Mehr hybride Angriffe

Militär-Oberst Reisner warnt vor „hartem Winter“

Außenpolitik
09.09.2026 13:24
Porträt von krone.at
Von krone.at

Eine Befürchtung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ist nach Ansicht des Militärexperten Oberst Markus Reisner durchaus realistisch: Der russische Präsident Wladimir Putin sei „zutiefst überzeugt, die Ukraine im Winter endgültig in die Knie zu zwingen“. In Europa dürften die Sabotagefälle weiter zunehmen.

So sehr sich die USA auch um Vermittlung bemüht haben wollen – Reisner sieht „keinerlei Entgegenkommen von russischer Seite“. Sondern eine Eskalation der Luft- und hybriden Angriffe. Signale einer Deeskalation fehlten, erklärte Reisner. „Wir sehen im Gegenteil eine Eskalation der Luftkriegsführung auf die Ukraine, und wir sehen auch eine Eskalation der hybriden Kriegsführung gegenüber Europa.“

So habe Moskau nach dem Besuch des Direktors des US-Auslandsgeheimdienstes CIA, John Ratcliffe, Ende August etwa seine Luftangriffe gegen die Ukraine massiv verstärkt. „Das ist eigentlich die Antwort von Putin auf die Initiative der USA gewesen.“ Auch dass der US-Sondergesandte Steve Witkoff und der Schwiegersohn des US-Präsidenten, Jared Kushner, am Sonntag nicht nach Kiew fliegen konnten, sondern den Zug nehmen mussten, sei ein Beleg dafür. Die zuvor erfolgten russischen Luftangriffe auf die Flughäfen in der Umgebung von Kiew hätten eine Reise mit dem Flugzeug verunmöglicht.

Witkoff (links) und Kushner (rechts) bei ihrem Besuch von Selenskyj in Kiew
Witkoff (links) und Kushner (rechts) bei ihrem Besuch von Selenskyj in Kiew(Bild: AFP/HANDOUT)

Mehr hybride Angriffe auf Europa
Russland werde versuchen, den Winter zu nützen, um die kritische Infrastruktur der Ukraine zu treffen, und parallel hybride Angriffe auf Europa durchzuführen. Moskau gehe es dabei darum, die Bevölkerung in Europa so zu verunsichern, dass der Druck auf die Regierungen steigt, Produktionen zur Unterstützung der Ukraine einzustellen. Langstrecken-Drohnenangriffe der Ukrainer auf Gebiete tief in Russland seien schließlich vor allem deswegen möglich, weil einige europäische Staaten Drohnen beziehungsweise Drohnenbauteile wie Motoren fertigen und der Ukraine zur Verfügung stellen, erinnerte Reisner. Dänemark sei das erste Land gewesen, das den Ukrainern zugesagt habe, Waffenproduktion auf seinem Territorium für die Ukraine zuzulassen. Auch deutsche Firmen seien in der Drohnenproduktion engagiert.

Reisner erwartet auch eine weitere Zunahme von Sabotagefällen. Beim Drohnenfund von Leipzig ging es Russland darum, einen sehr wichtigen Transportknotenpunkt der Ukraine anzugreifen. Ob der Sprengsatz durch Zufall oder Absicht nicht gezündet sei, macht aus der Sicht des Militärexperten „keinen Unterschied, weil man in beiden Fällen davon ausgehen muss, dass es zu einer Eskalation gekommen wäre.“ Angst und Schrecken zu erwirken, habe man so oder so erreicht. Der Experte erinnerte auch an den Fund von sprengstoffbeladenen Paketen 2024, die nur wegen einer Verspätung nicht an Bord eines DHL-Frachtflugzeugs entzündet wurden, oder den Versuch, drei deutsche Marineschiffe unbrauchbar zu machen. Dass das Baltikum Ziel von begrenzten russischen Angriffen sein könne, sei ebenfalls „durchaus vorstellbar“. Es sei notwendig sich für weitere Eskalationen vorzubereiten.

Große Aufregung in Leipzig nach dem Drohnen-Fund.
Große Aufregung in Leipzig nach dem Drohnen-Fund.(Bild: AFP/NEWS5)

Weitere Mobilisierung in Russland möglich
Trotz der Zuversicht könne sich Russland keine großen militärischen Erfolge an der Front erwarten. Diese sei „mehr oder weniger nahezu erstarrt“, so Reisner. Auf der „taktisch-operativen Ebene“ seien also „keine großen Veränderungen zu erwarten“ – mit Ausnahme davon, dass unter Umständen nach der Duma-Wahl eine Mobilisierung zusätzlicher Kräfte stattfinden könnte. Anders sei die Lage auf der „strategischen Ebene“: Russland nehme Tankstellen und die Energieversorgung der Ukraine ins Visier. Der ukrainische Energieminister räumte unlängst ein, dass circa 80 Prozent der kritischen Infrastruktur der Ukraine, vor allem die Energieversorgung, beschädigt oder zerstört seien. „Das ist der Punkt, wo Putin ansetzt, und Putin glaubt, dass er jetzt diesen Winter nützen kann, um die Ukraine quasi in die Knie zu zwingen.“

Fehlende Abwehrraketen als Achillesferse
Selenskyj fordere daher die Lieferung von Abwehrraketen. Denn Patriot-Abwehrraketen seien „das entscheidende Mittel, um sich gegen ballistische Raketen und Marschflugkörper zur Wehr setzen zu können“. Auch gegen Gleitbomben an der Front seien sie notwendig. Allein in der Nacht auf Dienstag habe die Ukraine nur etwa die Hälfte der rund 60 russischen Raketen abschießen können. „Das ist die Achillesferse, die Putin erkennt.“ Die Amerikaner hätten im Krieg gegen den Iran rund zwei Drittel ihres Arsenals an Patriot-Raketen aufgebraucht. „Aber natürlich könnten die USA noch etwas liefern, beziehungsweise gibt es auch einige Staaten, die einen Bestand haben.“

USA agieren „mit zweierlei Maß“
Die USA würden „hier mit zweierlei Maß agieren“, erklärte der Militärexperte weiter. Einerseits geben sie der Ukraine Unterstützung mit Aufklärungsdaten, damit die Ukraine in der Lage sei, mit Langstreckendrohnen anzugreifen und damit Druck auf Russland auszuüben. Andererseits verwehre sie der Ukraine aber auch Patriot-Raketen, „um den Russen Druckmöglichkeiten zu geben“. Die USA möchten wohl, dass beide Seiten nachgeben und für einen Kompromiss bereit sind. Dass europäische Staaten es nicht geschafft haben, die Produktion von Fliegerabwehrsystemen signifikant zu erhöhen, bezeichnete Reisner als „absolute Niederlage“. Auch Alternativen wie SAMP/T oder IRIS-T würden in zu geringem Stückausmaß von beispielsweise bis zu 150 Stück (SAMP/T) hergestellt. Die Produktion von Patriot-Raketen dagegen soll von 650 auf 1000 pro Jahr steigen.

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