Beim deutsch-russischen Treffen der Außenminister Sergej Lawrow und Johann Wadephul gab es seitens Russlands zahlreiche kleine Provokationen. Im Fokus: ein 21-seitiger Propaganda-Bericht, in dem das Massaker von Butscha als ukrainische Inszenierung abgetan wird ...
Lawrow legte seinem deutschen Amtskollegen bei deren Treffen am Samstag in New York ein provozierendes Schriftstück vor. Die Chefdiplomaten samt ihren Mitarbeitern trafen sich im Besprechungsraum der russischen Delegation im UN-Gebäude.
Das Gespräch dauerte rund 20 Minuten. Als Wadephul eintraf, lag bereits ein Dokument in englischer Sprache auf seinem Platz.
Verweis auf Nazi-Propagandaminister
Dabei dürfte der Titel besonders auch als Provokation für die deutsche Delegation gedacht sein. Er verweist nämlich auf Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels. „,Die Erben Goebbels’: Fälschung der Ereignisse in Butscha und blutige Inszenierung des Kiewer Regimes“, ist das 21-seitige Heft überschrieben.
400 tote Zivilisten beim Massaker von Butscha
Es handelt sich um eine propagandistische Schmähschrift über die russischen Gräueltaten in Kiewer Vorort Butscha. Dort hatten russische Soldaten im Frühjahr 2022 wahllos Menschen erschossen und gefoltert. Rund 400 Zivilisten starben. In dem Pamphlet werden diese unabhängig bestätigten Handlungen als westliche Propaganda abgetan.
Putins Sprecherin verspottet Wadephul
Ein Video zeigt, wie Wadephul einen kurzen Blick auf das Heft wirft, um es dann mit einem Block und einem Stift zu verdecken und schließlich beiseitezuschieben. Putins Sprecherin im Außenamt, Marija Sacharowa, teilte die Szene auf Telegram und verspottete Wadephul: Er habe das Papier „schamhaft verdeckt“.
„ABC der russischen Propaganda“
Aus deutschen Delegationskreisen hieß es gegenüber der „Bild“, das Papier sei „ein billiger Versuch zu provozieren“ gewesen. Ein solches Vorgehen gehöre zum „ABC der russischen Propaganda“.
Der frühere Diplomat Wolfgang Ischinger äußerte Unverständnis über den Vorfall. Er erklärte auf X: „Der deutsche Außenminister muss sich von niemandem, jedenfalls nicht von einem russischen Minister, verhöhnen lassen, der zu Hause in Moskau zero Einfluss hat.“
Moskau und Berlin: Erste Gespräche seit Beginn des Ukraine-Kriegs
Zum ersten Mal seit Beginn des Ukraine-Kriegs hatten sich die Außenminister beider Länder bilateral getroffen. „Mit Freunden muss man nicht verhandeln, mit Gegnern muss man verhandeln“, hatte Wadephul in den ARD-„Tagesthemen“ erklärt. Daher sei das Gespräch mit Lawrow sinnvoll gewesen, auch wenn es kein positives Ergebnis gebracht habe. „Aber allen, die immer wieder sagen, Deutschland muss verhandeln, Deutschland muss mal mit Russland reden, denen erwidere ich jetzt: Das tun wir.“
Damit setzte Berlin erstmals wieder auf direkte Gespräche, und das trotz anhaltender Spannungen. Wadephul hatte Kremlchef Wladimir Putin erst vor wenigen Tagen eine zunehmende Aggression gegen Europa vorgeworfen, unter anderem vor dem Hintergrund des Drohnenfundes am Leipziger Flughafen. Die Bundesregierung machte Russland nach dem Fund einer mit Sprengstoff präparierten Drohne neben ukrainischen Frachtflugzeugen Anfang August für den versuchten Angriff verantwortlich und kündigte Sanktionen an. Moskau wies die Vorwürfe zurück und ordnete Gegenmaßnahmen an.
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