Schneiders Brille

Die Leiden des Rentners

Vorarlberg
07.06.2026 18:00
Porträt von Vorarlberg-Krone
Von Vorarlberg-Krone

Vom Freund und Helfer zum Dorfsheriff: Der Ruhestand stürzt den Ex-Polizisten Karl in eine tiefe Sinnkrise. Robert Schneider liefert mit seiner jüngsten Kolumne eine ebenso bittere wie treffende Alltagsbeobachtung über den schwierigen Übergang in den Ruhestand und die Suche nach einer neuen Identität.

Karl ist in Pension gegangen. Im April. Jetzt hockt er nur noch rum. In seinem richtigen Leben war er Polizist. Ein netter. Er hat auch mal fünfe grad sein lassen. Hat oft weggeschaut und gesagt: „Fahren Sie weiter, aber versprechen Sie mir, dass es nicht mehr vorkommt.“ Oft hat er ein Auge zugedrückt. Jetzt tut er es nicht mehr.

Keine schönen letzten Jahre
Die Rente macht was mit ihm. Klar. Die Sinnlosigkeitsgefühle, die ihn jetzt lähmen, kamen nicht von heute auf morgen. Die letzten Jahre als Polizist seien nicht mehr schön gewesen, meint er. Er habe nur noch am Schreibtisch gesessen, Anzeigen entgegengenommen, die sich dann in Luft aufgelöst hätten. Der Außendienst sei immer weniger geworden. Dafür die Schreibarbeit mehr. „Du hast ja keine Ahnung, wer alles heute wen, wofür und warum eigentlich anzeigt! Absurd!“

„Und was machst du so in der Rente?“, frage ich Karl. „Die Zeit totschlagen“, antwortet er bitter. „Kein Hobby?“ – „Doch. Ich laufe im Dorf herum und schaue, wem ich an den Karren fahren könnte.“ – „Du zeigst die Leute an?“ – „Richtig.“ – „Karl, wir müssen reden!“

Eine tiefe Lebenskrise
Wir machen einen Spaziergang. Ich rede auf ihn ein, aber er kommt einfach nicht damit klar, dass er jetzt zum Alteisen gehört. „Es gibt Leute, die haben sich in der Rente noch einmal ganz neu erfunden. Haben zu studieren angefangen, eine Lehre gemacht, …“ Ich kann mir den Mund fusselig reden. Karl steckt in einer tiefen Lebenskrise. Plötzlich bleibt er stehen. Der Lärm einer Heckenschere irritiert ihn. „Das allgemeine Naturschutzrecht verbietet, wildlebende Tiere oder Nester während der Brut- und Nistzeit zu stören.“ Der Heckenscherenmann schaut ihn verdutzt an.

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