Interview

Vom stinkenden Pendlerort zur gefragten Wohnstadt

Niederösterreich
12.07.2026 11:00

40 Jahre nach der Ernennung zur Landeshauptstadt hat sich St. Pölten auch als Wohnstadt stark verändert. Isabella Stickler, Obfrau der Genossenschaft Alpenland, spricht über Wachstum, neue Ansprüche und die Zukunft.

Wie sehr hat sich das Wohnen in den letzten 40 Jahren in St. Pölten verändert?
Isabella Stickler: Die Entwicklung ist tiefgreifend. Aus einer regional geprägten „Arbeiterstadt mit schlechter Luftqualität“ ist eine wachsende Landeshauptstadt geworden, die heute über 60.000 Einwohner zählt. Mit der Ernennung zur Landeshauptstadt 1986 hat ein massiver Entwicklungsschub eingesetzt. Anfangs war St. Pölten für viele noch eine klassische Pendlerstadt mit starker Funktion als Arbeits- und Verwaltungsstandort. Heute hat sich dieses Bild deutlich verändert: Die Stadt ist selbst zu einem attraktiven Wohnort geworden. Damit hat sich auch der Wohnbau stark gewandelt – weg von reiner Quantität hin zu Qualität, Vielfalt und nachhaltiger Stadtentwicklung. Neue Quartiere, Nachverdichtung und moderne Wohnformen prägen heute das Bild. Wohnen ist stärker mit Lebensqualität, Infrastruktur und urbanem Leben verbunden als je zuvor.

Alpenland hat in St. Pölten bislang 1.120 Wohnungen realisiert.
Alpenland hat in St. Pölten bislang 1.120 Wohnungen realisiert.(Bild: Alpenland)

Kann man sagen, dass die Entwicklung zur Landeshauptstadt auch ein Motor für den Wohnbau war? 
Ja, eindeutig. Durch die Verlagerung von Verwaltung, Schaffung von zusätzlichen Arbeitsplätzen und öffentlichen Einrichtungen und öffentlicher Infrastruktur ist die Nachfrage nach Wohnraum stark gestiegen. Einen weiteren Schub hat auch der Ausbau der Bahnverbindung Linz-Wien gebracht. Gleichzeitig hat sich die Bevölkerungsstruktur verändert – viele Menschen sind bewusst in die Stadt gezogen, um hier nicht nur zu arbeiten, sondern auch zu leben. Heute ist St. Pölten keine klassische Pendlerstadt mehr, sondern ein vollwertiger Wohnstandort. Genau dieser Wandel hat den Wohnbau qualitativ wie quantitativ vorangetrieben.

Welche Vorteile sehen Sie heute für St. Pölten als Wohnstadt?
St. Pölten verfügt über ausreichende Entwicklungsmöglichkeiten – sowohl für Wohnen als auch für Arbeiten und Infrastruktur. Damit bleiben Wohnen und Leben in St. Pölten leistbar. Die Stärke der Stadt liegt in der Kombination: Wohnen, Arbeiten, Bildung, Freizeit, Einkaufen und Nahversorgung sind gut miteinander verknüpft. Dadurch entstehen kurze Wege und eine hohe Alltagstauglichkeit für viele Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Diese Mischung macht St. Pölten besonders attraktiv. Die Stadt hat sich zu einem Standort entwickelt, der urbanes Leben mit guter Erreichbarkeit und hoher Lebens- und Freizeitqualität verbindet – und genau das macht sie heute zu einer sehr interessanten, gefragten Wohnstadt mit Zukunftsperspektive.

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Die Ansprüche haben sich verändert: Balkon oder Garten, eine gute Infrastruktur im Umfeld, und leistbare Betriebskosten sind heute zentrale Kriterien.

Isabella Stickler

Wie viele Wohnungen hat Alpenland in St. Pölten seit 1986 errichtet?
Alpenland ist seit den frühen 90er-Jahren in St. Pölten aktiv. Unser erstes Projekt war eine Reihenhausanlage im Stadtteil Harland mit 12 Einheiten und rund 120 m² Wohnnutzfläche – ein damals noch sehr überschaubarer Start. Seither hat sich viel entwickelt: Insgesamt haben wir 1.135 Einheiten realisiert, davon 1.120 Wohnungen und 15 Geschäftslokale. Damit haben wir die Entwicklung St. Pöltens als attraktiven Wohnstandort über Jahrzehnte hinweg aktiv mitgestaltet. St. Pölten ist für uns einer der zentralen Wachstumsmärkte in NÖ – ein Standort, den wir auch in Zukunft konsequent weiterentwickeln werden.

Wie hat sich die Nachfrage nach Wohnraum in den letzten Jahrzehnten verändert?
Die Nachfrage ist deutlich gestiegen und zugleich differenzierter geworden. Früher stand vor allem die reine Wohnversorgung im Vordergrund, heute geht es stärker um Qualität, Lage, Lebensumfeld und Leistbarkeit im Gesamtpaket. Auch die Ansprüche haben sich verändert: Freiflächen wie Balkon oder Garten, eine gute Infrastruktur im Umfeld, Energieeffizienz und leistbare Betriebskosten sind heute zentrale Kriterien. Die durchschnittlichen Wohnungsgrößen haben sich tendenziell etwas reduziert – die Grundrisse effizienter genutzt und stärker auf unterschiedliche Lebensphasen abgestimmt.

