Am 22. Mai veröffentlichte die Wiener Band Freude ihr zweites Studioalbum mit dem Namen „Unter Druck und zwischen Welten“. Vor wenigen Wochen traten sie live im Flucc auf und präsentierten die Songs vorab. Im Interview mit uns spricht der Leadsänger Clemens Neumeister über den Druck einer jungen Generation, Wien als musikalische Prägung und warum sie besser als die Gruppe Wanda sind ...
Als ich Clemens Neumeister bei uns im Pressehaus treffe, wirkt er auf den ersten Blick fast ein bisschen so, als wolle er gar nicht groß auffallen. Käppi, Jacke, ein Kaffee to go in der Hand, den er sich davor noch schnell beim Billa geholt hat. Schüchtern, ruhig, unscheinbar. Kaum zu glauben eigentlich, dass er Teil einer Wiener Rockband ist, die zwar Freude heißt, in ihren Texten aber oft genau dorthin geht, wo es wehtut.
Zur Band gehören neben Clemens auch Nina, die Bass und Gitarre spielt und singt, sowie Yoshi am Schlagzeug. Das Projekt gibt es bereits seit 2020, damals allerdings noch eher lose und als Soloprojekt. Erst 2023, erzählt Clemens später im Interview, sei daraus wirklich eine „ernstzunehmende“ Band geworden. Im selben Jahr erschien mit „Salz“ auch das Debütalbum. Jetzt legen Freude mit „Unter Druck und zwischen Welten“ nach — einem Album, das sich genau dort bewegt, wo junge Menschen heute oft stehen: irgendwo zwischen Weltkrisen, eigenen Gefühlen, Überforderung und dem Versuch, trotzdem weiterzumachen.
„Krone“: Für alle, die euch noch nicht kennen: Wer seid ihr und was macht ihr?
Clemens: Wir sind eine Indie-Rock-Pop-Band aus Wien. Das Projekt gibt es theoretisch schon länger, der erste Release war 2020. Damals war es noch ein Soloprojekt. Erst seit 2023 ist es eigentlich ein ernstzunehmendes Bandprojekt geworden.
Du hast also alleine angefangen?
Ja, ich war am Anfang alleine. Mittlerweile sind wir zu dritt. Wir waren kurz zu viert, dann ist der Gitarrist ausgestiegen. Jetzt sind wir zu dritt, und das ist auch einfacher zu koordinieren, weil eine Person weniger Ansprüche hat.
Warum heißt die Band eigentlich Freude?
Es gab das Projekt Kummer, und ich fand es spannend, ein musikalisches Projekt nach einer Emotion zu benennen. Ich wollte aber etwas positiv Konnotiertes, womit man innerhalb der Texte brechen kann.
Die Band heißt „Freude“, aber in unseren Texten geht es oft um Depressionen, teilweise auch um Suizid und solche Dinge. Das hat nicht viel mit Freude zu tun. Genau dieses Gegenspiel finde ich spannend, weil es am Ende ja alles irgendwie mit dem Leben zu tun hat.
Euer neues Album heißt „Unter Druck und zwischen Welten“. Wann war klar, dass dieser Titel zum Album passt?
Es war eigentlich nie so wirklich klar. Es hat sich eher ergeben, weil sich die Thematik vom Album genau mit diesen zwei Dingen beschäftigt: dass eine junge Generation gerade ziemlich zwischen Welten steht und dauerhaft unter Druck ist. Das war dann eine gute Beschreibung dafür. Ich bin außerdem Fan von langen Albumtiteln (lacht).
Ihr beschreibt auf der Platte ein Leben zwischen Weltkrisen, Screens und Chaos im Kopf. Wie sehr spiegelt das eure persönliche Gefühlslage der letzten Jahre wider?
Das ist genau das, was das Album tun soll. Es ist nicht zwingend ein Konzeptalbum, aber weil es so wenig Konzept gibt, ist dadurch wieder ein Konzept entstanden. Ich finde, dass du neben all den Dingen, die gerade passieren, auch noch deine individuellen Gefühle unter Kontrolle bekommen musst. Früher war das, glaube ich, nicht so. Auch in der Generation meiner Mutter wahrscheinlich nicht (lacht), weil man nicht dauerhaft mit jeder Krise der Welt beschallt wurde. Gleichzeitig hast du Liebeskummer oder deine Oma stirbt. Das passiert alles auf einmal und du musst versuchen, deine Emotionen irgendwo hinzulegen. Ich glaube nicht, dass wir die Einzigen sind, die da verwirrt sind.
Was war beim Schreiben diesmal anders als beim ersten Werk?
