Wiener Aufreger

Lueger-Denkmal gekippt: „Vom Denkmal zum Mahnmal“

Wien
11.06.2026 16:00

Nach 17 Jahren Zaudern, Konflikten und Pannen ist es vollbracht: Das Lueger-Denkmal an der Wiener Ringstraße steht wieder, nun um 3,5 Grad geneigt. Fix ist jetzt schon: Bei den Kosten von 776.000 Euro wird es nicht bleiben, und die Konflikte sind damit nicht ausgestanden.

Noch steht um das Lueger-Denkmal am Ring ein Bauzaun. Aber bald soll jeder sehen, wie die Statue durch eine Neigung von 3,5 Grad „vom Denkmal zum Mahnmal“ geworden ist, wie Eva-Maria Stadler es formulierte. Die Professorin der Universität für Angewandte Kunst leitete die Jury, die vor drei Jahren grünes Licht für die Idee des Künstlers Klemens Wihlidal gab, das Denkmal zu kippen. 

Kaup-Hasler findet Mahnmal nötiger denn je
Die Idee hatte Wihlidal schon 2009 als Student aus freien Stücken präsentiert. Es folgten 17 Jahre Zögern, Konflikte und Pannen seitens der Stadt. Nun ist die Idee Realität geworden. Die Konflikte sind geblieben:. Mit Trillerpfeifen protestierten Demonstranten während der Projekt-Präsentation dagegen, dass auch ein schiefer Lueger die fortgesetzte Erinnerung an einen antisemitischen Populisten bedeute. Um Kosten von 776.000 Euro. Vorerst.

Schon vor der Entfernung der Bauzäune musste die Polizei das Denkmal vor Demonstranten schützen.
Schon vor der Entfernung der Bauzäune musste die Polizei das Denkmal vor Demonstranten schützen.(Bild: Imre Antal)

Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler verteidigte das Projekt mit dem Argument, gerade angesichts erstarkenden Antisemitismus’ in Wien „brauchen wir auch eine zeitgemäße Auseinandersetzung damit“. Sie könne zwar „auch verstehen, dass man es weghaben will“, aber das hätte aus Kaup-Haslers Sicht vor allem Verdrängung bedeutet. Sie zitierte die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann mit den Worten: „Über Leerstellen lässt sich nicht sprechen.“

Warum ausgerechnet 3,5 Grad?

3,5 Grad Neigung hat die Lueger-Statue nun. Hinter dem Wert verbirgt sich keine geheime Botschaft, verneint Künstler Klemens Wihlidal „die Frage, die mir am öftesten gestellt worden ist“: Er entschied sich mit Simulationen für die geringstmögliche Neigung, bei der man „nicht mehr wegschauen kann“.

Kaup-Hasler glaubt, dass die Konflikte versiegen. Man könne „der Öffentlichkeit vertrauen, dass sie das auf sich wirken lässt“. Sollte das Mahnmal jedoch nachhaltig beschädigt werden, ginge für die Wiederherstellung „jeder Cent vom Kulturbudget weg.“ Ohnehin wird es nicht bei Kosten von 776.000 Euro bleiben – allein schon wegen der Attacke auf die Figur vor einigen Wochen in einer Restaurierungswerkstätte in Niederösterreich.

„Vandalismus finde ich sehr interessant“
„Kunst im Öffentlichen Raum“-Chefin Cornelia Offergeld widersprach Kaup-Hasler mit der Garantie, dass das zu keinen Mehrkosten führen werde: Man müsse sehen, ob vielleicht die Versicherung zahlt. Die Endabrechnung für das Projekt stehe noch aus. Wer die Statue attackiert habe, will Offergeld „gar nicht wissen“.

Zitat Icon

Da war kein untätiger Tag dabei – das dauert so lange. Ich habe es auch nicht geglaubt.

Cornelia Offergeld, Leitung „Kunst im Öffentlichen Raum“, über die Projektdauer

Gegen Vandalismus ist das Mahnmal nicht gesondert abgesichert. Ohnehin findet Offergeld „Vandalismus als Spur der Gesellschaft sehr interessant.“ Wihlidal rechnet ebenso damit, dass der geneigte Lueger nicht lange frisch restauriert aussehen wird. Er hatte schon von Anfang an dazu geraten, die Statue unverändert wieder in ihrem einstmals beschmierten Zustand zu montieren.

Erfolg durch Hetze
Bis heute profitiert Wien von der 13-jährigen Amtszeit Karl Luegers (1844-1910) als Bürgermeister: Die II. Wiener Hochquellwasserleitung, die Wurzeln der Stadtwerke und der Wiener Linien sowie zahlreiche Spitäler gehen auf ihn zurück. Den Preis dafür mussten all jene zahlen, auf deren Kosten er seinen populistischen politischen Erfolg aufbaute: Gastarbeiter, damals vor allem Tschechen, und Juden, gegen die er erbarmungslos hetzte. Nicht umsonst fand ihn der in Wien gestrandete junge Adolf Hitler sehr inspirierend.

Den Personenkult um ihn förderte Lueger selbst schon nach Kräften. Wer genau hinsah, sah ihn schon damals entzaubert: Bewusst unternahm er etwa nichts gegen die damalige Wohnungsnot – weil er mit der Immobilienbranche packelte. Auf seinem Totenbett gestand er zudem, dass Antisemitismus ein „Pöbelgeschäft“ sei, das er nur für seine Zwecke genutzt habe.

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