Mit erstmals 40 Grad in Wien erreichte die Temperatur am vergangenen Wochenende einen historischen Höhepunkt. Vulnerable Gruppen, etwa chronisch Kranke oder ältere Menschen, trifft die Rekordhitze besonders hart.
„Diese Hitzewelle ist womöglich ein Vorgeschmack auf etwas, was in den nächsten Jahren eine noch ältere Bevölkerung treffen wird“, warnte Willi Haas von der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) und der MedUni Wien am Dienstag vor Journalisten. Denn aktuelle klimatologische Prognosen hätten einen „cold bias“, seien also „eigentlich zu kalt im Vergleich dazu, wie sich das Klima empirisch entwickelt“, so Haas. Forschungsergebnisse von 40 Wissenschaftern sollen in einem Sonderheft der Fachzeitschrift „Das Gesundheitswesen“ nun Lösungsvorschläge liefern, wie Klima- und Gesundheitspolitik gemeinsam gedacht werden könnten.
Hitze führt laut Public-Health-Forscher Thomas E. Dorner von der MedUni Wien nicht nur zu mehr Schweißproduktion. Sind Temperaturen hoch, schlägt das Herz schneller und die Haut wird stärker durchblutet – das verringert wiederum die Durchblutung der inneren Organe. Bei 40 Grad Hitze kämen „alle Menschen in die Nähe der Grenze ihrer Kapazitäten“. Senioren über 65 Jahren seien aber besonders betroffen. Sowohl die Schweißproduktion als auch die Herz-Kreislauf-Reserve seien im Alter niedriger, die Haut werde weniger durchblutet. Das verstärke dann Krankheiten wie „akute Nierenschädigung, Leberfunktionsstörungen und im schlimmsten Fall – das ist lebensbedrohlich – den Hitzschlag“.
Mehr Möglichkeiten für Bewegung nötig
Besonders fehlende Bewegung im hohen Alter belaste die Gesundheit. „Wir wissen, dass körperliches Training eine der effektivsten Maßnahmen ist, die zur persönlichen Resilienz beitragen, um gut durch Hitzeperioden zu kommen“, sagte Dorner, Leiter der Akademie für Altersforschung am Haus der Barmherzigkeit. Der Experte empfiehlt für Menschen ab 65 Jahren mindestens zweimal wöchentlich muskelkräftigende Aktivitäten und mindestens 150 Minuten körperliche Aktivität.
Es hätte gleich mehrere positive Effekte, wenn sich größere Teile der Bevölkerung im Alter mehr bewegen würden, erläuterte Willi Haas. So entwickle sich mehr Resilienz gegenüber Hitze, und dadurch käme es zu weniger Aufenthalten im Spital, was wiederum die Wirtschaft und den CO2-Abdruck entlasten könne.
Einen Hebel sehen die Experten beispielsweise in barrierefreier Infrastruktur, um Mobilität für ältere Menschen attraktiv zu halten – selbst bei hohen Temperaturen. Es brauche ein „Straßenumfeld, das leicht zu überqueren ist, nicht zu laut, mit sauberer Luft, fußläufigen Geschäften“. Allein zu kurze Grünphasen bei Ampelübergängen könnten abschreckend wirken. Auch bei der thermischen Sanierung von Gebäuden seien „wir weit hinter dem, was notwendig ist“. Ein positives Beispiel seien die verkehrsberuhigten Superblocks in Barcelona. „Das sind Umgebungen, in denen man sich von der Türschwelle bis zum Geschäft barrierefrei bewegt.“
Pflegende ebenfalls belastet
Gesundheitsökonomin Andrea Schmidt von der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) will außerdem bei den pflegenden Angehörigen ansetzen. In Österreich gebe es zurzeit mindestens eine Million Angehörige, die sich um Familie oder Freunde kümmern. Das mache rund 80 Prozent der Pflege in Österreich aus. Dabei bekämen auch die Pflegenden die Hitze zu spüren. „Pflegende Angehörige sind häufig sozial isoliert und psychisch belastet, weil sie aufgrund der Betreuung, die sie für ihre Angehörigen leisten, nicht außer Haus können – auch wenn es heiß ist“, so die Expertin. Gleichzeitig werden pflegende Angehörige laut Schmidt immer wichtiger, „weil immer weniger Angehörige pro pflegebedürftiger Person zur Verfügung stehen“.
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