Tragischer Fall in Vorarlberg: Am Landesgericht Feldkirch musste sich am Mittwoch ein 36-jähriger Einheimischer wegen Einbruchdiebstahls verantworten. Doch bei dem Prozess, der alle im Saal erschauern ließ, ging es um weit mehr – nämlich um das Versagen einer Gesellschaft, die einen Mann zum Waldmenschen werden ließ.
Sechs gefällte Bäume, ein selbstgebauter Unterschlupf im Wald, ein nächtlicher Einbruch aus nagendem Hunger – das sind die nackten Fakten eines Falles, der erschüttert. Vor Gericht legte der 36-Jährige ein Geständnis ab, das unter die Haut ging. „Ja, ich habe die sechs Bäume im Waldgebiet von Bürs gefällt und daraus einen Unterschlupf gebaut. Sonst wäre ich erfroren“, gab der Angeklagte offen zu.
Auch den Einbruch in einen Lebensmittelmarkt räumte er ohne Umschweife ein: „Ich hatte gewaltigen Hunger.“ Zwei schlichte Sätze, die sinnbildlich für ein Leben stehen, in dem es nur bergab ging. Es ist die Geschichte eines Mannes, den das soziale Netz, die Gesellschaft, das „System“ eben nicht aufgefangen hat.
Ich wurde von meinen Eltern misshandelt und gefoltert. Später von einem Kinderschänder sexuell missbraucht.
Der Angeklagte vor Gericht
Misshandelt, gefoltert, im Stich gelassen
Was er der Richterin über seine Vergangenheit erzählte, ließ den Saal verstummen: „Ich wurde von meinen Eltern misshandelt und gefoltert. Später von einem Kinderschänder sexuell missbraucht.“ Geschehen sei nichts – selbst nach seiner Anzeige vor zwei Jahren nicht. Aus Verzweiflung hat er eigenhändig einen 24-seitigen Brief an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verfasst – in der Hoffnung, doch noch gehört zu werden.
Unterstützung vom AMS oder sonstige Hilfen hat der 36-Jährige nie bezogen: „Das ist halt wie ein Rattenschwanz. Um Arbeitslosengeld zu bekommen, brauchst du eine Postadresse und so weiter.“ Ohne Adresse keine Hilfe, ohne Hilfe keine Adresse – ein Teufelskreis, an dessen Ende der Wald sein Zuhause wurde.
Im Gefängnis bekomme ich was zu essen und schlafe in einem Bett.
Der Angeklagte vor Gericht
Er ist froh, im Gefängnis zu sitzen
Seit zwei Wochen sitzt der 36-Jährige nun in Untersuchungshaft. Unglücklich darüber ist er nicht, ganz im Gegenteil: „Ich will gar nicht mehr raus aus dem Gefängnis. Hier bekomme ich was zu essen und schlafe in einem Bett.“
Ein Satz, der mehr über gesellschaftliches Versagen aussagt als jedes Plädoyer. Die Richterin sprach den einstigen Reinigungskraft-Arbeiter im Sinne der Anklage schuldig und verurteilte ihn zu zwölf Monaten teilbedingter Haft – begleitet von mitfühlenden Worten, wie man sie im Gerichtssaal nur selten hört: „Ihr Fall ist wirklich tragisch. Im Gegensatz zu vielen anderen Straftätern handelten Sie aus Not, Hunger und Verzweiflung.“
Er solle jetzt die Gelegenheit nutzen und psychologische Hilfe annehmen. Ein zweiter Schritt nach der Entlassung sei dann das Finden einer Wohnung. Unterstützt werden soll er dabei von einem Betreuer. Der 36-Jährige willigte ein. Das Urteil ist rechtskräftig.
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