„Red Flags“ lautet das Motto des steirischen herbst 2026. Die zentrale Ausstellung gleichen Titels in der Grazer Griesgasse 34 lässt diese Warnzeichen weit hinter sich und zeigt bis 15. November ein Puppenhaus voller Albträume.
Das Bild einer Gesellschaft, die sämtliche Warnzeichen (als solche gelten Red Flags) längst hinter sich gelassen hat, zeichnen Ekaterina Degot und ihre Kokuratoren David Riff, Line Spellenberg und Pieternel Vermoortel in der zentralen herbst-Ausstellung im Haus am Grazer Griesplatz.
Vom Schnitzelhaus zum Puppenhaus
Dieses ehemalige „Schnitzelhaus“ wurde in ein Puppenhaus verwandelt, in dem jedes Zimmer ganz eigene Abgründe in petto hat. Ob es sich nun um Nikolay Karabinovychs versiegelten Raum eines Detektivs handelt, der voller Folterwerkzeuge und Verbrechensspuren ist, oder Leila Hekmats verführerische Sektenanwerbung. Auch Gabriele Edlbauers und Julia S. Goodmans rosaroter Traum von politischen Powerfrauen wie Giorgia Meloni, Alice Weidel, Sanae Takaichi oder Karin Kneissl verursacht Gänsehaut, so wie Vanessa Bairds Kinderzimmertapete, die sich als patriarchaler Albtraum entpuppt.
Selbst zarte Arbeiten wie Rawan Almukhtars Zeichnungen, die er angefertigt hat, nachdem ihm US-Truppen die Kamera abgenommen haben, zeugen von Willkür.
Täter und Überlebende auf Tuchfühlung
Die sich erkundenden Hände im Video von Alexa Karolisnki & Ingo Niemann haben es ebenfalls in sich, gehören sie doch jeweils Tätern und Überlebenden eines Verbrechens. Heather Philipsons übrig gebliebene Partydekoration erzählt von einer gescheiterten Rebellion des Undergrounds. Die übermalten Buchcover von Jaro Vargo verwandeln eine Bibliothek in eine unsichere Zone. Und wie man Unsicherheit subtil in Bilder bannt, zeigt – quasi als Leitfaden der Schau – Maya Derens 1943 entstandener Film eindrucksvoll vor.
In Alina Kleytmans dreiteiliger Videoarbeit zum Krieg in der Ukraine wird unsere Solidarität hinterfragt und unser Voyeurismus schonungslos bloßgestellt.
Vampire und Stammtischgespräche
Beinahe freundlich wirkt Josefin Arnells Splatterfilm mit Florentina Holzinger als steirische Vampirin Carmilla, die zum Opfer der gierigen Longevity-Gesellschaft wird. Gruseliger muten da schon die der Realität seit den 1970er-Jahren nachempfundenen „Stammtischgespräche“ von Max Höfler und Andreas Unterweger an.
Es sind nicht nur die Bilder, Installationen und Videos, die schockieren, auch die Atmosphäre der niedrigen Räume, die Stoffe, Bilder und die Gerüche in diesem Haus tragen nicht wenig zum Unbehagen der Besucher bei. Deutlicher kann man Warnungen vor dem Weg, den unsere Gesellschaft eingeschlagen hat, wohl kaum formulieren.
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