Aus dem Nichts tauchte im Februar 2025 die britische President auf. Die noch immer anonyme Truppe vermischt Alternativ Metal mit Rock- und auch Pop-Zitaten und tauchen ihre Texte in Sozialkritik. Manche vermuten dahinter die Combo Sleep Token, andere glauben überhaupt an einen ausgearteten Gag. Doch die Popularität spricht für sich. Ihr frisches Debüt „Blood Of Your Empire“ kam bis auf Platz fünf der englischen Charts, im November spielt man im Wiener Gasometer. Der Chef der Combo hat uns zumindest per E–Mail erste drängende Fragen beantwortet.
„Krone“: Endlich hat das Warten für die stetig wachsende Fangemeinde von President ein Ende – unlängst erschien euer Debütalbum „Blood Of Your Empire“. Es ist eine klangliche Erweiterung der EP „King Of Terrors“. Wie lange habt ihr an diesem Album gearbeitet, und habt ihr bereits daran geschrieben, während die EP noch fertiggestellt wurde?
President: Einige der frühesten Ideen existierten schon, bevor „King Of Terrors“ überhaupt seine endgültige Form gefunden hatte. Es waren keine fertigen Songs, sondern Themen, Fragmente und Fragen, die mir einfach nicht aus dem Kopf gingen. Die EP bildete das erste Kapitel, weil diese Songs zusammengehörten, doch die Welt an sich weitete sich bereits aus. Als diese Tür erst einmal offenstand, ging es bei „Blood Of Your Empire“ weniger um einen Neuanfang als vielmehr darum, den begonnenen Dialog fortzuführen.
Du hast erwähnt, dass ihr die Mythologie und die Geschichte von President weiter ausbaut. Gab es von Anfang an ein klares Konzept, oder ist die Geschichte im Laufe der Zeit gewachsen?
Es gab immer ein Ziel, aber nicht jeder Weg dorthin war von Anfang an sichtbar. Manche Teile waren sorgfältig geplant, andere offenbarten sich erst während des Schreibprozesses. Ich glaube, das gilt auch für das Leben: Man kann zwar die Richtung wählen, aber durch Erfahrungen wandelt sich das Verständnis dafür, warum man sich überhaupt auf diesen Weg begibt.
Man vergleicht President gerne mit Ghost – einer Band, bei der Tobias Forge bekanntermaßen mehrere Kapitel im Voraus plante. Gibt es auch bei President einen solchen Masterplan?
Es gibt definitiv eine langfristige Vision. President war nie als bloße Ansammlung von Songs gedacht, die einfach nacheinander veröffentlicht werden. Jedes Album, jede „Rallye“ und jedes visuelle Element ist Teil einer größeren Erzählung. Allerdings wollen wir uns nicht zum Sklaven eines vorgefertigten Konzepts machen. Wenn sich im Schaffensprozess etwas als wahrhaftiger erweist als der ursprüngliche Plan, folgen wir diesem neuen Weg.
Das Album ist auch aus einer persönlichen existenziellen Krise heraus entstanden. War Musik für dich schon immer ein Mittel, um mit inneren Konflikten umzugehen?
In der Musik finden schwierige Gedanken ihre Sprache. Manchmal begreift man erst, was einen beschäftigt, wenn man es selbst singen hört. President wurde zu einem Raum, in dem Fragen, denen ich jahrelang ausgewichen war, endlich existieren durften, ohne dass sofort Antworten nötig waren.
Was hast du durch die Arbeit an diesem Projekt über dich selbst gelernt?
Dass Gewissheit überbewertet wird. Lange Zeit glaubte ich, Stärke bestünde darin, Antworten zu haben. Heute denke ich, dass Stärke darin liegt, bereit zu sein, weiterhin schwierige Fragen zu stellen, ohne vor ihnen davonzulaufen. Die Arbeit an dieser Musik hat mich gelehrt, dass Verletzlichkeit keine Schwäche ist. Sie ist oft der Anfang von Verständnis.
Auf diesem Album gibt es so viele verschiedene Klänge. Songs wie „Doom Loop“ klingen ganz anders als „This Will Divide Us“. Ist das Album eine Spielwiese für Experimente?
Experimente waren nie das Ziel. Ehrlichkeit schon. Unterschiedliche Emotionen verlangen nach unterschiedlichen Ausdrucksformen. Manche Ideen brechen mit Wucht hervor, andere zeigen sich eher zurückhaltend. Alles auf eine einzige klangliche Identität zu beschränken, hätte das Album unehrlich wirken lassen. Jeder Song wurde genau zu dem, was er sein musste.
Wo wir gerade von „This Will Divide Us“ sprechen: Was wird uns in Zukunft spalten, und was können wir dagegen tun?
Angst war schon immer einer der größten spaltenden Faktoren der Menschheit. Angst fördert Gewissheit dort, wo eigentlich Neugier herrschen sollte. Der Song liefert keine Lösungen. Er stellt die Frage, ob wir überhaupt noch fähig sind, einander zuzuhören, bevor wir uns bereits für eine Seite entschieden haben.
