Hartwig Löger, Generaldirektor der Vienna Insurance Group (Wiener Städtische, Donau Versicherung) rechnet schonungslos vor: Österreichs Pensionssystem geht sich so nicht mehr aus – und er fordert eine Anpassung des Antrittsalters an die Lebenserwartung.
Österreichs Pensionssystem steht unter Druck – und VIG-Generaldirektor Hartwig Löger (Wiener Städtische, Donau Versicherung) sagt offen, warum. „Es ist ein Faktum, dass es sich jetzt schon aus dem reinen Umlageverfahren nicht ausgeht“, stellt der Chef des größten heimischen Versicherers klar. Der Grund: Immer mehr Pensionisten leben immer länger – und müssen von immer weniger Erwerbstätigen finanziert werden, die noch dazu immer öfter nur in Teilzeit arbeiten.
Löger rechnet vor: „Vor 20 Jahren stand es noch drei zu eins, jetzt sind wir bei zwei zu eins.“ Heißt: Auf einen Pensionisten kommen nur noch zwei Erwerbstätige. Tendenz fallend. „Und wenn wir es weiterspinnen, irgendwann wird es noch schwieriger“, warnt Löger. Die Folge: Der staatliche Zuschuss zum Pensionssystem wächst Jahr für Jahr. „Ein nicht unwesentlicher Teil aus dem Budget wird jährlich dazugelegt“, so der VIG-Chef. „Und wenn wir dann schon ein Drittel des Budgets letztendlich für einen Aufwand eines Systems haben, das nicht mehr funktioniert, dann ist es höchst an der Zeit, etwas zu tun.“
„Niemand hat etwas eingezahlt, auf das er selbst einen Anspruch hat“
Doch damit nicht genug: Löger räumt mit einem weitverbreiteten Irrglauben auf. Viele Österreicher glauben, sie würden mit ihren Beiträgen für die eigene Pension ansparen. „Das ist der Gedankenfehler, den wir im System haben“, sagt Löger. „Niemand hat etwas einbezahlt. Es wird nicht eingezahlt – in einem Umlageverfahren wird gezahlt.“ Konkret: „Wir zahlen laufend die Pensionen der bestehenden Pensionisten. Das ist unser System, das ist gut und das gilt es auch entsprechend zu stabilisieren und zu halten.“ Aber: „Man muss den Leuten irgendwo einmal ehrlich sagen: Niemand hat, wenn er selbst 45 Jahre lang einbezahlt hat, etwas eingezahlt, auf das er selbst einen Anspruch hat.“
Das Pensionskonto suggeriere hingegen genau das Gegenteil - nämlich, dass man für sich selbst anspare. „Ein falsches Bewusstsein wird geschaffen, so nach dem Motto: Ich spare mir meine Pension an. Und genau das ist der Gedankenfehler“, so Löger. Was man einzahle, sei ein „Durchlaufposten“. Der Finanzminister müsse „aus dem Budget halt viele Milliarden dazulegen, damit sich der Anspruch für die Pensionisten ausgeht“.
