Festwochen-Chef Rau

„Nicht um jeden Preis“: Absage an Peter Thiel

Kultur
30.05.2026 19:35

Die Wiener Festwochen hatten den heftig umstrittenen Tech-Ideologen Peter Thiel zu einem Debattenformat am 7. Juni eingeladen. Nach einer kontroversen Diskussion und viel Widerstand aus Politik und Kunst steht fest: Die Veranstaltung mit dem umstrittenen Milliardär wird abgesagt.

„Nicht um jeden Preis“, meldete sich Milo Rau am frühen Samstagabend zu Wort. Er nehme kritische Stimmen sehr ernst. Aus seiner Verantwortung für das Gesamtprogramm „musste ich mich leider gegen die geplante Veranstaltung mit Peter Thiel entscheiden“, gab der Festwochen-Intendant in einer Aussendung bekannt. Rau selbst hätte die Debatte mit dem umstrittenen US-Tech-Milliardär „extrem spannend“ und im Rahmen des Programms „thematisch konsequent gefunden“. Doch: „Ein Beharren auf der Veranstaltung stünde im Widerspruch zu meiner Wertschätzung für unser künstlerisches Programm und alle daran Beteiligten“, so Milo Rau.

Festwochen-Intendant Milo Rau hat entschieden, das Debattenformat mit Peter Thiel abzusagen.
Festwochen-Intendant Milo Rau hat entschieden, das Debattenformat mit Peter Thiel abzusagen.(Bild: Nurith Wagner Strauss)

Der nunmehrigen Absage war eine heftige Debatte vorausgegangen, nachdem bekannt wurde, dass die Festwochen Peter Thiel im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung am 7. Juni eingeladen hatten.

Umstrittene Einladung
Die zentralen Fragen der kontroversen Debatte, denen die Festwochen selbst am Freitag im Odeon Theater einen Raum gaben, lauteten: Darf man einem der einflussreichsten und finanziell potentesten Proponenten der Silicon-Valley-Rechten ein Forum bieten, der gegen Multilateralismus und freiheitliche Demokratie eintritt? Einem Menschen, der eine apokalyptische und damit religiös geprägte Weltsicht propagiert, in welcher der Antichrist auf die Übernahme der Welt zuarbeitet? Einem Milliardär, der reich geworden ist mit Paypal, einflussreich mit der Überwachungssoftware Palantir und als Trump-Unterstützer und Mentor von dessen Vize JD Vance politischen Einfluss besitzt?

Nach den Aufregungen im Netz über diese Glaubensfragen hatten sich am Freitag im Odeon nicht zuletzt viele Kultur- und Medienschaffende zum offenen Diskurs darüber eingefunden, ob man die ausgesprochene Einladung widerrufen solle. Und die Frontlinien standen sich dabei letztlich unversöhnlich gegenüber. Ist es eine vertane Chance, wenn man die Zusage eines der mächtigsten Menschen dieses Planeten ablehnt? Soll man sich bemühen, Gesprächskanäle offenzuhalten oder bietet man Technikfaschismus ein Forum? Lenkt Intendant Milo Rau mittels gezielt gesetzter Provokation den Fokus von der Kultur auf die Politik oder ballt sich gerade in der Auseinandersetzung mit dem Anderen die demokratische Kraft?

„Niemand muss mit Thiel einer Meinung sein“
„Peter Thiel ist einer der mächtigsten Menschen der Welt, der vor einiger Zeit angefangen hat, theologisches Vokabular zu verwenden“, begründete Intendant Rau die Einladung an den 58-Jährigen, der sich somit in das heurige Festwochen-Motto „Republic of Gods“ eingliedern lasse. Die Rahmensetzung dafür sei klar und werde auch von Thiel nicht infrage gestellt: „Kritische Fragen, totale Offenheit, die Anwesenheit von Journalisten“. Im Kern gehe es um das Wesen der Debatte, der sich Thiel erstmals öffentlich stelle: „Es muss niemand mit Thiel einer Meinung sein – es ist umso besser, wenn wir das nicht sind.“

„Leute reagieren wie bei einem Pawlowschen Reflex“
Thiels für die Veranstaltung vorgesehener Counterpart, der Linkstheologe Wolfgang Palaver, plädierte klar für die Einladung: „Man muss genau hinschauen.“ Er glaube, dass viele in Europa nur mit groben Etiketten auf Thiel blickten. Er habe bisweilen den Eindruck, dass die Menschen Thiel nicht sprechen lassen wollten, um ihre eigene Meinung nicht ändern zu müssen: „Die Leute reagieren wie bei einem Pawlowschen Reflex.“

Im Festwochen-Gremium Rat der Republik hatten zuvor zwei Drittel der Mitglieder für die Abhaltung der Veranstaltung mit Thiel votiert. „Ich persönlich glaube, dass man Peter Thiel nicht hätte einladen sollen“, machte indes Politikwissenschafterin Monika Mokre als Ratsmitglied deutlich. Ihr gehe es nicht um Cancel-Culture. „Ich glaube auch nicht, dass Thiel die Festwochen ausnutzt – die hat er gar nicht nötig. Aber ich glaube, dass es den Festwochen nichts bringt.“

Kaup-Hasler hält Thiel-Einladung für „entbehrlich“
Auch Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) ließ in Interviews indes keinen Zweifel an ihrer Position. „Der Erkenntniswert eines Gesprächs mit Peter Thiel, dessen Einbettung für mich zu wenig durchdacht ist, erschließt sich mir nicht“, machte sie deutlich. Kaup-Hasler formulierte ihre Erwartungshaltung in Richtung Milo Rau dabei klar: „Es gebietet, wieder und in Zukunft das Maß zu finden, wo die Kunst im Zentrum steht – und nicht der Intendant.“

Für eine starke Gesellschaft
„Diese Gesellschaft ist und muss stark genug sein, um auch polemische, spaltende, unsolidarische, extremistische, undemokratische oder verfassungswidrige Stimmen und Beiträge zu ertragen, zu erdulden, ihnen entgegenzutreten, sie aufzudecken und ihnen entgegenzuwirken.“ So argumentierte bis zuletzt das im Zuge des Cancel-Prozederes einberufene internationale Beratungsgremium des Festivals.

Die Festwochen sahen sich jedoch, laut ihrer Aussendung vom Samstag, gleichzeitig „einer wachsenden Anzahl kritischer Stimmen und immer zahlreicheren politisch oder ethisch motivierten Absagen von Beteiligten des künstlerischen Programms gegenüber. Diese Absagen schwächen in ihrer Gesamtheit die diesjährigen Festwochen in einem untragbaren Umfang, weshalb sich die Geschäftsführung entschlossen hat, die Debatte mit Peter Thiel abzusagen.“ Die Debatte über die Einladungspolitik der Festwochen ist damit zweifelsohne nicht vorbei.

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