Ein Balkon oder ein eigener Garten sind heute zentrale Wünsche bei der Wohnungssuche.
Ein Balkon oder ein eigener Garten sind heute zentrale Wünsche bei der Wohnungssuche.(Bild: Katrin Fister)

Ist es heute schwieriger geworden, eine passende Wohnung zu finden? Welche Rolle spielen gemeinnützige Wohnbaugenossenschaften dabei?
Ja, die Wohnungssuche ist insgesamt anspruchsvoller geworden. Das liegt an der geringeren Neubautätigkeit und daran, dass weniger Wohnungen durch Umzüge frei werden. Aber auch an den differenzierten Vorstellungen der Wohnungssuchenden. Wohnungen werden bis zu fünf Mal besichtigt, bevor eine Entscheidung getroffen wird. Gemeinnützige Bauvereinigungen erfüllen beim Wohnungsneubau eine zentrale, wichtige Rolle als Stabilisator für den Wohnungsmarkt. Sie schaffen dauerhaft leistbaren Wohnraum durch die Kostendeckungsmiete. Damit sind sie ein verlässlicher Partner für viele Menschen, gerade in angespannten Marktphasen.

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Wachstum braucht Planung, Infrastruktur und Qualität im Wohnbau. Genau daran wird in St. Pölten intensiv gearbeitet

Isabella Stickler

Es wird ja immer wieder die Kritik laut, St. Pölten wachse zu schnell. Wie sehen Sie das?
Wachstum ist grundsätzlich ein positives Zeichen – es zeigt, dass eine Stadt attraktiv ist und als Wohn- und Arbeitsstandort funktioniert. Gerade St. Pölten hat sich in den letzten Jahrzehnten genau in diese Richtung entwickelt. Entscheidend ist aber, wie dieses Wachstum gestaltet wird. Und hier liegt der eigentliche Punkt: Wachstum braucht Planung, Infrastruktur und Qualität im Wohnbau. Genau daran wird in St. Pölten intensiv gearbeitet – etwa durch das Stadtentwicklungskonzept, das bewusst auf eine „Stadt der kurzen Wege“ setzt, also die Verbindung von Wohnen, Arbeiten, Versorgung und Freizeit. Das Ziel ist klar: Die Stadt soll nicht einfach größer werden, sondern besser funktionieren. Dazu gehört, dass Infrastruktur mitwächst – von Kinderbetreuung über Verkehr bis hin zu sozialen Einrichtungen. Denn klar ist auch: Wachstum bringt Herausforderungen mit sich, etwa beim Verkehr oder bei neuen Stadtteilen. Kurz gesagt: Wachstum ist nicht das Problem – unkoordiniertes Wachstum wäre es. In St. Pölten sieht man aber, dass bewusst versucht wird, dieses Wachstum zu steuern und als Chance zu nutzen: für mehr Lebensqualität, bessere Infrastruktur und einen zukunftsfitten Wohnstandort.

Was macht St. Pölten als Wohnort aus Ihrer Sicht besonders lebenswert?
St. Pölten verbindet viele Qualitäten: eine gute Infrastruktur, kurze Wege, ein breites Bildungs- und Kulturangebot sowie viel Grünraum. Gleichzeitig ist die Nähe zu Wien ein großer Vorteil. Diese Kombination macht die Stadt besonders attraktiv für unterschiedliche Zielgruppen. Das wird oft unterschätzt, ist aber im Alltag der zentrale Faktor.

Gibt oder gab es einen Trend, der Sie persönlich überrascht hat?
Auffällig – und in dieser Dynamik durchaus überraschend – ist, wie stark sich die Bedeutung des Wohnumfelds verändert hat. Die einzelne Wohnung steht heute weniger im Mittelpunkt als früher. Entscheidend ist vielmehr das Gesamtpaket: Wohnqualität, ein funktionierendes Umfeld, gute Nachbarschaft, Infrastruktur und Lebensqualität. Gerade in einer Stadt wie St. Pölten zeigt sich das sehr deutlich. Kurze Wege, Nahversorgung, öffentliche Anbindung und Freiräume werden immer wichtiger – Wohnen wird stärker als Teil eines gesamten Lebensraums gedacht. Ein zweiter klarer Trend ist das gestiegene Bedürfnis nach Stabilität und Verlässlichkeit. Viele Menschen achten stärker auf langfristige Sicherheit. Dabei wird auch die Wohnkostenbelastung viel bewusster hinterfragt – nicht nur die Einstiegskosten, sondern die Gesamtkosten über Jahre hinweg. Leistbares Wohnen mit verlässlichen Rahmenbedingungen gewinnt dadurch deutlich an Bedeutung. Das Vertrauen in einen stabilen, erfahrenen Bauträger ist ein entscheidender Faktor geworden. Qualität, Planbarkeit und Verlässlichkeit stehen heute oft stärker im Fokus als kurzfristige Trends.

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