Die Neuinszenierung von Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“, mit der französischen Dirigentin Laurence Equilbey am Pult des Pariser Théâtre des Champs-Élysées, lässt aufhorchen.
Es ist ein Schmuckkästchen in Jugendstil und Art déco, dieses Théâtre des Champs-Élysées, in dem Nijinskys „Sacre du printemps“ uraufgeführt wurde. Es fasst im großen Saal 2000 Besucher und ist im Pariser Musikleben das Äquivalent zum Theater an der Wien. Dominque Meyer war hier Direktor, bevor er an die Wiener Staatsoper kam, wo sein Nachfolger Bogdan Roščić Mozart auch im Jahr seines 270. Geburtstags pflegt. Doch im Theater an der Wien ist mit Direktor Stefan Herheims eine szenische Mozartbrache ausgebrochen.
Anders in Paris, wo man sich an „Die Entführung aus dem Serail“ wagt. Übertitelt, sodass das Pariser Publikum bei Pointen herzlich mitlachen kann. Mozart hat hier Tradition, wie ein Plakat im Foyer beweist: 1924 gastierte Wiens Staatsoper unter Franz Schalk mit Mozartopern, darunter auch die „Entführung“.
Statt Schalk steht diesmal eine Frau im Graben: Laurence Equilbey, die unter anderen auch bei Nikolaus Harnoncourt in Wien studiert hat, zuletzt mit Schumann im Musikverein gastierte und mehrfach bei den Salzburger Festspielen auftrat. Equilbey begann mit ihrem 1991 gegründeten Accentus Chor, der jetzt auch in der „Entführung“ glänzen kann, um nach und nach auch Orchester, wie etwa das Concerto Köln oder die Camerata Salzburg, zu dirigieren. 2012 kam dann ihr eigenes Insula Orchestra dazu, das seine Heimat in einem futuristischen Bau auf einer Seine-Insel am Rande von Paris besitzt. Das Ensemble spielt auf alten Instrumenten und erweist sich unter der sorgsamen Führung Equilbeys auch als großes Atout der neuen „Entführung“.
Mit viel Janitscharen-Getöse stürmt Equilbey in die Ouvertüre der Türkenoper, sorgt mit ihrem feinen Orchester für seidig transparenten Klang, lässt viele schöne Details hören und ist den Sängern aufmerksame Begleiterin. Wobei es hier hakt. Die Besetzung überzeugt nur in Maßen. Problematisch die stilistisch wenig Mozart-affine Konstanze von Jessica Pratt. Sie mag ihre Meriten im Belcanto haben, Koloraturen und Läufe kommen ihr als harte Kraftakte, allzu legatofrei aus der Kehle. Wohltönend, wenn auch etwas phlegmatisch, ist ihr Belmonte von Amitai Pati, 2014 Teilnehmer am Salzburger Young Singers Project. Brenton Ryan gibt den Pedrillo druckvoll baritonal. Ante Jerkunica ist ein fieser Osmin, der fehlende Kraft in Höhe und Tiefe mit Vitalität wettmacht. Uli Kirsch, den man als Genius aus dem Salzburger „Figaro“ von Claus Guth und Harnoncourt kennt, gibt einen Bassa Selim, vor dem man sich nicht fürchten muss.
Sie alle sind Opfer von Florent Siauds unbeholfener Regie, die in einem Glashaus, irgendwo zwischen Abu Dhabi und Dubai, nicht weiß, was sie will. Aber letztlich geht’s um die Mozartsache. Wie heißt es am Ende so schön in seinem Serail: „Wer dieses nicht erkennen kann, den seh’ man mit Verachtung an.“
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