„Krone“-Interview

Chet Faker: „Gehe nach Gefühl, nicht nach Gehirn“

Musik
16.07.2026 05:00

Mit dem Cover von Blackstreets „No Diggity“ und seinem Debütalbum „Built On Glass“ wurde Nick Murphy aka Chet Faker von Australien aus 2014 zum Soul-Superstar. Seitdem hat er nicht nur eine musikalisch große Wandlung durchgemacht. Vor seinen Konzerten in Wien und Linz sprechen wir über den Teufel Technik, algorithmische Willkür und warum weniger so gut wie immer mehr ist.

kmm

„Krone“: Nick, vielen Dank für deine Zeit. Wie ist das werte Befinden so kurz vor deinem Auftritt am Open-Air-Gelände der Wiener Arena?
Nick Murphy: 
Alles läuft wunderbar. Ich liebe es, diese Songs mit meiner Band live zu spielen und damit unterwegs zu sein. Ich glaube sogar, dass ich noch nie so viel Spaß hatte, Songs live zu spielen wie momentan mit diesem Set. Ich habe bei mir daheim in Australien angefangen und dann Nordamerika betourt und wir haben die Songs mittlerweile wirklich so gut intus, dass sie uns aus dem kleinen Finger gleiten. Wir versuchen sie jeden Abend leicht zu adaptieren, was wirklich erfrischend ist. Meine früheren Alben waren so elektronisch, dass es mir gar nicht möglich war, sie live zu verändern. Es war im Großen und Ganzen immer dasselbe, doch gerade die Songs von „A Love For Strangers“, dem neuen Album, geben viel Raum. Ich habe viele Songs davon auf der Gitarre oder dem Piano geschrieben und das gibt mir auf der Bühne viel mehr Freiheiten.

Ich habe ein Interview mit dir gelesen, wo du betont hast, dass diese Songs auch so geschrieben wurden, dass sie live bestmöglich funktionieren. War das von Anfang an eine bewusste Entscheidung?
Nach meinem Debüt „Built On Glass“ 2014 habe ich gar nicht mehr so darüber nachgedacht. Damals habe ich ein Album geschrieben, wie ich es hören wollte und plötzlich war ich damit quasi zehn Jahre lang auf Tour, weil es so gut ankam. Die Musik war damals nicht für die Bühnen der Welt geplant, weshalb ich die Lieder tief in mir drinnen auch zu hassen begann, weil es sich nicht natürlich anfühlte, sie zu spielen. Ich begann Jazz- und Rockmusiker zu beneiden, weil sie nie an sowas denken mussten. Bei mir mussten die Samples passen, die Sequencer richtig eingestellt und am Laptop alles perfekt vorbereitet sein. Furchtbar – ich wollte einfach Musik spielen und nicht an die Bedienung von Maschinen denken. All das hat meinen Songwriting-Prozess beeinflusst – mehr als es sollte. Das neue Album ist das erste, wo ich wirklich an die Liveshows dachte. Wo ich die Musik fließen ließ und den Spaß in den Vordergrund stellte. Wenn ich keinen Spaß verspüre, will ich nicht weiterschreiben, weil ich dann Angst kriege. Als ich mit dem Album fertig war, spürte ich gleich, dass ich es gerne höre und auch spiele. Ein voller Erfolg für mich.

Diese Zugangsweise zum Album bedeutet aber auch, mehr echte Instrumente, mehr Gefühle, mehr Emotionen und wahrscheinlich auch ein offeneres Herz, was die Inhalte der Songs anbelangt. Ich halte „A Love For Strangers“ auch für ein perfektes Kopfhörer-Album, wo man konzentriert hörend im Sound versinken kann.
Danke, das ist sehr nett und freut mich, wenn es so aufgefasst wird. In der Vergangenheit gab es Nick Murphy und Chet Faker, ich habe mich da irgendwie in den Identitäten verheddert, obwohl alles ich bin. Ich habe unbewusst kategorisiert und Dinge in Schubladen gesteckt. Dieses Mal ging es nur um die Musik und um das Wohlgefühl. Früher hatte ich immer Ideen vorbereitet auf meinem Computer gespeichert und von dort mit dem aktuellen Gefühl einen Song gebaut. Dieses Mal lief es ganz natürlich. Gitarre, Piano, Unmittelbarkeit. Ich habe dieses Mal meine Voice-Memos hervorgeholt, die Instrumente benutzt und alles verknüpft. Das ist eine natürliche Arbeitsweise, die ich jetzt so verfolgen möchte. Ich war bislang nur zu autistisch, um das zu bemerken. Ich bin mit Fatboy Slim aufgewachsen und elektronische Musik war mir immer viel zu wichtig. Nebenbei schrieb ich aber auch gerne normale Songs und ich wusste lange nicht, wie ich diese beiden Welten so jonglieren könnte, dass sie zu einer werden. Jetzt ist alles so offensichtlich. Alles ist eins, alles macht Sinn. Ich habe das nur lange nicht erkannt.

