War „bewusste Wahl“

Forscher legen Kindergrab in antiker Latrine frei

Wissen
23.07.2026 14:55
Porträt von krone.at
Von krone.at

Forscherinnen haben in Ephesos eine außergewöhnliche Grabstätte zweier um die Geburt herum verstorbener Kinder aus dem Frühmittelalter freigelegt. Als letzte Ruhestätte der vermuteten Zwillinge diente ein stillgelegter Latrinenkanal, mitten im einstigen Tempelbezirk der Artemis.

Seit mehr als 130 Jahren führen österreichische Archäologen Grabungen in Ephesos an der türkischen Westküste (Ägäis) durch. Einer der Schwerpunkte war – und ist – der um 1870 wiederentdeckte Tempel im Artemision. Im Jahr 2010 identifizierte ein Team einen Monumentalbau als frühkaiserliches Odeion (ein Konzertsaal für musische, dramatische und poetische Darbietungen, Anm.).

Bei den Grabungen offenbarte sich den Forschenden auch ein kleines Kistengrab aus Ziegeln und Steinen in einem Kanal, der noch im 2./3. Jahrhundert (n.u.Z.) Teil einer öffentlichen Latrine mit rund 30 Sitzplätzen gewesen war. Das entdeckte Kindergrab stammte hingegen aus dem 8./9. Jahrhundert n.u.Z.

Bilder des Fundes und des Fundortes:

In dem Grab fanden sich die sterblichen Überreste zweier perinataler, also um die Geburt herum verstorbener Individuen. Beide Kinder starben nach etwa 33 bis 34 Schwangerschaftswochen, also vor dem regulären Geburtstermin. Ihre nahezu identische Körpergröße und das gemeinsame Grab sprechen für Zwillinge. Genanalysen zur Bestätigung der Annahme stehen noch aus.

„Grab sollte geschützt sein“
Um die Beisetzung – sie fand statt, als die Funktion des Odeions bereits wieder aufgegeben worden war – in den Kontext der zeitgenössischen Bestattungsbräuche einzuordnen, wurde im Vorjahr die ÖAW-Anthropologin Caroline Partiot hinzugezogen. Sie ist auf Bestattungsrituale in früheren Gesellschaften spezialisiert und überzeugt: „Der ungewöhnliche Standort des Grabes deutet (darauf hin), dass es eher um Schutz als um Entsorgung ging.“

In früheren Gesellschaften befindet sich der Bestattungsort sehr junger Kinder oft woanders als ...
In früheren Gesellschaften befindet sich der Bestattungsort sehr junger Kinder oft woanders als jener von Erwachsenen, weil ihr sozialer Status ein anderer war.(Bild: OeAW)

Grab überdauerte die Jahrhunderte
Die beiden Kinder lagen Seite an Seite, mit dem Kopf nach Westen ausgerichtet – eine für frühchristliche Beisetzungen typische Ausrichtung. „Sie wählten diesen Bereich, weil dort bereits der Kanal vorhanden war, und bauten in den Kanal hinein die Struktur für ein Kistengrab. Das war meiner Meinung nach eine Möglichkeit, die Kinder langfristig zu schützen. Und es hat funktioniert, denn zwischen der Bestattung und unseren Grabungen ist dem Grab nichts passiert“, so Partiot. Von einer bloßen „Entsorgung“ der Kinder könne keine Rede sein.

Auch die Körperhaltung, fehlende Grabbeigaben und die sorgfältige Bauweise entsprechen den bekannten byzantinischen Bestattungssitten in Ephesos. Ungewöhnlich sei die Beisetzung außerhalb aller bekannten Gräberfelder, in einem funktionslosen, aber weiterhin zugänglichen Bauwerk.

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