Latin-Album

Benny Blanco: „Hermoso“ ist schöner als sein Ruf

Kultur
18.08.2026 05:00

Mit seinem vierten Studioalbum „Hermoso“ und gerade einmal acht Tracks erklärt Benny Blanco der lateinamerikanischen Musik seine Liebe. Herausgekommen ist ein kurzweiliges Werk zum Tanzen und Genießen, das zwar kaum Neues erfindet, dafür aber mit Gespür für Rhythmen und Atmosphäre überzeugt – auch wenn nicht jeder Song gleichermaßen überrascht –wir haben reingehört ...

Wenn man den Namen Benny Blanco hört, könnte man zunächst glauben, dahinter stecke eine zwielichtige Mafiosi-Figur aus einem Neunzigerjahre-Film. Ganz falsch liegt man damit übrigens nicht: Sein Künstlername ist tatsächlich von „Benny Blanco from the Bronx“ aus dem Gangsterfilm „Carlito’s Way“ inspiriert. Hinter dem Pseudonym steckt allerdings Benjamin Joseph Levin, ein in Virginia aufgewachsener US-Amerikaner mit jüdischen Wurzeln, der seit mehr als zwei Jahrzehnten zu den erfolgreichsten Produzenten der Popwelt zählt. Britney Spears, Katy Perry, Justin Bieber oder J Balvin – die Liste seiner prominenten Wegbegleiter ist lang. Und aus einer musikalischen Zusammenarbeit wurde sogar Liebe: Selena Gomez ist mittlerweile seine Ehefrau. Nun meldet sich der 38-Jährige mit seinem vierten Studioalbum zurück. „Hermoso“ heißt das gute Stück – acht Songs, komplett auf Spanisch betitelt und eine Liebeserklärung an lateinamerikanische und spanischsprachige Musik.

Ein hässlicher Latein-Amerikaner?
Erst im vergangenen Jahr veröffentlichte Blanco gemeinsam mit Gomez „I Said I Love You First“, heuer steht nun seine Liebe zu Latin-Sounds im Mittelpunkt. Und damit spaltet er durchaus die Gemüter. Denn während die einen „Hermoso“ als sommerlichen Ausflug eines Produzenten feiern, der hörbar Spaß an diesen Sounds hat, werfen ihm andere kulturelle Aneignung und „Latino-Cosplay“ vor. Zusätzlichen Zündstoff liefert ausgerechnet das Cover: Darauf trägt Blanco eine grotesk überzeichnete Maske seines eigenen Gesichts und steckt in einem glitzernden Disco-Outfit. Für manche Kritiker bedient die Inszenierung stereotype Bilder, andere sehen darin schlicht eine gehörige Portion Selbstironie. 
Warum? Nun ja, der Produzent wird im Netz seit Jahren wegen seines Aussehens verspottet. Einige Fans interpretieren die überzeichnete Figur deshalb weniger als Karikatur einer Kultur, sondern vielmehr als Karikatur seiner selbst: Er nimmt all die „Benny ist hässlich“-Kommentare, dreht sie noch ein paar Stufen weiter und setzt sich selbst demonstrativ die Krone auf. Dazu passt schließlich auch der Titel „Hermoso“, also „schön“. Ob das Cover nun genial selbstironisch oder doch ziemlich unglücklich gewählt ist, bleibt Ansichtssache – die Diskussion darüber dürfte jedenfalls noch eine Weile weitergehen.

Seit zwei Jahrzehnten erfolgreich: Benny Blanco weiß, was gute eingängige Hooks bedeuten können.
Seit zwei Jahrzehnten erfolgreich: Benny Blanco weiß, was gute eingängige Hooks bedeuten können.(Bild: Matt Adam)

Un poco Mojito
Dass seine Beschäftigung mit Latino-Musik nicht erst mit „Hermoso“ begonnen hat, steht dagegen außer Frage. Blanco erzählte „El País“, er sei in einer Gegend mit großer spanischsprechender Community aufgewachsen und schon früh von dieser Musik umgeben gewesen. Besonders fasziniert hätten ihn immer die Drums und die Art, wie verschiedene Rhythmen miteinander interagieren. Eine Kultur, die für ihn ständig neue Ideen hervorbringe und keine Angst davor habe, gegen den Strom zu schwimmen. Aber genug der Diskussionen rundherum: Entscheidend ist schließlich, was aus den Boxen kommt. Also hören wir uns die acht Songs jenes Mini-Albums an, auf das die einen gerade regelrecht abfahren und über das sich die anderen mindestens genauso leidenschaftlich aufregen.

