittelbaren Umgebung wahnsinnig stark auf die Gesellschaft und auf die Welt, ausstrahlen kann. In dem Fall von „Tiroler Blut“ ist es so, dass die Familienmitglieder alle auf unterschiedliche Weise dasselbe Ziel haben, dabei aber in unterschiedlichen Lebensphasen um so etwas wie Gerechtigkeit, aber auch um Aufmerksamkeit kämpfen. Das ist das, was uns als Menschen verbindet, dass wir alle gesehen und anerkannt werden wollen, und dass jemand da ist, der sagt: „Du machst das leiwand und ich bin stolz auf dich“.

Lukas Prantl ist ein Familiendespot, der sich mithilfe seines „scharfen“ Hundes vor der Polizei ...
Lukas Prantl ist ein Familiendespot, der sich mithilfe seines „scharfen“ Hundes vor der Polizei schützen möchte.(Bild: Christoph Karl Izmenyi)

Sie sind jemand, die sich auch privat, im richtigen Leben stark bei Themen wie häuslicher Gewalt engagieren. Da ist vor allem der erste Film eurer Reihe mit dem großartigen Dominic Singer als gewalttätiges Familienoberhaupt starker Tobak. Kriegen Sie da bei so intensiven Darstellungen während der Dreharbeiten manchmal Gefühle des Ekels und der Angst?
Das ist eigentlich mein Film-Sohn, der das erledigt und dann in diese Misere reingeritten wird. Aber selbstverständlich macht es was mit mir. Ich kann den Zustand gar nicht beschreiben, wie es mir oft damit geht. Auch jetzt wieder mit diesen Kindesmissbrauchsfällen. Die Art und Weise, wie damit umgegangen wird, wie es medial aufbereitet wird, wie die Gesellschaft darauf reagiert. Mir ist dabei sehr oft schlecht. Das ist einer der Gründe, warum ich mich bei der „UN Orange The World“-Kampagne einsetze. Ich hatte das Glück, dass ich in einem sehr liebevollen, beschützenden und normalen Elternhaus aufgewachsen bin, wo alles selbstverständlich war. Man wurde nicht in den Himmel gelobt. Aber unsere Eltern waren da und wir haben gewusst, dass sie uns beschützen und uns gern haben. Wir waren viel in der Natur und sind in einer kleinen Siedlung sozialisiert worden. Insofern mit einem beschützenden Vater und einer sehr liebevollen und zugewandten, empathischen Mutter aufzuwachsen, kann ich mir Gewalt sehr schwer vorstellen.

Und ich merke, dass es auch in unserer Familie so fürsorglich und liebevoll weitergetragen wird. Aber rundherum schaut es in der Gesellschaft ganz anders aus. Familie ist oft die erste Keimzelle von Gewalt – es ist so schwierig, wie man das in den Griff bekommt. Ich glaube, dass sich die meisten Menschen nach Frieden und Liebe sehnen und nach dieser Form von Liebe gesehen werden. Dass dieser Stress in unserer Gesellschaft so stark ist und dadurch die innerhäusliche Aggression steigt, das muss sich rasch ändern. Wir leben in einem der wohlhabendsten Länder der Welt und sind sehr begünstigt und privilegiert. Es ist nicht zu glauben, dass es die Politik, die Politiker oder unser politisches System nicht schaffen, ehrlich zu den Leuten zu sein und harte Einschnitte zu machen. Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum Finanzverbrechen immer noch stärker bestraft werden als Gewalt gegen Frauen und Kinder.

Ein Thema, das omnipräsent ist und schrecklicherweise nicht seltener wird …
Immer wenn eine Frau ihr Leben lässt, ein Kind missbraucht wird oder stirbt durch die Hand eines ihnen nahestehenden Mannes, kocht das Thema wieder auf. Jedoch verebbt es dann schnell wieder: Bis der nächste Mord passiert, der nächste Femizid auf der Tagesordnung steht, der nächste Kindesmissbrauch in den Schlagzeilen steht. Es muss einfach etwas passieren! Es darf nicht möglich sein, dass zum Beispiel im Fall Pelicot der Mann verurteilt wird, aber alle Mittäter, die diese bewusstlose Frau auf brutale Art und Weise vergewaltigt haben, nicht deutlich bestraft werden. Es muss einfach ganz klar sein, dass das in einer Gesellschaft wie der unseren nicht geht. Das ist doch ein Albtraum. Stellt sich irgendjemand einmal vor, wie es dieser Frau ergangen ist, wie sie gelebt hat? Ich kann das gar nicht aushalten.

Die Scham muss die Seite wechseln und Männer müssen Verantwortung übernehmen. Wir haben es hier mit einem gesamtgesellschaftlichen Problem zu tun. Das können wir nur gemeinsam lösen. Oder in einer anderen aktuellen Causa: Man denke nur einmal kurz darüber nach, wie es diesen Kindern geht. Da heißt es: Der hat ja nur gesammelt. Das sind ja nur Fotos und Filme im Internet. Die Kinder darin sind die Opfer. Sie werden ihr Leben lang davon nicht mehr geheilt. Ich kann das alles nicht nachvollziehen. Wer sind wir als Gesellschaft, wenn wir uns nicht gegenseitig helfen und unterstützen?

