RImmer mehr Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder im Freien aufwachsen anstatt in geschlossenen Räumen. Die Waldkindergruppe „Libella“ im burgenländischen Purbach am Neusiedler See freut diese hohe Nachfrage besonders. Die „Krone“ war im Alternativkindergarten zu Gast und sah sich um, wie der Alltag so läuft.
Rainer Zehetner (41) ist Unternehmer und externer Lektor an einer Fachhochschule. Außerdem fungieren der zweifache Vater und seine Partnerin Iris Enz als Obleute der „Waldkinder Libella“ in Purbach. Der von den Eltern verwaltete Verein – in Österreich gibt es mittlerweile rund 80 Wald- und Naturkindergruppen – versteht sich nicht als Kindergarten im herkömmlichen Sinn, sondern als naturpädagogische Betreuungsgruppe, die Mädchen und Buben ein freies Aufwachsen in der Natur ermöglicht.
Der Großteil der Zeit wird daher mit Aktivitäten an der frischen Luft verbracht – etwa mit Spaziergängen, Kräuterkunde, Klettern, Bachspielen, dem Beobachten von Käfern, Schmetterlingen, Fröschen und Vögeln oder kreativem Arbeiten mit Naturmaterialien. Ob es draußen nass, kalt oder heiß ist, ist nebensächlich: An warmen Tagen gibt es ausreichend Schattenplätze, im Winter steht ein beheizbarer Wohnwaggon als Rückzugsort zur Verfügung.
Raus aus den Zwängen
„Aktuell besteht unsere Gruppe aus elf Kindern. Weil die Nachfrage von Eltern aus dem Raum Eisenstadt mittlerweile so hoch ist, übersiedeln wir mit Schulstart am 7. September an einen neuen Standort: an den Flachgraben im Stadtteil St. Georgen. Dort hat uns eine Privatperson ein tolles Waldstück als Pachtgrund zur Verfügung gestellt“, sagt Zehetner.
Die zentrale Lage freut auch jene Mütter und Väter, die bisher weitere Anfahrtswege zur Waldkindergruppe „Libella“ in Kauf nahmen, wie zum Beispiel Jessica Niklas aus Eisenstadt. Aber warum hat die ausgebildete Volksschullehrerin für ihre Tochter Lani überhaupt diese alternative Betreuungseinrichtung ausgesucht? „Jedes Kind ist von Natur aus bewegungsfreudig. Doch regelkonforme Kindergärten und Schulen zwingen unsere Kinder bewusst zum Sitzen und Stillsein. Hier im Wald dürfen sie auch mal laut sein, ohne, dass es jemanden stört“, sagt Niklas.
Friede, Freude, Eierkuchen?
Dieser Freiraum sei „für die persönliche und soziale Entwicklung der Kids unbezahlbar“. Dessen seien sich alle Eltern hier bewusst. Deshalb meckere auch niemand, wenn es darum gehe, sich in Form von „Elternstunden“ in der Gemeinschaft einzubringen: „In jedem funktionierenden System braucht es helfende Hände. Manche mähen die Wiese oder waschen das Geschirr ab, andere backen gesunden Kuchen oder leeren den Kanister im Öko-Klo aus.“
Pädagogin Lucia Brenner nickt zustimmend: „Es gibt tatsächlich nur zwei Regeln. Erstens: Keiner läuft davon. Zweitens: Keiner tut dem anderen weh.“ „Doch, die Jungs hauen uns manchmal!“, kontert die kleine Malou, die mit gespitzten Ohren gelauscht hat, und ergänzt schelmisch: „Aber dann ärgern wir sie zurück!“
Fixes Ritual
Fakt ist: Gruppenzwang gibt es hier keinen. Auch bespaßt wird niemand. Jedes Kind darf im Grunde tun und lassen, was es will und sich nach Lust und Laune mit Dingen beschäftigen, die ihm Freude bereiten. Nur um 11.30 Uhr, wenn der Gong einer Klangschale erklingt, wissen alle, was tun ist: Still werden und sich andächtig um den Tisch zum Mittagessen versammeln. „Erde, die uns das gebracht. Sonne, die es reif gemacht. Liebe Sonne, liebe Erde, deiner nie vergessen werde“, sprechen die Kids nun im Chor und beginnen zu essen. Kaum ist alles verputzt, waschen sie ihre Schüsserln aus und stellen sie weg, bevor sie erneut barfuß über die Wiese tollen.
Investition in die Zukunft
Beaufsichtigt werden die Kids übrigens von Montag bis Freitag in der Zeit von 8.30 bis 12.30 Uhr. Anmeldungen für Kinder ab zweieinhalb Jahren sind ab sofort möglich. Der Elternbeitrag kostet 240 Euro pro Kind und Monat. Für die biologische Jause und ein vegetarisches Mittagessen, das ein externer Koch täglich frisch zubereitet, kommen monatlich noch 60 Euro hinzu. – Eine Summe, die man sich erst mal leisten können muss.
„Das stimmt. Doch nach zwölf Jahren – solange gibt es die Waldkindergruppe Libella schon – lässt sich sagen, dass Kinder aus allen sozialen Schichten zu uns kommen. Manche stammen aus wohlsituierten Akademikerfamilien, andere aus einfachen Arbeiterfamilien. Für eine leichte und unbeschwerte Kindheit ihrer Sprösslinge sparen sie sich gerne jeden Cent vom Mund ab.“
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