Der Einstiegssong „Un Poco Perdido“ mit Netón Vega macht sofort klar, wohin die Reise geht. Die beiden kennen einander musikalisch bereits: 2025 arbeiteten sie bei „Perro Fiel“ zusammen. Diesmal liefern sie einen Track wie aus dem Bilderbuch. Vor dem inneren Auge ziehen die Straßen Havannas vorbei, man schlendert am Malecón entlang, zwei, drei Mojitos in der Hand, und lässt sich einfach treiben. „Un Poco Perdido“ bedeutet zwar so viel wie „ein bisschen verloren“, musikalisch klingt das Stück aber vor allem nach Leichtigkeit, Lebenslust und einer kleinen Liebeserklärung an die Musik. Blancos Popgespür trifft auf Latino-Flair und Anklänge an mexikanische Sounds - ohne dass der Song auch nur eine Sekunde überladen wirkt.

Das „hässliche“ Entlein Blanco (mi.) genießt die Aufmerksamkeit von Frauchen Selena Gomez (re.) ...
Das „hässliche“ Entlein Blanco (mi.) genießt die Aufmerksamkeit von Frauchen Selena Gomez (re.) und Gastmusikerin Becky G.(Bild: Universal Pictures)

Das Frauchen muss dabei sein aka Powercouple
Aber was wäre ein Benny-Blanco-Album, ohne dass Selena Gomez ihre Finger im Spiel hat? Schon auf „I Said I Love You First“ haben die beiden bewiesen, dass sie nicht nur privat, sondern auch musikalisch ein echtes Powercouple sind. Da darf die Ehefrau auf der Mini-Platte natürlich nicht fehlen. Und „Te Olvido (La La)“ entwickelt sich sogar zu einem der Herzstücke des neuen Werks. Der Beat ist regelrecht ansteckend, geschickt gesetzte Rhythmuswechsel geben dem Titel zusätzlichen Drive. Mit Becky G holt sich Benny außerdem noch eine weitere starke Stimme ins Boot. Während Gomez dem Stück eine weichere, zurückhaltendere Note gibt, setzt Becky frechere und bissigere Akzente. Gerade dieses Wechselspiel macht es so reizvoll – und sorgt für einen jener Momente, bei denen man sich fragt, warum es davon auf dem Album nicht noch mehr gibt.

Weiter geht’s mit einem der spannendsten Features der Platte. Gemeinsam mit der spanischen Rapperin BB Trickz liefert Blanco auf „Joven y Salvaje“ einen gerade einmal gut zweiminütigen Energieausbruch. Ihr Flow bleibt dabei demonstrativ lässig und cool, während darunter ein minimalistischer, leicht schräger Beat vor sich hin rumpelt. Viel passiert eigentlich gar nicht – und genau darin liegt der Reiz. Die Hook ist auf das Nötigste reduziert, BB wiederholt immer wieder „Joven y Salvaje“, also „jung und wild“, und erzeugt damit beinahe einen hypnotischen Sog. Kein klassischer Pop-Ohrwurm, sondern einer dieser Lieder, die gerade wegen ihrer Eigenwilligkeit hängen bleiben. 
Danach wird das Licht gedimmt. „Memoria De Paz“ mit The Marías hebt sich deutlich vom Rest ab und schenkt „Hermoso“ seinen verträumtesten Moment. Man stelle sich einen Abschlussball irgendwo in den Siebzigern vor: Die Party ist eigentlich schon vorbei, ein paar Gäste sind längst auf ihren Sesseln eingeschlafen, doch über der Tanzfläche dreht sich noch immer die silberne Discokugel. Und genau dort steht man plötzlich ganz allein, tanzt weiter und vergisst für ein paar Minuten alles rundherum. So fühlt sich das an: Verträumt, warm, ein bisschen melancholisch und beinahe schwerelos. The Marías bauen jene Atmosphäre auf, für die die Band bekannt ist - auch wenn sich das Stück dadurch etwas weiter vom unmittelbaren Pop-Appeal der übrigen Platte entfernt.