Als Schauspielerin wählt man manchmal auch Rollen, um gesellschaftlich einwirken zu können. Ist diese Hoffnung in der Rolle der Fanny Gruber im Falle von „Tiroler Blut“ da?
Das ist immer die Hoffnung. Es ist die schönste Bestätigung, wenn man von den Zuschauern mitbekommt, dass man ihnen über schlimme Phasen hinweggeholfen hat. Für mich ist dieser Beruf wie ein Gespräch mit dem Publikum. Es ist zwar nicht am Set und schaut zu, wie diese Geschichte sich Stück für Stück zusammensetzt, aber in meinem Kopf ist es immer da. Für mich ist dieser Beruf deshalb so toll, weil er in der Kernessenz Liebe und Angstfreiheit bedeutet. Wenn die Tanzfläche leer ist und man ist die Erste, die sich traut, vor anderen zu tanzen, ist das ein bisschen ein Seelenstriptease und es kann unangenehm sein, doch sobald man eröffnet, trauen sich die anderen auch. Und so empfinde ich diesen Beruf als Anregung zur Mitmenschlichkeit, zum Geschichtenerzählen, zum Gespräch, weil es das ist, was in unserer Gesellschaft abhandengekommen ist. Das Miteinander, ins Gespräch gehen. Wir verlernen als Gesellschaft und als Demokratie immer mehr das Miteinandersprechen und das ist sehr gefährlich. Andere Meinungen gibt es eben.

Andere Meinungen muss man aushalten und manchmal muss man eben länger diskutieren oder es auch mal aushalten, dass jemand anderer anders denkt …
Es gehört ausgestritten, es gehört sich aushalten. Das ist vielleicht unangenehmer, aber für unsere Zwischenmenschlichkeit wichtig. Wenn man offenbleibt und Argumente zulässt, wenn man es schafft, wirklich in einen Diskurs zu gehen, der einen Inhalt hat, dann ist man schon irrsinnig weit und es können viele neue Dinge zwischen uns entstehen. Das ist so wichtig für uns als Menschen, auch um die eigene Position besser definieren zu können. Die Leute unterhalten sich lieber mit irgendeinem Chatbot oder mit anonymen Menschen, die tausende Kilometer weit entfernt sind, weil es einfacher ist, sich aus der Verantwortung und auch aus der Menschlichkeit zu entziehen. So bleibt alles an der Oberfläche. Dieser Zustand ist vordergründig etwas Angenehmes, denn da muss man sich nicht reiben, da muss man nicht sich selbst hinterfragen oder in einen Konflikt gehen oder auch mal zugeben, dass man sich geirrt hat. Das Zugeben, dass man sich geirrt hat, gehört zum Leben dazu. Das sind die Momente, aus denen man lernt und sie machen uns menschlicher und lassen uns in tiefe Verbindungen gehen.

Wenn es emotional zu viel wird, dann findet Fanny notfalls auch Trost bei ihrem Exmann.
Wenn es emotional zu viel wird, dann findet Fanny notfalls auch Trost bei ihrem Exmann.(Bild: Nikolett Kustos)

Die Gemeinschaft kommt im Drehbuch von „Tiroler Blut“ auch bei der Familie Gruber gut weg. Man hat sich miteinander, aber man kann auch diskutieren. Dieses Narrativ trägt das Drehbuch bewusst?
So habe ich es verstanden, als ich es gelesen habe. Beim Schreibprozess war ich nicht dabei, aber das ist das, was es transportiert und darüber war ich sehr glücklich, weil es auf verschiedenen Ebenen Wahrheiten bearbeitet und Sehnsüchte bedient. Ich glaube, dass viele Leute schon Sehnsucht haben nach so einem Heimkommen, wo man miteinander ist und man sich erzählt, wie der Tag war. Dieser selbstverständliche Zusammenhalt von Familie, wo man nicht alles dauernd besprechen muss, aber kann und wo man streiten darf, ohne dass man sich entliebt. Das ist wirklich etwas Tolles, was in „Tiroler Blut“ erzählt wird.

Nächstes Jahr spielen Sie die Ermittlerin Angelika Schnell in „Schnell ermittelt“ seit 20 Jahren – bestand die Gefahr, dass die Ermittlerin Schnell überhand von Ermittlerin Grube nehmen könnte?
Ich hoffe, Sie geben mir recht dabei, dass dem nicht so ist? Ich habe mich bemüht, eine komplett andere Figur zu erzählen und habe am Anfang kurz gedacht, ob sich das ausgeht? Und dann habe ich gedacht: „Ja, das geht sich aus.“ Das ist eine ganz andere Figur, ein ganz anderes Setting, es spielt am Land und nicht in der Stadt. Die Sprache ist anders, der Zugang ist anders, der innere Stress ist ein anderer. Es sind viel weniger Schmäh und Leichtigkeit dabei. Bei der Leseprobe habe ich mir noch gedacht, ich muss schauen, dass ich da einen Unterschied zusammenbringe. Dann ergaben sich aber durch die Konstellationen, dass Fanny Gruber viele Menschen in ihrem Umfeld persönlich kennt. Es sind vollkommen andere Welten und ich hoffe, das sieht man.

Die ersten beiden Teile sind jedenfalls mehr als gelungen und vermischt mit der Krimiliebe der Österreicher schreit alles nach einem Weitermachen.
Wenn der Grundstock stimmt, und das ist hier meiner Meinung nach der Fall, ist die Chance aufs Weitermachen groß. Sie sehen selbst, wie sich der Quotendruck erhöht hat. Als wir vor 19 Jahren mit „Schnell ermittelt“ begonnen haben, war das mit den Quoten anders. Ich weiß gar nicht, wie man sie heute misst und wie entschieden wird, ob es weitergeht oder nicht. Ich denke mir, Qualität ist vielleicht ein gutes Zeichen oder ein guter Anfangspunkt und ich hoffe, dass wir das erreicht haben. Wir haben auf jeden Fall sehr intensiv und respektvoll versucht zu arbeiten und genau zu sein. Jeder hat seine volle Leidenschaft eingesetzt. Schauen wir also mal.

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