Beim ersten Album „Salz“ gab es ein konkretes Konzept. Ich habe mir Emotionen herausgepickt und wollte für jede Emotion einen Song schreiben. Dieses Mal war es anders. Da wurde wirklich das aktuelle Gefühl, das ich gerade fühle, zu einem Song. Bis heute weiß ich nicht zu 100 Prozent, welche Gefühle in welchem Lied drin sind. Es sind Momentaufnahmen, die zeigen sollen, wie kompliziert es ist, zu wissen, wo man genau hinfühlen soll.
Wie schafft ihr es, schwere Themen in Songs zu verpacken, die live trotzdem Energie auslösen?
Keine Ahnung. Mich wundert eher, wie andere Musiker es schaffen, keine schweren Themen zu nehmen. Ich mache Musik, weil es Dinge gibt, die mich belasten oder stören. Irgendwelche Probleme, zu denen ich eine Lösung suche – so entsteht das dann. Und wir sind halt eine Rockband. Zu Rockmusik kann man irgendwie gut tanzen. Ich glaube, live ist der Text dann manchmal ein bisschen Nebensache (grinst).
Gibt es einen Song auf dem Album, der dich beim Schreiben besonders emotional erwischt hat?
Der emotionalste Song für mich ist „Hast du mich noch lieb?“. Da geht es um meine Großmutter, bei der ich aufgewachsen bin. Sie ist an Krebs gestorben.
Wenn eure Fans jetzt „Unter Druck und zwischen Welten“ hören würden, was sollen sie denn danach denken?
Ich sage immer: Wir sind ungefähr wie Wanda, nur nicht so arrogant und dafür musikalischer, das checken die Leute dann sofort (lacht).
Ihr kommt aus dem Raum Wien. Wie sehr prägt diese Stadt euren Sound und eure Texte?
Ich glaube, zu 100 Prozent. Ich habe in Berlin gelebt und dort viel mit deutschen Künstlerinnen und Künstlern gearbeitet. Ich finde, Wiener haben beim Textschreiben und generell im Sound eine komische Direktheit, die Deutsche niemals hätten. Wir haben zum Beispiel einen Song, der heißt „Liebesbriefe, so wie Kafka“. Ich bin mir sicher, ein Mensch, der nicht aus Wien kommt oder nicht hier aufgewachsen ist, könnte so einen Text nicht schreiben. Da schwingt immer etwas Morbides mit. Dafür braucht es das Wienerische. Wien ist halt doch irgendwie ostblockmäßig, und dadurch bekommt man eine gewisse Direktheit in der Sprache.
Warum bist du damals nach Berlin gegangen?
Ich habe nur ein Jahr dort gewohnt, eigentlich um mal rauszukommen. Ich bin generell ein Mensch, der nicht ewig an einem Fleck sein kann. Ich habe Bock, die ganze Zeit herumzureisen (lacht). Berlin ist super für die Musik. Es gibt viele Events und man lernt viele Leute kennen.
Ihr seid vor kurzem in Wien aufgetreten. Ist ein Heimspiel in Wien für euch mehr Druck oder mehr Vorfreude?
Mittlerweile ist es weder noch. Natürlich ist viel Vorfreude dabei, aber Druck eigentlich gar keiner. Ganz ehrlich gesagt ist es halt ein Job, und den macht man. Ich liebe es Live zu spielen und kann mir vorstellen, das echt länger zu machen. Früher habe ich mich mehr unter Druck gesetzt, aber mittlerweile ist es Routine. Wir haben letztes Jahr ungefähr 50 Konzerte gespielt. Irgendwann kommt man hin, spielt sein Set, baut auf, baut ab und geht wieder nach Hause.
Was ist dir bei euren eigenen Konzerten besonders wichtig?
Mir ist wichtig, dass jeder einen Safe Space hat. Unsere Crowd ist da aber automatisch so und schaut, dass alles gut geht. Sonst ist mir eigentlich nur wichtig, dass die Stimmung top ist und alle eine tolle Zeit haben. Das ist mein Job als Musiker. Die Leute kaufen ein Ticket, weil sie einen schönen Abend haben wollen, und den muss ich ihnen geben.
Was erwartet euch 2026 noch?
Wir haben jetzt das Album rausgebracht, dann läuft die ganze Promophase. Im Sommer spielen wir dann ein paar Festivals, vor allem in Deutschland. Die Promophase geht aber bis Oktober, da haben wir, soweit ich weiß, den letzten Gig. Danach machen wir ein bisschen Pause und schreiben neue Nummern. Aber man weiß nie, was passiert. Die Musikbranche ist nämlich sehr undurchsichtig.
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