Der Treibstoffengpass in Russland spitzt sich immer weiter zu, ein Ende ist nicht in Sicht. Seit Mitte Juni verbringen Autofahrer Stunden und manchmal sogar Tage in der Schlange an der Tankstelle. Bewohner ländlicher Regionen wollen sich das nicht länger antun – und greifen zum guten alten Gaul.
Die Benzin-Krise hat mittlerweile fast alle Regionen Russlands erfasst. Immer weiter greift die Ukraine mit Drohnen Infrastruktur an. Zwar geben die Behörden keine Informationen darüber preis, wie stark die russischen Raffinerien tatsächlich beschädigt sind. Aber die Berichte, die uns aus dem flächenmäßig größten Land der Welt erreichen, sprechen Bände.
Wlad aus Sankt Petersburg fährt bereits seit über einer Woche mit seiner Frau aus der fernöstlichen Stadt Wladiwostok nach Hause. Ausgerechnet dort ein kostengünstigeres Auto zu kaufen, entpuppte sich als Schnapsidee. In der Stadt Tschita holte das Paar die volle Härte der neuen Realität ein: Ganze 36 Stunden mussten die beiden an der Tankstelle warten, bis sie endlich den dringend benötigten Zapfhahn ergattern konnten. „Ich weiß nicht, wie viele Fahrzeuge vor uns waren – vielleicht etwa 1000. Es waren sehr viele. Die Entfernung von uns bis zur Tankstelle betrug 2,8 Kilometer“, ärgert sich der Mann auf Instagram.
Wlad beobachtete auch einen „kleinen“ Stau in Nowosibirsk:
Die Bewohner ländlicher Gebiete werden zunehmend kreativ. Dem Telegram-Kanal Mash zufolge hat sich laut Züchtern die Nachfrage nach Arbeitspferden in den vergangenen Wochen um ein Vielfaches erhöht. Zum Einsatz kommt der Gaul etwa bei Arbeiten im Wald, bei der Heuernte und in der täglichen Landwirtschaft. Beliebter geworden ist auch das Fahrrad. Die Plattform CDEK.Shopping verzeichnete im Juni 131 Prozent mehr Verkäufe, der Umsatz vergrößerte sich gar um 263 Prozent.
Duma-Abgeordnete warnt vor Getreide-Notstand
In den sozialen Netzwerken entflammen hitzige Debatten. Es hagelt Vorwürfe, die Behörden würden die Lage im Land beschönigen. Ein Drittel der Ölraffinerien sei außer Betrieb. Dennoch würden die stellvertretenden Ministerpräsidenten und Minister kein Wort darüber verlieren, echauffiert sich die Duma-Abgeordnete Nina Ostanina. „Warum schweigen der Landwirtschaftsminister und der für seinen Bereich zuständige Vizepremier im Vorfeld der Ernte? Schließlich könnte das Land ohne Getreide dastehen, was angesichts der internationalen Sanktionen einem Todesurteil gleichkäme“ ließ Ostanina auf Telegram ihrer Wut freien Lauf.
Obwohl man versucht, sich bedeckt zu halten, dürften in der russischen Elite insgesamt die Nerven blank liegen. Die Zustimmung zum Präsidenten Wladimir Putin fiel laut einer offiziellen, staatlich kontrollierten Umfrage auf den niedrigsten Wert seit Beginn des Ukraine-Krieges. Und selbst Propaganda-Chefin Margarita Simonjan warnt vor einem Umsturz in dem Land.
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