Das Album bewegt sich zwischen Aggression und Melancholie. War es wichtig, alle Facetten zu zeigen, ohne etwas zurückzuhalten?
Absolut. Das Leben spielt sich nicht nur in einer einzigen emotionalen Tonlage ab – warum sollte das bei der Musik anders sein? Trauer kann neben Hoffnung existieren. Wut kann neben Zärtlichkeit bestehen. Das Album fühlte sich erst dann vollständig an, als es all diesen Widersprüchen Raum gab, nebeneinander zu existieren.
Oft heißt es, man habe ein ganzes Leben Zeit, um sein erstes Album zu schreiben, aber nur wenige Monate für das Zweite. Ist dir bewusst, dass dieses Album President für viele Menschen definieren wird?
Jedes erste Album wird zu einem Referenzpunkt, aber es sollte nicht zum Gefängnis werden. Wenn sich President weiterentwickelt, werden die Leute „Blood Of Your Empire“ irgendwann als ein Kapitel und nicht als die ganze Geschichte verstehen. So sehen wir es selbst auch.
Haben dir diese Texte Antworten geliefert oder nur weitere Fragen aufgeworfen?
Eher bessere Fragen. Ich glaube nicht, dass Kunst Ungewissheit auflösen muss. Manchmal besteht ihr Zweck einfach darin, sie zu beleuchten. Wenn Hörer sich nach diesen Songs Dinge fragen, die sie zuvor nie hinterfragt haben, dann haben die Lieder ihren Zweck bereits erfüllt.
Der Titel „Blood Of Your Empire“ lässt sich politisch oder auch als etwas zutiefst Persönliches interpretieren. Ist es das auch?
Es geht um das Erbe. Imperien existieren nicht nur als Nationen. Sie existieren innerhalb von Familien, Institutionen, Traditionen, Beziehungen und Glaubenssystemen. Wir alle erben etwas von den Welten, die uns geprägt haben. Manchmal stärkt uns dieses Erbe. Manchmal verletzt es uns. Das Album ist dort angesiedelt, wo diese beiden Aspekte aufeinandertreffen.
Der Albumtitel stammt von dem Song „Mercy“. Wie kam es zu diesem Titel und worum geht es in dem Lied?
„Mercy“ beleuchtet, was geschieht, wenn Mitgefühl an Bedingungen geknüpft wird. Die Phrase „Blood Of Your Empire“ fing etwas ein, das weit über einen einzelnen Song hinausging. Sie steht für den Preis, den jedes System fordert, das Loyalität über Menschlichkeit stellt. Als diese Worte erst einmal im Raum standen, ließen sie sich nicht mehr ignorieren.
Ihr habt auch einen Song namens „Dionysus“. Ist das eine Hommage an den griechischen Gott des Weins und der Ekstase?
Keine Hommage. Dionysus steht für Hingabe, Exzess, Versuchung und Flucht. Diese Konzepte haben uns fasziniert, weil sie zeitlos sind. Jede Generation findet neue Wege, sich davon abzulenken, sich schwierigen Wahrheiten zu stellen. Die Mythologie bot lediglich einen weiteren Blickwinkel, um genau das zu untersuchen.
Steht der Song in Verbindung zu Donald Trump, und wie sehr hat er President inspiriert?
President wurde nie mit der Absicht geschaffen, eine bestimmte Einzelperson zu kommentieren. Politische Figuren kommen und gehen, aber die Konzepte von Macht, Einfluss, Überzeugung und Identität bleiben bestehen. Diese Themen existieren seit Jahrtausenden und werden auch dann noch relevant sein, wenn die heutigen Schlagzeilen längst vergessen sind. Genau dieses Terrain wollen wir erkunden.
Wie lange kann man in einer Zeit, in der jeder ein Smartphone besitzt, anonym bleiben? Ist es belastend, dieses Geheimnis zu wahren?
Anonymität ist für uns kein Selbstzweck. Sollte eines Tages jemand glauben, das Rätsel gelöst zu haben, ändert das kaum etwas. Bei den Masken ging es nie darum, ein Ratespiel zu veranstalten. Sie dienen dazu, die Aufmerksamkeit von der Biografie abzulenken und wieder auf das Werk selbst zu lenken. Solange das gelingt, erfüllt sich ihr Zweck.
Was sind eure nächsten Schritte und Ziele mit President? Habt ihr schon eine klare Vorstellung davon, was als Nächstes ansteht?
Das unmittelbare Ziel ist simpel: Wir wollen diese Songs in so viele Räume wie möglich tragen und zulassen, dass sie sich jeden Abend neu entfalten. Ferner wächst die Welt von President stetig weiter. Es stehen noch viele weitere Kapitel bevor. Diese Kampagne hat gerade erst begonnen.
Bald live in Wien
Live überzeugen kann man sich von den Qualitäten der gehypten President am 10. November im Wiener Gasometer. Unter www.oeticket.com gibt es sogar noch Karten für die Show, die visuell wie auch auditiv Großes verspricht.
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