Manchmal braucht man etwas länger, um die Dinge in die richtige Ordnung zu bringen.
Aber 15 Jahre? (lacht)

Hast du dabei auch neue Talente oder Zugänge zum Songwriting an dir entdeckt?
Definitiv, da haben sich viele Talente ihren Platz an der Oberfläche erkämpft. Am schwierigsten war die Umstellung in meinen Kopf. Dass ich diese Voice-Memos verwende und mit den Instrumenten vermische, ohne auf Knopfdruck suchen zu können, wo ich was abgespeichert habe. Ich habe nichts mehr in Playlists organisiert und gespeichert und durch diesen organischen Weg des Songschreibens hat sich auch der Sound so natürlich ergeben. Ich wusste nicht, wohin ich gehe und was dabei herauskommt. Langsam realisierte ich, dass genau das meine besten Songs sind. Jene, die ich sofort spielen konnte und nicht jene, über die ich lange nachdenke. Mein Songwriting ging weg von der Kopflastigkeit in Richtung des Herzens. Wichtig war auch eine physische Erkenntnis. Je älter ich werde, umso besser geht es mir damit, Musik zu spielen. Wenn ich eine Gitarre in der Hand habe oder am Klavier sitze, beruhigt mich das. Das kann ich vom Computer nicht behaupten. Und wenn mich etwas beruhigt, wird es automatisch besser. So entstand „A Love For Strangers“.

Das klingt fast so, als hätte das Spielen von organischen, handgemachten Instrumenten dein Leben verändert?
In gewisser Weise ist dem auch so. Ich habe früher nie so ganz realisiert, wie mich das Spielen dieser Instrumente beruhigte. Ich habe immer Lärm gebraucht. Wenn ich nicht gerade Musik machte, dann drehte ich den Fernseher auf oder spielte Videospiele. Auch das hat ein wohliges Gefühl in meinem Brustkorb ausgelöst. So begann die Liebe zur Musik, aber irgendwann verschob sich die Wichtigkeit zum Computer und ich dachte, je komplizierter und technischer etwas wäre, umso besser wäre es. Irgendwann stellte ich mir die Frage, wie würde meine Musik klingen, wäre ich wieder ein Kind? Wie klingt meine Musik, wenn mein Körper sie bestimmt und nicht mein Kopf? Diese Umstellung war hart, ich musste sie mir erarbeiten, weil sie nicht natürlich vonstattenging. Nur weil etwas leicht ist, heißt es nicht, dass es nicht gut oder richtig ist. Die Musik ist für mich noch immer ein Mysterium und ich habe noch immer nicht genau rausgefunden, was für mich ideal ist.

Hat das auch mit dem Aufstieg der künstlichen Intelligenz zu tun, dass du dich bewusst mehr auf organische Instrumente konzentrierst?
Das ist ein lustiges Thema, denn bis vor drei Jahren noch habe ich die KI geliebt. Nichts ging über ChatGPT und heute hasse ich diese Tools und ich hasse meinen Laptop. Ich habe heute so ein altes Multitrack-Gerät aus den frühen 2000er-Jahren, das ich Ende letzten Jahres bekam. Mit dem arbeite ich hauptsächlich, weil man gar nicht viel damit tun kann. Es limitiert dich auf das Nötigste, was mir ganz guttut. Meinen herkömmlichen Laptop verwende ich nur noch zur Organisation und zum Einspielen von Gesangsspuren. Mein ganzes Studio ist voller Zeug, aber je älter ich werde, umso weniger davon benutze ich. Alles, was mich näher an mich selbst bringt, ist willkommen und all das Zeug, das bei mir herumsteht, sorgt dafür, dass ich viel zu vieles überdenke. Ich bin eigentlich ein Nerd und Technikliebhaber, aber momentan hätte ich am liebsten nur Geräte, die man mit „Play“, „Pause“ und „Stop“ bedient.

