Wie lange hält Damm?
Retter mussten Suche nach Vermissten unterbrechen
Die Rettungskräfte kämpfen in Nepal und Tibet gegen die Folgen einer tödlichen Sturzflut – doch jetzt kostet eine neue Gefahr wertvolle Zeit. Wegen eines neu entstandenen Sees und der Sorge vor einem möglichen Dammbruch mussten die Rettungsarbeiten in einem besonders schwer getroffenen Gebiet vorübergehend unterbrochen werden. Gleichzeitig steigt die Zahl der Todesopfer weiter.
In Nepal wurden nach Angaben der Polizei mittlerweile 469 Leichen geborgen. Zusammen mit den drei von China gemeldeten Todesopfern sind damit 472 Tote bestätigt. 1545 Verletzte und Gestrandete konnten bisher gerettet werden.
Arbeiten vorübergehend eingestellt
Doch ausgerechnet die laufenden Rettungsarbeiten wurden nun durch die Gefahr einer weiteren Flut erschwert. Durch Erdrutsche hat sich an einer Flussmündung ein neuer See gebildet. Der droht nun mit gewaltiger Wucht als neue Welle das Tal hinabzustürzen Wie das chinesische Staatsfernsehen erklärte, wurde bereits ein Überschwappen am Damm beobachtet, auch der Pegel im Fluss darunter stieg an.
Die Rettungskräfte mussten ihre Arbeiten am schwer beschädigten Grenzübergang Gyirong daher für rund 90 Minuten einstellen, Personen sollten sich in Höhere Lagen begeben – inzwischen wurde mitgeteilt, dass sich die Lage etwas entspannt habe und die Rettungsmaßnahmen daher erneut aufgenommen worden seien.
Die Behörden haben nun Überwachungskameras positioniert, um einen etwaigen Dammbruch in Echtzeit verfolgen und die Einsatzkräfte flussabwärts rechtzeitig warnen zu können.
Drei Millionen Kubikmeter Wasser
Der Wissenschaftler Xu Qiang von der Technischen Universität Chengdu schätzt, dass sich in dem See rund drei Millionen Kubikmeter Wasser angesammelt haben. Regenfälle in den kommenden Tagen könnten die Situation weiter verschärfen. Die Wettervorhersage geht für die nächsten drei Tage von Niederschlägen aus.
Damit droht nicht nur eine weitere Flut. Auch die Rettungsarbeiten könnten dadurch noch schwieriger werden. Sollten die Wassermassen erneut Zufahrtswege zerstören oder unpassierbar machen, wäre der Zugang zum Katastrophengebiet zusätzlich erschwert.
Noch Hunderte Vermisste
Wie viele Menschen tatsächlich noch vermisst werden, ist weiterhin unklar. „Es wird noch einige Zeit dauern, bis wir einen vollständigen Überblick über die Vermissten haben, da wir derzeit noch kein klares Bild haben“, sagte der nepalesische Polizeisprecher Abi Narayan Kafle der Deutschen Presse-Agentur. Das könne noch Tage dauern.
Viele geborgene Leichen konnten bislang nicht identifiziert werden. Nach Angaben der Polizei erschwert der schwere Zustand der Körper die Identifizierung.
Unter den Vermissten befinden sich auch zahlreiche ausländische Touristen, darunter acht Deutsche. Nepal hatte die Zahl der Vermissten zuletzt mit 977 angegeben. China meldete 558 Vermisste, darunter 260 Ausländer.
Ganze Dörfer weggespült
Die Sturzflut hatte am Mittwoch eine gewaltige Spur der Verwüstung hinterlassen. Die Wassermassen schossen über den Fluss Bhotekoshi von Nepal aus durch die Grenzregion im Südwesten Tibets bis nach Zentralnepal. Nach Augenzeugenberichten wurden ganze Dörfer weggespült.
Die Nepalesin Parbati Adhikari berichtete, ihr Dorf Tupche in der Provinz Bagmati sei fast vollständig ausgelöscht worden. Dort hätten 60 bis 70 Menschen gelebt. Wie viele von ihnen noch am Leben sind, sei nicht bekannt.
Die Fluten rissen zudem Brücken mit und verursachten schwere Schäden an Staudämmen und Gebäuden. In China wurde der Grenzübergang Gyirong von einer Schlammlawine überflutet. Er ist eine wichtige Verbindung nach Nepal für Tourismus und Handel.
Ursache noch nicht geklärt
Was genau die Sturzflut ausgelöst hat, ist weiterhin nicht abschließend geklärt. Als wahrscheinlichste Ursache gilt ein Gletschersturz auf nepalesischer Seite, der die Wasser- und Schlammlawine ausgelöst haben könnte. Die Wucht der Flut war so stark, dass Erdbeben-Messinstrumente ausschlugen.
Nach Expertenmeinung verstärkte zudem das enge und steile Flusstal die Wirkung der Wassermassen. Nun müssen die Rettungskräfte ihre Arbeit vorerst unterbrechen – während gleichzeitig die Sorge vor der nächsten Flut wächst.

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