Viktor Gernot, Musiker

„Die Fähigkeit, Humor zu erkennen, ist im Sinken“

Wien
25.09.2026 11:00

Warum Entertainer Viktor Gernot in seinem neuen Programm lieber auf „ganze Lieder und ganze Geschichten“ statt „trauriger Witze“ setzt, was ihm derzeit den Ehrgeiz für Kabarett nimmt – und die eine Frage, die er Frank Sinatra gern gestellt hätte.

Viktor Gernot präsentiert sich in seinem neuen Programm mit voller Absicht ganz allein als Musiker und „ausdrücklich“ nicht als Kabarettist auf der Bühne. Der „Krone“ erklärte er, warum.

„Krone“: Warum tun Sie sich das an, einen Musikabend komplett allein zu stemmen?
Viktor Gernot: Ich habe auch bisher bei Programmen hin und wieder einmal eine Nummer allein gespielt – und umgekehrt immer sehr gute Begleitmusikerinnen und Begleitmusiker haben dürfen. Da denkt man sich schon, da komme ich allein nicht auf die Qualität. Aber inzwischen denke ich mir, es ist ja kein Hundertmeterlauf, sondern es geht um die Lust und die Neugier und die Herausforderung dran. Viele ehemalige Klassenkameraden reden über Gleitzeit und Frühpension. Ich mache es mir lieber noch einmal anspruchsvoll. In der Vorbereitung gab es zwar Momente, wo ich mir gedacht habe: „Na super, was hast Du Dir da angetan“, aber jetzt sage ich einmal (klopft auf Holz): Gott sei Dank habe ich mir das angetan.

„Ausdrücklich kein Kabarett“

In seiner Solo-Show verspricht Viktor Gernot „Lieder über das Leben und die Liebe“ und Anekdoten, aber „ausdrücklich kein Kabarett“. Die Premieren-Tage im Wiener CasaNova sind ausverkauft, Chancen auf Karten hat man etwa für den Auftritt am 30. Oktober im Wiener Globe und für die Österreich-Tour im November.
Termine: viktorgernot.at 

Sie versprechen eine „Rückschau auf 40 Jahre Showbusiness“ - das klingt schon ein bisschen nach Bilanz …
Der Blick zurück ist, auf gut Wienerisch gesagt, aufg’legt, weil ich Lieder ausgesucht habe, die für mich persönlich eine Bedeutung haben und oft im Zusammenhang mit meiner Karriere und Begegnungen stehen, und dann eben auch diese Geschichten dabei sind – aber das nicht mit dem Ziel, dann einem Punkt zu machen hinter diesem Programm. Also, wenn mir die Kraft, Energie und das Konzentrationsvermögen (lacht) noch vergönnt sind, dann, denke ich, mache ich noch eine Weile weiter.

Viktor Gernot im Gespräch
Viktor Gernot im Gespräch(Bild: Eva Manhart)

Nach dem Album mit Jazzsängerin Simone Kopmajer nun wieder ein musikalisches Programm. Finden Sie lustig sein nicht mehr so lustig? Oder ist das durch Ihr „Lotterbuben“-Programm mit Thomas Stipsits abgedeckt?
Damit haben wir eine unglaubliche Spielzeit von über zwei Jahren gehabt, aber da machen wir einmal einen Strich drunter, mit ganz großem Finale in der Wiener Stadthalle am 30. Dezember. Ich werde mit großer Wahrscheinlichkeit wieder irgendwann Kabarett spielen, aber da ist jetzt gar kein Ehrgeiz da. Wahrscheinlich auch deswegen, weil man inzwischen sehr angehalten ist, jede Pointe darauf abzuklopfen, ob irgendjemand empört sein könnte.

Zitat Icon

Die Empörungsbereitschaft ist – trainiert durch Soziale Medien – unglaublich gestiegen. Man müsste ja hinter jedem Satz sagen: Halt, das ist eine Überhöhung.

