Opfer in Angst

Gewalt gegen LGBTIQ+ stieg durch Corona und Hetze

Österreich
27.09.2026 13:06
Porträt von krone.at
Von krone.at

Betroffene berichten von Pöbeleien, Beschimpfungen, Anspucken, sexuellen Übergriffen, Mobbing und auch brutalen Schlägen: LGBTIQ+-Personen sind häufiger von Gewalt betroffen als andere und empfinden danach enorme Scham.

In der Öffentlichkeit bekannt gewordene Fälle wie der Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin, die sogenannten Pädo-Hunter oder das mutmaßlich homophobe Tötungsdelikt in Langenzersdorf in Niederösterreich sind nur die Spitze des Eisbergs. Vielmehr wird kaum über tagtägliche Übergriffe im öffentlichen Raum gesprochen.

Joe Niedermayer von den RosaLila PantherInnen in Graz, der LGBTIQ+-Interessenvertretung in der Steiermark, erzählte etwa von einem jungen Mann, der am Heimweg nach einer Feier an der Alten Donau einfach grundlos niedergeschlagen wurde, nur weil er sichtbar queer lebt. Der Verprügelte erstattete keine Anzeige – aus Scham. „Und das ist genau das, was feindselige Gruppen wollen: So wie früher darf es keiner wissen“, sagte Niedermayer. „Aber wenn du dich einschüchtern lässt, haben sie erreicht, was sie wollen.“ Laut einer EU-Befragung hat sogar jeder Zehnte schon einen queerfeindlichen Angriff erlebt.

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Wenn du dich einschüchtern lässt, haben sie erreicht, was sie wollen.

Joe Niedermayer, RosaLila PantherInnen in Graz

Thema Gewalt in Beratungen Thema
Laut den psychosozialen Beratungsstellen, wie etwa den RosaLila PantherInnen oder auch Courage aus Wien, haben die Meldungen über Gewalt in ihren Konsultationen zugenommen. Auf die Frage, ob das in den Gesprächen mit Klientinnen und Klienten Thema sei, sagte Johannes Wahala, der Leiter von Courage: „Also, ich bin geneigt zu sagen, in fast allen Beratungsprozessen, ja.“ Besonders betroffen seien Transmädchen bzw. -frauen, die bei ihrer Geburt als männlich eingeordnet wurden, und junge Burschen und Männer, die mit ihrem Aussehen und ihrem Verhalten „nicht den männlichen Rollenbildern“ entsprechen, sagte Wahala. „Erst gestern war eine junge Transfrau bei mir, die gerade in ihrem Transitionsprozess ist und permanent auf der Straße angepöbelt, angespuckt und angerempelt wird. Also das Thema Gewalt ist bei uns ein sehr, sehr präsentes und häufiges Thema.“

Gerade Transmädchen und -frauen hätten es in ihrer Transition schwieriger, da männliche Merkmale wie der Bartwuchs, Stimme oder die Silhouette oft nicht vollständig geändert werden können. Gerade jene, die sehr spät mit der Hormontherapie beginnen würden, hätten stärker damit zu kämpfen. Wahala glaubt, dass es schon an der derzeitigen Gesellschaft liege, dass nicht verstanden werde, kein Mann sein zu wollen.

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In den letzten 20 Jahren ist das Lesbisch-Schwul-Sein schon angekommen, aber trans ist neu, das akzeptieren die Menschen noch nicht. 

Johannes Wahala, Leiter von Courage

Angst vor transphober und transfeindlicher Gewalt wird größer
In den Beratungsstellen von Courage sind von jährlich 1700 bis 1800 Klientinnen und Klienten die Hälfte trans. In den Gruppenberatungen bemerkt Wahala vor allem, dass die Angst vor transphober und transfeindlicher Gewalt immer größer wird. Es würden sowohl Jugendliche als auch Erwachsene berichten, dass sie zunehmend von psychischer, verbaler, aber auch körperlicher Gewalt betroffen seien. Ein Drittel der Transmädchen und -frauen hätten ihm zufolge bereits Gewalt erlebt. Davon konnte auch Joe Niedermayer aus Graz berichten. „In den letzten 20 Jahren ist das Lesbisch-Schwul-Sein schon angekommen, aber trans ist neu, das akzeptieren die Menschen noch nicht.“ Es sei „ganz viel von der Homophobie an die Transphobie vererbt worden“. Besonders schlimm ist das für Menschen, „die noch so mit sich hadern, dass sie sich noch nicht annehmen können“, sagte Wahala. „Das tut mir dann oft im Herzen weh, wenn sie mir sagen: ,Naja, wissen Sie, ich frage mich, vielleicht hat er (der Täter, Anm.) da Recht gehabt, weil ich so bin, wie ich bin.‘“

Der Grund für den Hass auf diese Menschen sehen beide Experten einerseits als Folge durch die Corona-Pandemie, wo nicht nur die Support-Netzwerke weggefallen sind, sondern auch die Hetze im Netz zugenommen hat, sowie die wieder populär gewordene rechtskonservative Politik. Und in den vergangenen Jahren kam es zudem zu einer Retraditionalisierung von Geschlechterrollen. „Und da erleben wir mittlerweile schon fast einen Kulturkampf“, sagte Wahala. „Corona hat ganz viel beschleunigt“, bekräftigte auch Niedermayer. Anonymität sei ein starker Treiber und von Social Media würde eine Gefahr ausgehen. Die Fälle von sogenannten Pädo-Huntern, die homosexuelle Männer zu einem vermeintlichen Sex-Date gelockt und dann verprügelt haben, hätten diesen Hass in die Sichtbarkeit gebracht.

Viele zeigen Übergriffe nicht an
Ein Großteil der Betroffenen zeigt die Vorfälle bei der Polizei nicht an. Gründe für das Schweigen: Angst vor weiteren Repressalien, Scham, das Gefühl, dass verbale Übergriffe „nicht ernst genug“ seien, oder mangelndes Vertrauen in Behörden. Laut der EU-Umfrage wurde nur einer von fünf (21 Prozent) Vorfällen von körperlicher oder sexueller Gewalt einer Organisation gemeldet, darunter ist auch die Polizei gefasst (14 Prozent).

Besonders sichtbar queere Menschen werden oft Ziel von queerfeindlichen Angriffen. Die Wiener Drag Queen Ryta Tale hat eine solche Attacke erlebt. Sie legt regelmäßig als DJ bei einer queeren Party-Reihe in einem Club am Wiener Gürtel auf. An einem Abend wurden sie und ihre Freundinnen vor der Tür des Clubs von einem vorbeifahrenden Auto aus mit Eiern beworfen. Die Täter waren verschwunden, bevor Beweisfotos aufgenommen werden konnten. Als Tale und ihre Freundinnen begriffen hatten, dass sie Ziel eines queerfeindlichen Angriffs geworden sind, löste die Erkenntnis Besorgnis aus. Und auch sie hatte Angst, den queerfeindlichen Vorfall zur Anzeige zu bringen. Tale berichtet von Menschen aus ihrem Umfeld, die von der Polizei „belächelt“ wurden, als sie homophobe Angriffe zur Anzeige bringen wollten. Auch sie selbst würde sich unwohl damit fühlen, sich an die Polizei zu wenden: „Ich wäre schon sehr nervös, dann dort zu einer Stelle zu gehen und das zu berichten, aus Angst, dass ich eh nicht ernst genommen werde.“

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