4 Jahre nach Massaker
Erinnerung an Butscha: „Wir haben Witze gerissen“
Vor vier Jahren erfuhr die Welt vom grauenhaften Massaker der Russen in Butscha. Am Rande des Kiewer Vororts war damals Iurii Gudymenko im Einsatz. Die „Krone“ hat mit dem 38 Jahre alten Politiker, Soldaten und Korruptionsaufdecker gesprochen.
Schon lange vor dem russischen Einmarsch ist der Ukrainer Iurii Gudymenko äußerst umtriebig: Er beteiligt sich an den Euromaidan-Protesten, ist Mitbegründer der liberalen Partei „Demokratische Axt“ und ruft zur Amtsenthebung von Präsident Wolodymyr Selenskyj auf – wegen Korruption und seines zu sanften Umgangs mit Russland.
Als im Dezember 2021 der russische Truppenaufmarsch an der Grenze beginnt, schreibt sich Gudymenko bei der Armee ein. „Mir war klar, das bedeutet Krieg. Ich wollte meinen Platz finden, damit ich Freunde, Waffen und meine Befehle habe, sobald es losgeht“, erzählt er. Er beginnt, an Übungen der Reserve in Kiew teilzunehmen. „Aber ich war selbst noch kein Soldat, ich war Freiwilliger, der mit Soldaten arbeitete“.
„Ich bin als Soldat aufgewacht“
Im Februar 2022 bricht er zusammen mit Julija Pajewska, der als Taira berühmt gewordenen Sanitäterin und dem prominenten Scharfschützen Serge Marko nach Mariupol auf, um das 503. Bataillon der Marineinfanterie mit Ausrüstung zu versorgen. Geplant ist, einmal zu übernachten. In dieser Nacht beginnt die Invasion. „Ich bin als Zivilist schlafen gegangen und als Soldat aufgewacht. Der Major weckte uns und sagte: ‘Der Krieg hat begonnen, ihr seid jetzt Soldaten. Nehmt eure Waffen und schützt die Basis!‘“, erinnert sich Gudymenko.
Nach zwei Tagen kommt der Befehl, nach Kiew zurückzukehren. Aber während Gudymenko aus der Region Donezk zurück in die Hauptstadt reist, wird seine Kompanie zum Flughafen von Kiew beordert, um ihn zu verteidigen. „Ich kam also zum Stützpunkt und war alleine dort, ohne Kommandeur. Ich wartete, hatte nur meine eigene Waffe, einen Jagdkarabiner, den ich zwei Jahre vor Kriegsbeginn gekauft hatte“, schildert der Veteran.
Zufällig kommt ein alter Freund vorbei, der einen Pioniertrupp anführt. Gudymenko schließt sich ihnen an. Ihre Aufgabe: Eigene Minen legen, feindliche Minen räumen. Aber es gibt nur vier, fünf Leute mit Erfahrung. „Alle anderen, mehr als 100, waren normale Leute wie ich, die Minen nur aus Hollywood-Filmen kannten.“ Nach kurzem Einsatz in Kiew meldete sich der Soldat im März 2022 freiwillig, um im Vorort Irpin, an der Grenze zu Butscha, Minen zu räumen. Zur selben Zeit ermorden die Russen im Nachbarort mehr als 400 Zivilisten, bevor sie am 31. März abziehen.
„Wir wussten nicht, was dort passiert“
Iurii Gudymenko, wenige Kilometer entfernt, hört die Schüsse. „Ich weiß, das klingt verrückt, aber wir wussten nicht, was dort passiert“, erzählt er. Es gibt kaum Handynetz und kein Internet, denn Starlink wird erst aufgebaut. „Wir haben Witze gerissen, darüber, dass sich die Russen selbst umbringen oder so. Wir haben etwas gebraucht, worüber wir lachen können.“
Schwer verwundet
Was genau in Butscha geschieht, erfährt Iurii Gudymenko erst viel später. Bei Kämpfen nördlich von Charkiw wird er im Sommer 2022 schwer verwundet. Er verliert fast seine rechte Hand, bis heute ist sie gelähmt. Auch ein Bein wird getroffen. Über ein Jahr lang ist der 38-Jährige bettlägerig, ein Dutzendmal wird er in der Ukraine und den USA operiert. Er muss neu gehen lernen. „Als ich wieder gehen konnte, fuhr ich mit meiner Frau nach Irpin und Butscha“, erzählt er und wird emotional. Dort sieht er die Massengräber, wo Hunderte Tote ohne Namen unter der Erde liegen. „Da habe ich verstanden, dass das alles passiert ist, während ich zwei oder drei Kilometer entfernt war. Ich hatte keine Ahnung. Das ist hart, aber wahr“.
Wegen seiner Verwundung scheidet Gudymenko aus dem Militär aus, für seinen Dienst erhielt er einen Orden. Eine neue Aufgabe fand er Anfang Jänner 2025 als Vorsitzender des Öffentlichen Antikorruptionsrat im ukrainischen Verteidigungsministerium. Vergangenes Jahr landen er und sein Team, ohne es zu wissen, einen Coup. Sie deckten ein Komplott im Verteidigungsministerium auf, bei dem billige kugelsichere Westen aus China weit überteuert angekauft werden sollten. „Wir sahen etwas, das aussah wie Korruption und stoppten den Plan. Wir wussten aber nicht, wer der Mann an der Spitze ist.“
Beispielloser Korruptionsskandal
Erst als im November 2025 die ukrainischen Korruptionsjäger Razzien durchführten und der Skandal internationale Wellen schlug, wurde klar, dass im Zentrum Timur Minditsch steht, ein enger Vertrauter von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Minditsch setzte sich noch vor der Durchsuchung seiner Wohnung ins Ausland ab. Der Skandal ist weitreichend, so musste unter anderem Selenskyjs Bürochef Andrij Jermak zurücktreten. Auch gegen Ex-Verteidigungsminister Rustem Umjerow wird in dem beispiellosen Skandal ermittelt, er weist die Korruptionsvorwürfe zurück.
Gudymenkos Arbeit geht weiter. „Es gibt noch immer Korruption hier“, sagt er unumwunden. Aber die Situation werde besser: Prozesse bei der Beschaffung im ukrainischen Verteidigungsministerium werden digitalisiert, somit transparenter und weniger anfällig für Korruption.
Saporischschja ist nicht mehr russisch
Parteipolitisch ist der 38-jährige Ukrainer nicht mehr aktiv, die meisten Politiker seiner Partei sind in der Armee. Die „Demokratische Axt“ ist jetzt eine Freiwilligenorganisation, die Soldaten mit Ausrüstung beliefert. Gudymenko kommt bei seiner Arbeit viel herum, auch in seine Heimatstadt Saporischschja, von der die Front jetzt nur 20 Kilometer entfernt ist. Er streicht die Wandlung hervor, die die Stadt seit Kriegsbeginn durchgemacht hat. „In meiner Kindheit sprachen hier 99 Prozent Russisch. Jetzt höre ich viel Ukrainisch, es gibt ukrainische Musik, ukrainische Künstler, ukrainische Filme. So verändert sich die Gesellschaft, wenn dein Nachbar dich angreift.“











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