Stärke. Ehre. Besitzanspruch. Noch immer prägen solche Werte das Bild von Männlichkeit – und fördern damit patriarchale Strukturen, die im schlimmsten Fall in Gewaltexzessen münden. Eine Kehrtwende ist längst überfällig. Wie wir sie genau jetzt schaffen und Burschen ein neues Rollenbild von Männlichkeit vermitteln können, zeigt ein aktueller Bericht auf.
Das Patriarchat: Wir stehen längst vor einem gesellschaftlichen Problem, das endlich an der Wurzel angepackt werden muss. SOS-Mitmensch hat sich dieser Mammutaufgabe in einem 52-seitigen Bericht angenommen. Dafür wurden elf Expertinnen und Experten aus Bildungsarbeit, Schule sowie Burschen- und Männerarbeit befragt.
Ja, wir können etwas ändern
Ihre klare Botschaft: Es gibt konkrete Möglichkeiten, Burschen von dem klassischen männlichen Rollenbild zu lösen – unter dem viele sogar selbst leiden. Dafür muss aber an vielen Punkten arbeiten: Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung, soziale Kompetenz, Fürsorge, Kreativität und Kooperation.
Buben, die patriarchal auftreten und sich über Besitzdenken, Ehre und Gewalt definieren, sind ein erhebliches gesellschaftliches Problem, aber kein Naturgesetz.
Alexander Pollak, Sprecher von SOS Mitmensch
Gefühle normalisieren und darüber sprechen
Ein zentraler Punkt dabei: Burschen müssen lernen, über das zu reden, was in ihnen vorgeht – und das möglichst schon im frühkindlichen Alter. Der Bericht empfiehlt deshalb, das Reden über Gefühle und Bedürfnisse stärker in den Alltag zu integrieren. Auch soziales Lernen soll nicht bloß ein gelegentliches Projekt sein, sondern fixer Bestandteil des Unterrichts werden.
Kinder sollen zudem lernen, gemeinsam Regeln zu entwickeln, Verantwortung zu übernehmen und Konflikte auszutragen. Als konkrete Beispiele nennt der Bericht etwa Klassenräte, Morgenkreise und Fächer wie „Kommunikation-Kooperation-Konfliktlösung“.
Soziales Lernen ist das Um und Auf und muss von Anfang an trainiert und geübt werden.
AHS-Lehrer Patrick Osterkorn
Auch Gender- und Gleichstellungsbildung soll einen fixen Platz bekommen. Burschen sollen sich mit Rollenbildern auseinandersetzen und so lernen, dass es weit mehr als nur die eine Art gibt, ein Mann zu sein.
Der Mann von morgen: Fürsorglich, verletzlich, kooperativ
Dabei geht es laut Bericht aber nicht darum, Burschen ihre Männlichkeit auszureden. Im Gegenteil: Sie sollen mehr Möglichkeiten bekommen, sie selbst zu gestalten. Männer, die fürsorglich, verletzlich und kooperativ sind und Gleichberechtigung selbstverständlich leben, sollen zu zentralen Vorbildern werden.
Aber auch Frauen in gesellschaftlichen Führungspositionen sollen für Burschen sichtbar sein. So sollen Jugendliche erleben, dass Eigenschaften, Berufe und gesellschaftliche Rollen nicht automatisch an das Geschlecht gebunden sind.
Es braucht Räume, in denen Männlichkeit nicht auf Härte, Dominanz & Abwertung beruht, sondern sie Verlässlichkeit, Fürsorge und Gleichberechtigung erfahren.
Shokat Walizadeh, Geschäftsführer des Vereins „Neuer Start“
Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Umgang mit problematischem Verhalten. Demnach sollten nicht Sanktionen im Vordergrund stehen, sondern viel mehr das Verhalten selbst hinterfragt und Bewegegründe aufgearbeitet werden. Dafür brauche es konkret mehr Beziehungsarbeit, Schulsozialarbeit und schulpsychologische Betreuung.
Auch nach einem Vorfall dürfe nicht einfach zur Tagesordnung übergegangen werden. Eine konsequente und transparente Aufarbeitung von Gewalt sei ein wichtiger Teil der Prävention.
Social-Media-Verbot für Kinder gefordert
Ein besonders brisantes Kapitel des Burschen-Berichts widmet sich den sozialen Medien. Die Expertinnen und Experten sehen dort einen wachsenden Einfluss problematischer Geschlechterbilder und Online-Misogynie und sprechen sich daher großteils sogar für ein Social-Media-Verbot für Kinder aus.
Bis es noch bessere Lösungen gibt, ist ein Verbot besser als so weiterzumachen wie bisher.
Simon Hirt, Sekundarstufen-Lehrer im WUK
Allerdings wird gleichzeitig betont: Ein Verbot allein sei kein Allheilmittel. Gefordert werden ebenso mehr Medienkompetenz, Unterstützung für Eltern und ein gemeinsames Vorgehen von Schulen, Politik und Gesellschaft.
Politik am Zug
Der vielleicht wichtigste Punkt des Berichts: Prävention soll nicht erst beginnen, wenn bereits etwas passiert ist. Es werden deshalb mehr Ressourcen für Schulen und außerschulische Einrichtungen, mehr Schulsozialarbeit sowie dauerhaft finanzierte Angebote zur Geschlechtersensibilisierung und Gewaltprävention gefordert.
Die „geballte Expertise“ des Berichts könne „ein echter Gamechanger sein“, so Pollak. Dazu müsse die Politik die am Tisch liegenden Forderungen ernst nehmen und umsetzen, regt Pollak einen runden Tisch von Politik und Burschen-Experten an.
Unser Bericht zeigt, dass es klare Lösungswege gibt, um Burschen von gewaltfördernden und patriarchalen Rollenbildern zu lösen.
Ziel des Ganzen ist natürlich nicht, Burschen „umzuerziehen“, damit sie weniger männlich werden. Sie sollen vielmehr aus der Vorstellung befreit werden, dass ein Mann hart, dominant und unangreifbar sein muss – und damit keine Gefahr mehr für Frauen, die Gesellschaft – und nicht zuletzt sich selbst werden.
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