Das klingt fast so, als würdest du einer nostalgischen Erinnerung nachjagen?
Ich versuche, möglichst nicht in diese Falle zu treten, aber ich glaube, dass wir erstmals in der Geschichte an dem Punkt angelangt sind, wo die Vergangenheit wirklich ein bisschen besser war als die Gegenwart es ist. Insofern kann man argumentieren, dass Nostalgie etwas Gutes ist. Du wirst auch kaum jemanden finden, der sein Smartphone wirklich liebt. Wir sind einfach nur Geiseln seiner Fähigkeiten. Ich will meine Zeit für Musik aufwenden und nicht für Dinge, die ständig nach Updates und Abonnements verlangen. Ein Multi-Track-Gerät von 2001 reicht zum Musikmachen und wird auch noch in 50 Jahren funktionieren. Wenn du dir einen Computer kaufst, wird in fünf Jahren kaum was darauf laufen, wenn du nicht teuer nachrüstest. Du brauchst neue Hardware, die wiederum keine alte Software unterstützt, wo es wiederum an den Plugins hakt. Die Technik ermüdet mich zunehmend.

Die Annahme von dir ist aber nicht falsch. Ich war in den 90ern ein Kind. Es gab nur eine Handvoll Kriege und Konflikte, von einer Finanzkrise war weit und breit nichts zu sehen und die Wirtschaft florierte. Man kann faktisch untermauern, dass dieses Jahrzehnt in vielfacher Hinsicht besser war als die Moderne.
Wir sind in einer Zeit angekommen, wo man theoretisch alles locker reparieren kann, aber lieber alles wegschmeißt und Neues kauft, weil es günstiger und weniger mühsam ist. Das war früher anders und diesen alten Gedanken finde ich schön. Nicht immer im Komfort zu leben ist schön und gut. Manchmal habe ich das Gefühl, wir werden in eine Welt gezüchtet, in der wir selbst überhaupt nichts mehr im Griff haben. Ich brauche keine digitale Türglocke, die mir am Smartphone bei der Arbeit anzeigt, dass der Postler mir gerade ein Paket bringt. Manchmal frage ich mich, warum wir für so viele Dinge Lösungen gefunden oder erfunden haben, die gar kein Problem sind. Zum Beispiel Startknöpfe in Autos. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich jemals ein Mensch dachte, beim Umdrehen des Schlüssels wäre er so überfordert, dass er einen Knopf dafür bräuchte.

Ein System, das auf Hyperkapitalismus aufgebaut ist. Immer schneller Neues kaufen, Altes verwerfen und sich von den technischen Innovationen begeistern lassen …
Auch im Künstlerdasein hat sich das stark geändert. Als ich vor gut zehn Jahren mit Musik begonnen habe und mein erstes Album rauskam, kam ich mir rebellisch vor damit, meine Seele und meine Emotionen durch die Kunst nach außen zu tragen. Heute ist alles so komfortabel und auf Teilen mit anderen gepolt, dass ich, wenn ich durch die Gegend spaziere und eine Stadt erkunde, erst recht die Lust verspüre, meine Fotos davon nicht mit anderen zu teilen. Sie nicht irgendwo hochzuladen. Es fühlt sich heute rebellischer an, meine persönlichen Schnappschüsse nicht einer KI zur Verfügung zu stellen, die damit den Verlauf der Menschheit verändert. Früher wollte man Dinge mit anderen teilen und erleben, um dieses Gefühl der Gemeinschaft zu haben. Heute ist es genau umgekehrt. Der ganze digitale Mechanismus ist so bösartig, dass ich Dinge lieber für mich behalte.

Und so bleibt das Foto auch dein persönlicher Moment. Es ist fast so, als würdest du den Moment auch ohne Beweismittel leben und erleben. So wie es sich früher angefühlt hat, als Speicherplatz noch rar war.
Absolut. Aber ist es auch nicht automatisch eine Entwertung von Dingen, wenn man sie auf solche Plattformen lädt, das meine ich damit nicht. Ich will ja mit Menschen verbunden bleiben, aber nicht zu jedem Preis. Der traurige Teil daran ist, dass ich auch ein Kind der 90er bin und mich noch gut an die Zeiten ohne Algorithmus erinnere – es waren großartige Zeiten. Heute ist alles Willkür. Ich kann 300.000 Follower auf Instagram haben, wenn ich diese Maschine nicht regelmäßig füttere, wirft mich der Algorithmus völlig aus der Bahn und ich erreiche nur mehr zehn Prozent von ihnen. Ohne, dass ich was getan habe – nämlich nur, weil ich mir vielleicht die Freiheit genommen habe, eine Zeit lang nichts zu posten. Man ist gezwungen, sich ständig zu präsentieren. Auch wenn man es nicht will. Es ist ein grauenvoller Kreislauf.

Und du kannst auch nicht auf die Follower und die Werbung der Plattformen verzichten. Also dann doch lieber mitspielen als nicht mitspielen?
Ich hoffe, dass wir in 50 oder 100 oder vielleicht sogar 20 Jahren auf die heutige Zeit zurückblicken und sie als verrückt und aus dem Ufer geraten erkennen. Wir haben all unsere Daten und unsere komplette Privatsphäre irgendwelchen undurchsichtigen Konzernen gegeben, ohne irgendwas zu hinterfragen. Das ist ein Wahnsinn und wir kommen jetzt erst langsam drauf, was wir da eigentlich getan haben.

