Paris, Opéra Bastille: Mit Antonia Bembos Oper „Ercole amante“ wurde eine echte Barockperle aus dem Dornröschenschlaf erlöst. Die musikalisch wie szenisch großartige Produktion kann man auch im Stream (Arte) erleben.
Über 2700 Sitzplätze hat die 1989 eingeweihte Opéra Bastille. Ein immens hoher, nüchterner, nicht gerade der schönste Opernsaal.
Doch: Wenn der Argentinier Leonardo García-Alarcón seiner farbenreich lebendig auf historischem Instrumentarium aufspielenden Cappella Mediterranea den Einsatz gibt, um die festliche französische Ouvertüre von „Ercole amante“ („Der verliebte Herkules“) anzustimmen, umfängt einen sinnlich warmer Klang, der alle Dimensionen überwindet.
Aus Venedig geflohen, begeistert sie in Paris
Womit ihre Oper keinerlei Aussicht auf Aufführung hatte. Paris holt das jetzt nach und lässt das Publikum über drei himmlische Stunden lang staunen: Französische Tänze und Chöre (exzellent: Chœur de Chambre de Namur) ruhen auf einem italienischen Fundament aus Rezitativen und Arien und Ensembles, die die Zeit stillstehen lassen. García-Alarcón belebt das mit seiner tollen Cappella nach allen Regeln der Kunst. Monteverdi und Cavalli klingen nach, war doch die Venezianerin einst Schülerin des Letzteren.
Auch die zeitlichen! Denn „Ercole amante“ steht erstmals überhaupt auf einer richtigen Opernbühne – und begeistert restlos. Das Libretto hatte bereits der venezianische Star Francesco Cavalli für Sonnenkönig Ludwig XIV. wenig erfolgreich in Musik gesetzt. 45 Jahre später, 1707, nahm es sich die Venezianerin Antonia Bembo (um 1640 in Venedig – um 1720 in Paris) noch einmal vor. In der Abgeschiedenheit eines französischen Klosters.
Wenig ist über diese Antonia Bembo bekannt, nicht einmal ein Abbild ist überliefert. Das, was man weiß, zeigt ein erstaunliches, bewegtes Leben: Um 1640 als Tochter eines Arztes geboren, erhält sie eine fundierte Musikausbildung. 1659 wird sie mit dem prominenten Adelsspross Lorenzo Bembo verheiratet. Sie bekommt drei Kinder. Doch die Ehe wird durch Gewalt, Untreue und Vernachlässigung zerrüttet. Details, die man aus dem – abgelehnten – Scheidungsantrag Antonias kennt.
Aus der ausweglosen Situation hilft nur die Flucht: 1677 entkommt sie verkleidet im Karneval nach Paris. Dort verzaubert sie den Sonnenkönig mit ihrem Gesang, bekommt eine Rente sowie Unterkunft im Kloster Filles de Saint-Chamond, wo sie eine große Lieder-Sammlung komponiert. Dazu ihren „Herkules“.
Auch wenn am Sonntag (14. Juni) die letzte Vorstellung des „Herkules“ über die Bühne geht, ist er zum Glück nicht verloren: Auf Arte (www.arte-tv) lässt sich die vom Publikum begeistert gefeierte Aufführung ein Jahr lang nachstreamen.
Die Britin Netia Jones hat ihn nun in eigener Ausstattung hinreißend pointiert und fantasievoll ins Heute geholt. Diesen alt gewordenen Helden, der, obwohl verheiratet, die Braut seines Sohnes begehrt, deren Vater er umgebracht hat. Am Ende wird Herkules selbst zur Strecke gebracht und unsterblich im Olymp entsorgt.
Die Besetzung ist luxuriös. Neben Größen wie Julie Fuchs, Sandrine Piau und Marcel Beekman beeindrucken viele junge Stimmen, die man sich merken muss: Tenor Alasdair Kent, die Sopranistinnen Deepa Johnny und Ana Vieira Leite, Countertenor Théo Imart und Bass Alex Rosen. Sie alle veredeln diese herrliche Entdeckung.
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