Viktor Gernot

Das spüren Sie?
Das spürt jeder. Das kopfschüttelnde Publikum hat sich vervielfacht. Der Michael Niavarani und ich wurden ja schon wegen einer 20 Jahre alten Pointe über Paare beim Ikea, wo Männer verzweifeln, weil Frauen Teelichterln kaufen, in einem Universitätslehrgang als übles Beispiel für das Verbreiten stereotypischer Geschlechterrollen angeführt. Da sind wir sehr stolz drauf (lacht), aber im Ernst: Es gibt inzwischen keine große Bereitschaft mehr zu Diskurs. Da gibt es viel Augenverdrehen, und die Empörungsbereitschaft ist – trainiert durch Soziale Medien – unglaublich gestiegen. Es gibt ganz viele Leute, die sich als Empfänger fühlen von etwas, das nie an sie gesandt wurde. Man müsste ja hinter jedem Satz sagen: Halt, das ist eine Überhöhung, das ist Satire, das ist Ironie, das ist ein Witz. Die Fähigkeit, Humor, Satire und Ironie überhaupt zu erkennen, ist, glaube ich, im Sinken.

Beim Interview am Vorabend der Premiere seines neuen Programms mit Viktor Gernot in einem Wiener ...
Beim Interview am Vorabend der Premiere seines neuen Programms mit Viktor Gernot in einem Wiener Traditionscafé(Bild: Eva Manhart)

Apropos moderne Zeiten: Sie begreifen sich ja in der klassischen Entertainer-Tradition, von Frank Sinatra bis Peter Alexander, die manchen inzwischen als altmodisch gilt ...
Ich gehe natürlich auch von meinem Geschmack und meinem Anspruch aus. Und ich mag das ja. Ich bin in dem Sinne ja kein Dienstleister, der die Länge der Nummern nach der durchschnittlichen Aufmerksamkeitsspanne modellieren muss. Das ist mir herzlich wurscht. Wenn ich unterhalten werden will, sind mir ganze Lieder und ganze Geschichten mit einer schönen Schlusspointe auf jeden Fall lieber als 21-Sekunden-Fetzen und irgendwelche Witze. An so einem Abend würde ich wahrscheinlich mit einem ganz traurigen Gesicht im Publikum sitzen – vielleicht sogar weinen.

Sie sind ja selbst auch großer Sinatra-Fan …
Er war für mich immer der größte Erzähler unter allen Entertainern. Leute wie Sammy Davis sind wohl als Musiker virtuoser und durch die Bank beeindruckend, aber berührt hat mich der Frankie Boy am meisten, das ist erstklassig, was der gemacht hat.

Wenn Sie ihm eine Frage stellen könnten, welche wäre das?
Ich hätte ihn gern gefragt, welche unter seinen unzähligen Aufnahmen er sich selbst hätte sparen wollen im Blick zurück.

Und haben Sie einen Tipp?
Mrs. Robinson.

Wenn Sie sich zu den Dingen, die Sie können, noch etwas dazu wünschen könnten, was wäre das?
Ich habe viel Zeit in meinen Beruf, aber wenig Zeit in Musiktheorie gesteckt. Die Fähigkeit, ein Big-Band-Arrangement und dann vielleicht auch noch Streicher hineinschreiben zu können, so dass das ein Orchester dann auch wirklich spielen kann – das wäre eine handwerkliche Variation, die ich mir noch gerne draufgeladen hätte.

Und was darf man nach dem jetzigen Programm von Ihnen erwarten?
Das nächste große Projekt von mir ist ein Programm mit großem Orchester im nächsten Herbst: mit Streichern, Bläsern, Chorsängerinnen. Nachdem ich ja immer auch Produzent von meinen Sachen bin, ist das zwar auch ein großes finanzielles Wagnis, aber ich denk‘ mir: Wenn schon, denn schon.

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