Du hast vorher auch von Verbundenheit gesprochen – genau diese Verbundenheit durchströmt aber dein Album „A Love For Strangers“. Du hast auf deinen Touren durch Australien und Nordamerika schon gesehen, dass die Songs live funktionieren, dass die Menschen darauf anspringen. Macht sich da deine neue, organische Zugangsweise zur Musik schon bezahlt?
Ich denke schon. Da sich die digitale Verbundenheit durch die Willkür der Algorithmen zunehmend sinnlos anfühlt, hat das Livespielen bei Konzerten wieder an Wert gewonnen. Für mich ist das momentan die beste Form von Verbundenheit und Kommunikation, die ich mir mit Hörern vorstellen kann. Ich habe auf der Bühne noch immer oft Lampenfieber und bin ängstlich, deshalb kann ich die Liebe der Fans nicht immer sofort spüren. Ich leere auf der Bühne mein Herz aus und brauche immer etwas, bis ich verstehe, was vor mir passiert. Aber die Leute kommen trotzdem und das gibt mir ein Gefühl der Sicherheit. Ich hoffe, ein Konzert von mir ist es wert, besucht zu werden. Ich werde von Mal zu Mal mehr zu einem blutenden Herzen und bin immer weniger Entertainer. Es geht mir nicht so sehr darum, die Leute ohne Sorgen in die Freiheit zu entlassen, sondern mehr darum, meine Emotionen und Gefühle mit denen der Menschen zu verbinden. Das ist es, was eine Verbindung ausmacht. Manchmal ist das ungemütlich, aber am Ende des Tages sorgt es für positive Gefühle.

Gibt es mittlerweile auch eine andere Verbindung zwischen Nick Murphy und seinem Alter Ego Chet Faker? Unterscheidet sich die Gegenwart da mittlerweile stark von der Vergangenheit?
Lustig, oder? Der Grund, warum ich jahrelang als Nick Murphy Musik veröffentlichte, war der, dass so viel Druck auf der Figur von Chet Faker lag. Als alles durch die Decke ging, war ich 25, fast noch ein Junge. Ich wollte mich vom Druck befreien, aber trotzdem in Ruhe Musik erschaffen. Hätte ich nicht den Namen gewechselt, hätte ich mit der Musik ziemlich sicher aufgehört. Dann hat sich auch der Sound zwischen den beiden Namen unterschieden, aber wenn ich jetzt zurückschaue und ehrlich bin, dann wollte ich mich einfach von der Öffentlichkeit und dem Druck lösen. Ich finde es amüsant, dass sich so viele Menschen darüber geärgert haben, aber am Ende des Tages spricht die Musik für sich. Da sollte es egal sein, unter welchem Namen sie erscheint. Viele sagten, der Sound wäre nicht mehr gut. Sie mochten ihn nicht. Dabei war das oft nur der Fall, weil er von Nick Murphy kam und nicht mehr von Chet Faker.

Menschen assoziieren eben sehr viel mit gewissen Namen.
Das ist ein richtiger Punkt, aber für mich kein Grund, warum so viele verärgert waren. Ich lasse mir noch immer ein Türl offen, dass ich Musik unter beiden Namen rausbringe, je nachdem, wie ich es für richtig halte. Für mich fühlt es sich so an, als würde ich gerade erst richtig losstarten, als würde das Abenteuer nun beginnen. „A Love For Strangers“ ist so, als wäre ich dorthin zurückgekehrt, wo ich begonnen hatte, nur dass ich heute viel mehr verstehe, weil ich viel mehr erlebt habe. Ich kann mit dem Touren, dem Erfolg und mit Ruhm besser umgehen. Es fühlt sich heute so an, als würden sich Yin und Yang in der Mitte treffen. Beide erfüllen ihren Zweck, sind aber nicht mehr voneinander abgetrennt. Heute geht mehr nach Gefühl als nach Gehirn und das ist ein großer Fortschritt für mich.

Live in Wien und Linz
Nach mehr als zehn Jahren kommt Chet Faker aka Nick Murphy mit seinem famosen neuen Album „A Love For Strangers“ und vielen organischen Instrumenten endlich wieder für zwei Gigs nach Österreich. Am 21. Juli spielt er am Open-Air-Gelände der Arena Wien, tags darauf ist er beim Frischluft-Open-Air im Linzer Posthof zu sehen. Unter www.oeticket.com gibt es noch Karten und alle weiteren Infos für die Auftritte der australischen Soul-Stimme.

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