Mit einem Aufruf zu mehr Mut zum Handeln und gegen eine Provinzialisierung des Festivals eröffnete Intendantin Ekaterina Degot auf dem Grazer Karmeliterplatz den steirischen herbst 2026. Im Anschluss sorgte Julian Warners Performance für schräge Momente.
Auf einem „wackeligen Balkon“ am Karmeliterplatz, eröffnete Ekaterina Degot den steirischen herbst 2026. „Red Flags“ stünden nicht für Rote Fahnen, die von Revolutionen künden, sondern sie dienten eher dazu, mehr Regeln einzuführen. „Die erste Reaktion auf die Flut von schlechten Nachrichten ist es, die Lage nicht noch zu verschlimmern. Das ist zwar eine rationale Strategie in herausfordernden Zeiten, verstärkt aber auch die allgemeine lähmende Atmosphäre, in der ,Nichthandeln‘ mehr geschätzt wird als Handeln. Es ist zudem eine klar anti-moderne Wende, da die Moderne für all unsere Katastrophen verantwortlich gemacht wird, vom Klimawandel bis zur Überindustrialisierung.“
Warnung vor Provinzialisierung
Auch warnte sie vor „gesundem Konservatismus“ und einer Tendenz, den herbst wieder „näher an den lokalen Kontext“ zu bringen. „Historisch gesehen war ,den steirischen herbst wieder steirisch machen‘ der Hauptslogan der Rechten, um das Festival zu zerstören“, so Degot.
„Red Flags“ dienen dazu, mehr Regeln einzuführen, Misstrauen zu schüren und uns letztendlich zu lähmen.
Ekaterina Degot, Intendantin des steirischen herbst
„Kultur kann ohne große Ideen und Zusammenhänge nicht existieren. Sie ist international, geht über Grenzen hinaus. Kultur kann nicht den Weg eines ,Bewahrens des Bestehenden‘ einschlagen, ohne Selbstmord zu begehen.“ Und weiter: „Ich rufe nicht zum Widerstand auf, sondern zu Mut, der Handeln beinhaltet, auch wenn es verzweifeltes Handeln ist.“
Das Festival stehe nicht in der Tradition von Kleinheit, Provinzialismus und lokalem Nationalismus, sondern gemeinsam mit anderen Institutionen für Systemkritik und Risiken. „Manchmal spricht man vom steirischen herbst als einem Festival der Skandale. Das ist eine falsche Sichtweise. Er ist ein Festival der Risiken und ich hoffe, dass der steirische herbst immer Risiken eingehen wird“, schloss sie ihre Rede.
Mit Julians Warners „Paradise Lost: Dieser Kampf ist kein Zeichen“ war im Anschluss an die Eröffnungsrede auch gleich die erste Performance des steirischen herbst zu sehen.
Und da ging es um nicht geringeres als die Rettung des Festivals. Sehr niederschwellig, man könnte auch sagen: wenig subtil, inszenierte der deutsche Künstler und Kurator Warner einen Wrestlingkampf der Ideologien. Die „Queere Künstlerin“ aus Salzburg hatte dabei genauso wenig Chancen gegen den „Falschen Propheten“ wie das wirtschaftlich orientierte „Bürgerliche Lager“. Erstere verlor den Kampf, zweiterer verbündete sich mit dem Stärkeren.
Natürlich wurde daraufhin der Ruf nach dem starken „Steirerman“ laut. Doch auch der schien den Einflüsterungen des „Falschen Propheten“ zu erliegen. Sachliche Argumente konnten ihn nicht überzeugen, das schmissig intonierte „Copacabana“ der Blaskapelle Ilz aber öffneten sein Herz schließlich doch für die Vielfalt der Kunst.
Steirerman rettet den herbst
Nach hartem Kampf ging er als Sieger hervor und mit Blaskapelle, den Cheerleaderinnen der Graz Giants, dem queeren Grrrls Chor und den besiegten Gegnern gab es noch eine Polonaise durch ein schwer zu motivierendes Publikum. Der Schlussapplaus war dennoch freundlich. Und ob die Rettung des Festivals auf diese Weise gelingen kann, bleibt abzuwarten.
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