Fünf Sekunden Mi Amor
Noch intimer wird es bei „Te Amo“. Der Track dauert gerade einmal rund 40 Sekunden und wirkt wie eine kleine Liebeserklärung. Eine Frauenstimme spricht davon, den geliebten Menschen überall zu sehen – selbst in ihren Träumen – und schließt mit einem schlichten „Te amo“ (Ich liebe dich). Unweigerlich denkt man dabei an Selena Gomez. Gerade weil im Netz immer wieder gehässig darüber diskutiert wird, warum sie ausgerechnet Blanco liebt, könnte man den Skit fast als herzerwärmende Antwort darauf verstehen: Sie liebt ihn eben genauso, wie er ist. Ob das tatsächlich die Botschaft dahinter ist, bleibt offen. Viel wichtiger ist ohnehin der Effekt: Für einen kurzen Moment zieht der Musiker die Handbremse, wird ganz zart und romantisch. Nur ist dieser Moment fast schon wieder vorbei, bevor sich die Stimmung richtig entfalten kann. Und er kann aber noch kürzer. „Cinco“ dauert – der Name lässt es erahnen – gerade einmal fünf Sekunden. Was genau er uns damit sagen möchte? Gute Frage. Vielleicht auch gar nichts. Der Mini-Skit wirkt viel mehr wie ein musikalisches Augenzwinkern, ein winziger Übergang, der kaum begonnen hat, bevor schon die nächste Nummer übernimmt. Ein Gag, den man entweder charmant findet oder ziemlich überflüssig.

Mit „Ay Bendito“ geht es anschließend wieder zurück auf die Tanzfläche. Für den Song holt sich Blanco den puerto-ricanischen Sänger Mora und den kolumbianischen Produzenten Ovy On The Drums dazu. Heraus kommt eine geschmeidige Nummer mit sommerlichem Einschlag: ein luftiger, angenehm zurückgelehnter Beat, über den sich Moras Stimme beinahe schwerelos legt. Inhaltlich wird es sinnlicher, musikalisch bleibt alles eingängig und entspannt. „Ay Bendito“ könnte problemlos in jeder gut bestückten Sommer-Playlist landen – und genau darin liegt gleichzeitig seine Schwäche. Der Song funktioniert, geht sofort ins Ohr, wagt aber kaum einen Schritt aus seiner Komfortzone. 

„Degenere“ schließt nun den kleinen Latino-Ausflug – und schon die ersten Sekunden sorgen für einen ordentlichen Déjà-vu-Moment. Dieses „Da-da-da-da, da-da-da-da“ kennt man doch! Richtig: Der unverkennbare Vocal-Hook stammt aus Suzanne Vegas Achtziger-Klassiker „Tom’s Diner“. Blanco und Myke Towers verpassen dem bekannten Motiv ein modernes Reggaeton-Gewand und machen daraus einen der stärksten und kommerziellsten Titel der Platte. Also, einer, der sowohl nachts im Club als auch bei heruntergelassenen Autofenstern funktioniert. Der Refrain bleibt hängen, der Rhythmus sowieso – ein ziemlich treffsicherer Abschluss.

Fazit: „Hermoso“ ist ein kleines, feines und vor allem kurzweiliges Album. Manchmal hat man zwar das Gefühl, Benny wolle mit Nachdruck beweisen: Schaut her, auch ich kann Latino. Doch das eigentlich Erstaunliche ist, dass er es tatsächlich ziemlich gut kann. Nicht, weil er versucht, jemand anderes zu sein, sondern weil er genau das macht, was ihn seit mehr als zwei Jahrzehnten auszeichnet: Er versteht, wie Hooks funktionieren, welche Stimmen zusammenpassen und wann ein Beat gerade genug ist, um hängenzubleiben. Ganz frei von Schwächen ist „Hermoso“ trotzdem nicht. Acht Tracks, darunter zwei ultrakurze Interludes, lassen das Projekt eher wie einen kompakten musikalischen Ausflug als wie ein voll ausformuliertes Album wirken. Und weil Blanco seinen Gästen sehr viel Raum überlässt, fragt man sich zwischendurch durchaus, wo eigentlich seine eigene Handschrift bleibt. Genau das wurde auch andernorts als Schwachpunkt der Platte gesehen: Die einzelnen Songs funktionieren, ein wirklich geschlossenes Konzept ist dagegen schwerer auszumachen.

Vielleicht muss „Hermoso“ aber auch gar nicht mehr sein, denn Benny selbst beschrieb das Werk sinngemäß als jene Musik, die man beim Grillen, am Pool oder am Strand auflegt. Und genau dort funktioniert sie wohl am besten: zwei, drei Mojitos, Sonne im Gesicht und für knapp eine halbe Stunde das Gefühl zu haben, irgendwo anders zu sein. Ob das umstrittene Cover nun Selbstironie, Provokation oder ein bisschen von beidem ist, weiß am Ende wohl nur er selbst. Musikalisch ist die Botschaft dagegen wesentlich klarer: Die Mini--Platte ist keine Neuerfindung der lateinamerikanischen Musik – aber eine hörbar liebevoll produzierte Verbeugung vor ihr. 

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