Antrittsalter rauf – aber flexibel
Lögers Lösung: Das gesetzliche Pensionsantrittsalter muss rauf – und zwar flexibel an die Lebenserwartung gekoppelt. „Ich persönlich plädiere, so wie es in vielen Ländern gegeben ist, das auch entsprechend der Lebenssituation anzupassen“, sagt er. Eine konkrete Zahl nennt er zwar nicht, dafür aber ein klares Ziel: „Man sollte beginnen, eine Formel zu definieren, damit sie so schnell wie möglich wirkt.“ Und: „Sollte die Lebenserwartung eines Tages wieder sinken, dann kann auch das Antrittsalter wieder sinken.“
Sein Argument: „Wenn wir wissen, gerade mit einem Umlageverfahren, dass sich die Arbeitszeit im Leben eher verkürzt und sich die Lebenszeit und Pensionszeit erweitert, dann muss man nicht hochmathematisch universitärer Aktuar sein – dann genügt fast die Volksschule, um sehr linear simpel rechnen zu können, dass das System korrigiert und angeglichen werden sollte.“
“Vielleicht werden wir einmal 120 Jahre alt“
Denn: „Wenn wir jetzt über Langlebigkeit reden und die medizinischen Voraussetzungen schaffen, dass wir vielleicht einmal 120 Jahre alt werden, wenn dann alle trotzdem mit 65 in Pension gingen, wird es sich volkswirtschaftlich ganz sicher nicht ausgehen.“ Daher: „Seien wir doch so ehrlich und denken darüber nach, dass es schon notwendig ist, dieses Verhältnis im Umlagesystem zwischen Zahlenden und Beziehern auch in der Verteilung vernünftig zu halten.“
Wichtig ist Löger dabei: „Am Schlimmsten finde ich, wenn diese Diskussion jetzt in Richtung der derzeitigen Pensionisten gerichtet wird.“ Die bestehenden Rentner hätten Österreich aufgebaut und sich ihre Pension verdient. „Bestehende Pensionisten können und sollten und dürfen nicht in irgendeiner Form beansprucht sein.“ Es gehe vielmehr darum, „dass man jetzt schrittweise darauf schauen muss: Wie schaffen wir es, dass das auch für die jetzt kommenden Pensionisten auch noch gut funktioniert und im Umlagesystem auch noch in 30 Jahren finanzierbar ist.“
Der Idee von Tirols Landeshauptmann Anton Mattle, 45 Arbeitsjahre als Mindestvoraussetzung für den Pensionsantritt zu verlangen, kann Löger einiges abgewinnen. „Auch das Modell, das aus Tirol kam, halte ich zumindest für diskussionswürdig“, sagt der VIG-Chef. „Nämlich auch darauf zu schauen und zu sagen, wie lang ist die Nettoarbeitszeit im Leben?“ Es mache ja einen Unterschied, ob jemand bis 30 studiere und dann nur 30 Jahre netto arbeite - oder ob jemand mit 15 eine Lehre in einem schweren Arbeiterberuf beginne und dort lebenslang schufte. Für Letztere brauche es mitunter Lösungen, früher in Pension gehen zu können: „Unter dem Aspekt möglicherweise dann ein bisschen früher. Da sind wir beim Thema Schwerarbeiter, die ganze Hacklerregelung, was immer.“
Vorbild Skandinavien: Mehr private und betriebliche Vorsorge
Neben der Anhebung des Antrittsalters braucht es für Löger aber noch mehr: eine stärkere Säule der privaten und betrieblichen Vorsorge nach skandinavischem Vorbild. „Eine gesunde Ergänzung und Mischung hilft einfach – und man sieht es ja an den Ländern, die das seit Jahrzehnten zum Teil machen, die auch eine Ergänzung haben und damit eine massive Entlastung ihrer Budgets“, so Löger. Er betont aber auch: „Ich würde nie ein staatliches Pensionssystem rein auf eine Kapitalmarktbasis legen.“ Es wäre zwar gut, wenn für das Alter gespartes Geld öfter auch auf Aktienmärkten angelegt wird, aber niemals alles. Das berge zu große Risiken.
„Leistung ist etwas Positives“
Noch einen Appell richtet Löger an die Politik: Mit einer Vollkasko-Mentalität, „dass ich eh für alles irgendetwas kriege und überall die Hilfe habe“, könne es nicht weitergehen. „Ich glaube, wir brauchen in Österreich wieder das Bewusstsein, dass Leistung primär etwas ist, das man erbringt und nicht nur das ist, was ich beziehe.“ Sonst werden „die, die Leistung erbringen, immer stärker gefordert sein mit Abgaben und werden sich irgendwann einmal fragen: Warum tue ich mir das noch an?“
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