In den 90er-Jahren standen die New Yorker Quicksand kurz vor dem großen Durchbruch, ihr Post-Hardcore war trotz Majorlabel aber etwas zu sperrig für den Mainstream. Auf ihrem neuen Album „Bring On The Psychics“ beweisen Walter Schreifels und Co. eindrucksvoll, dass man auch in den 50ern und nach zwei Reunions noch gut brüllen kann. Ein Album, als wäre die Zeit nie vergangen.
Man mag es aus heutiger Sicht kaum glauben, aber Anfang der 90er-Jahre konnten sogar Post-Hardcore-Bands einen Majorlabel-Vertrag aushandeln. So geschehen bei den kultigen New Yorkern von Quicksand, die sich 1990 mit ihrer selbstbetitelten 4-Track-EP Konzertplätze im Vorprogramm von Kapazundern wie Rage Against The Machine, Fugazi, Helmet oder Anthrax erspielten und 1992 mit großen Erwartungen von Polydor Records unter Vertrag genommen wurden. Das 1993 veröffentlichte Debütalbum „Slip“ gilt noch immer als eines der größten Kultwerke des Genres und verkaufte sich bis 1995 um die 100.000 Mal. Im Vorprogramm der Punkrock-Durchstarter The Offspring spielten Frontmann Walter Schreifels und Co. 250 Shows, bis man 1995 implodierte. Einerseits an internen Querelen, andererseits an der Tatsache, dass sich der sperrige Hardcore-Sound doch nicht so breitenwirksam verkaufen ließ, wie die Plattenfirma es erhoffte.
Eine zweite Karriere
1997 gab es bis 1999 eine erste Reunion, doch erst 2012, beim zweiten Anlauf, sollte es auch langfristig klappen. Dazwischen hatte Schreifels auch schon eine Karriere bei Gorilla Biscuits und Rival Schools gemacht, Drummer Alan Cage verdingte sich kurzzeitig bei Enemy und Bassist Sergio Vega schaffte als langjähriger Bassist bei den Deftones sogar den partiellen Sprung mit einem Bein in den Mainstream. Mit „Interiors“ (2017) und „Distant Populations“ (2021) gab es seitdem zwei mehr als gutklassige und anfangs völlig ungeplante Comebackalben, die freilich nicht mehr das große Rascheln im Musikbusiness entfachten, der Kultband neben altgedienten Fans aber so manch neues Publikum brachte. Der Andrang der Massen auf der Red-Bull-Stage beim Nova Rock diesen Frühling hielt sich in Grenzen, aber die Geschichte von Quicksand ist Liebhabern der härteren musikalischen Gangart schon noch immer ein Begriff.
„Ich bin ein großer Fan von Festivals“, erzählt Schreifels im Interview mit der „Krone“ am Rande des Nova Rocks, „man trifft meist gute alte Freunde von anderen Bands, kann sich andere Künstler ansehen und das Catering ist vor allem in Europa immer fantastisch. Es ist eine Win/Win-Situation, weil auch die Fans für relativ wenig Geld sehr viel Programm geboten kriegen.“ Bassist Vega bestätigt: „Manchmal laufen Leute einfach grundlos an deiner Show vorbei und du erwischt sie gerade mit dem richtigen Song oder Riff und sie bleiben und schauen sich das Konzert an. Es ist immer noch einer der niederschwelligsten Wege, um ein potenzielles neues Publikum zu gewinnen.“ Das sollte mittlerweile nicht nur mit den Klassikern aus den 90ern, sondern bestenfalls mit dem brandneuen Studioalbum „Bring On The Psychics“ möglich sein. Gut die Hälfte der Songs hat man live längst erprobt, das ganze Album braucht sich vor den Großtaten der Vergangenheit nicht zu verstecken und ist wohl das gelungenste seit Mitte der 90er-Jahre.
Ermutigung über alles
In Zeiten der ständigen Querelen und politischen Zerwürfnisse gehen die Hardcore-Recken den umgekehrten Weg und kehren das Positive hervor, wie Schreifels betont. „Beim Schreiben der Texte habe ich an andere, positiv denkende Menschen und eigene Erfahrungen gemacht. ,Bring On The Psychics‘ soll auf jeden Fall ermutigen und die schönen Seiten des Lebens ins Zentrum stellen. Der Hardcore, mit dem ich in den 80ern als Teenager aufgewachsen bin, hat mich immer ermutigt und mir Bestätigung gegeben. Auch die frühen Songs von Quicksand sind in den 90er-Jahren bewusst in diese Richtung gegangen. Ich wollte dieses Mal übers Überleben singen. Über Erreichtes und Ziele. Über Möglichkeiten und Hoffnungen und über die schiere Kraft darüber, dass man sein Leben immer steuern und zu einer besseren Ausrichtung verhelfen kann. Stell dir einfach vor, dass du in einer guten Welt voller Freude lebst. Das ist die Message, die wir verbreiten.“
„Get To It“ ist eine nach vorne marschierende Hymne, die der Motivation dienen soll. „Es geht darum, die Dinge in die Hand zu nehmen. Nicht immer abzuwarten, sondern einfach zu machen und damit das Ruder selbst in der Hand zu haben. Prokrastination ist ein Problem, das ich schon mein ganzes Leben habe und gegen das ich ankämpfe.“ Bei „Regenarate“ etwa geht es darum, neue Wege einzuschlagen und sich nicht von Veränderungen verunsichern zu lassen. „Es ist auch ein Mantra“, so Schreifels, „nicht aufzugeben, sich nicht hängen zu lassen, sondern manchmal wieder neu anzufangen oder es wieder zu versuchen.“ Sergio Vega ist vor allem von der Teamleistung beeindruckt. „Es ist unser drittes Album seit der Reunion und erstmals habe ich das Gefühl, dass wir wirklich blind an einem Strang ziehen. Dass sich alles gefügt hat. Wir haben gelernt, wer wir sind und wie wir funktionieren. Das hört man dem Album an.“
Gleich, aber doch anders
Quicksand anno 2026 besteht zwar aus den gleichen drei Freunden, die 1990 ihren Jugendtraum mit der Bandgründung erfüllten, dennoch wirkt das Gespann auch auf Schreifels wie eine ganz neue Band. „Wir sind immer noch die gleichen Typen, haben aber viele Erfahrungen gesammelt und uns verändert. Bei allen hat sich der Schalter umgedreht und das ist musikalisch irrsinnig aufregend. Wir spielen live noch immer die Klassiker von früher, aber auch viele neue Songs. Ich will jetzt nicht so direkt sagen, dass wir es früher oft verschissen hätten, aber wir sind heute definitiv ein anderes und wesentlich stabileres Team.“ Quicksand mögen nicht mehr an den großen Erfolg glauben, ihren Eintrag in der Genre-Musikgeschichte haben sie sich verdient. Und so frisch klingen Bands nach fast 40 Jahren Bestehen auch nur äußerst selten.
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