Kurt Kotrschal beleuchtet in seinem neuen Buch das Beziehungsdreieck Mensch, Tier und Gesellschaft – und er fordert ein Umdenken. Im Gespräch mit der „Krone“ sagt er, warum Tiere für ihn Persönlichkeiten sind und wie er es mit dem Fleischkonsum hält.
Was wäre der Mensch ohne die anderen Tiere? In seinem neuen Buch „Unser Recht auf ein Leben mit Tieren“ geht Kurt Kotrschal, der berühmte Verhaltensforscher, dieser faszinierenden Frage nach.
Mit viel persönlicher Leidenschaft und einem feinen Gespür für die Verbindung zwischen Mensch und Tier eröffnet er überraschende Perspektiven auf die Natur. Und er macht deutlich: Der Mensch braucht Tiere als Partner auf der Welt. Er fordert sogar ein Recht auf ein gutes Zusammenleben von Mensch und Tier ein.
„Krone“: Was war der Anlass für das Buch?
Kurt Kotrschal: Immer noch werden Tiere als ’Sachen’ behandelt, obwohl sich viele von ihnen gar nicht so sehr von uns unterscheiden, wie wir heute wissen. Ebenso klar ist, dass Menschen die anderen Tiere zu einem guten Leben benötigen. Mein Buch soll zeigen, wie sehr wir zusammengehören, und woraus sich ein Recht der Menschen, aber auch der Tiere auf ein gutes Zusammenleben ergibt.
Tiere werden gerne so dargestellt, als ob sie nur für unser Wohlbefinden wichtig wären. Aber sind Tiere nicht viel mehr?
Es ist nicht zu unterschätzen, dass Menschen in guter Beziehung zu Tieren, wie etwa zu Hunden, im Schnitt gesünder und länger leben. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Wir halten Tiere unter teils grausamen Bedingungen und essen sie – und manchmal essen sie auch uns. Dabei übersieht man gerne, wie eng wir mit ihnen körperlich und geistig verwandt sind, dass die menschliche Spiritualität in der Tierbeziehung entstand, und dass sie über die gesamte Geschichte der Menschheit überaus wichtig waren. Die Beziehungen zu den anderen Tieren machen uns als Menschen und Kulturwesen aus.
Wie können wir Tiere denn endlich anders sehen?
Es gibt natürlich die unterschiedlichsten Tiere, von der Amöbe bis zu den Schimpansen. Zumindest mit vielen Säugetieren und Vögeln, aber sogar auch mit manchen Fischen teilen wir ein komplexes Zusammenleben, geistige Leistungen und auch wie wir sozial ticken: Diese Tiere sind Persönlichkeiten wie wir, für sie müssen daher ähnliche moralische Maßstäbe gelten.
Dann könnten wir aber keine Massentierhaltung mehr betreiben.
Was natürlich Theorie bleibt, weil die Zahl der Veganer zwar steigt, aber nie die gesamte Menschheit umfassen wird (zumal die Fleischlobby nach Kräften dagegenhält). Es bleibt also viel Ambivalenz, worauf ich auch im Buch eingehe. Wichtige Schritte wären mehr Respekt vor Kumpan- und Wildtieren, aber auch vor Nutztieren. Eigentlich gibt es keinen prinzipiellen Unterschied mehr zwischen Menschen und anderen Tieren. Das vertreten mittlerweile auch universitäre Ethiker und viele junge Leute.
Essen Sie Fleisch oder sind Sie Vegetarier?
Flexitarier, mit vegetarischen Phasen. Wie ich zugeben muss, essen wir gelegentlich immer noch Fleisch, allerdings bekannter Herkunft, nicht aus Massentierhaltung. Aber getötet müssen sie natürlich immer noch werden .
Mich erschreckt, wie rasant die Lebensräume für Wildtiere verloren gehen. Was bedeutet das für uns Menschen?
Das bedroht unser gutes Leben und die Zukunft unserer Kinder, da wir auf die ’Ökosystem-Leitungen’ dieser Lebensräume und ihrer Bewohner angewiesen sind. Schließlich sind alle unsere Nahrungsmittel Natur. Stahl, Glas und Beton können wir nicht essen! Es braucht daher mehr biologische und naturnahe Land-und Forstwirtschaft, wieder vernässte Moore und aus ihre Betonkorsetten befreite Flüsse, um den immer noch rasenden Verlust an Wildtieren zu bremsen und um Klimagase aufzunehmen.
Was bedeutet das für die Forderung, dass wir das Recht haben mit Tieren zu leben?
Dass etwa unsere Wohnungen und Stadtviertel geeignet sind, mit anderen Tieren zusammenzuleben. Vor allem aber bedeutet das umgekehrt auch das Recht der anderen Tiere, gut mit uns Menschen zusammenzuleben, ohne massiv ausgebeutet zu werden, Das gilt für Heim-und Kumpantiere ebenso, wie für die Tiere in den Fleischfabriken dieser Welt. Und natürlich auch für die Reste an Wildtieren, die es auf der Erde noch gibt.
Mit welchem Tier leben Sie zurzeit eng zusammen?
Mit einer alten Hündin und einem uralten Rüden, beides Eurasier, wir genießen das Zusammensein und lange Spaziergänge. Zudem bevölkern Süßwasser- und Meeresfische, sowie viel anderes Getier, die Aquarien im Haus. Im Garten lassen Hühner, Molche, Insekten, Spinnen, Schnecken jeden Tag staunen, ebenso die Vögel, die kommen. Mein Leben ohne die anderen Tiere wäre arm!