Sechs Jahre habe sich die einstigen Gitarrenrock-Retter The Strokes aus New York für ihr neues Werk Zeit gelassen und man ist geneigt zu fragen: warum? „Reality Awaits“ klingt wie eine experimentelle Jam-Session und erinnert nur partiell an die glänzenden Tage von früher. Das Quintett entwickelt sich weiter, aber in eine schräge Richtung.
Wenn man sich daran zurückerinnert, dass die letzte große Rock-Explosion mittlerweile ein Vierteljahrhundert her ist, kommt man unweigerlich ins Schaudern. „This Is It“ hieß das Album, aus New York kam es und die Strokes veröffentlichten es 2001. Rock’n’Roll mit Leckt-uns-alle-am-Arsch-Attitüde, juvenil-frischem Zugang, ohne die alten Säulenheiligen auszusparen und mit Riffs, für die man das rotzige Gespann noch heute verehrt. Nach der Britpop-Explosion rund um Oasis, Blur und Pulp war das auch zugleich das letzte große Aufmucken von Stromgitarren im Mainstream. Allzu schnell wurden die Charts von mediokren EDM-Beats, Hip-Hop und Latin überlagert – erst die britischen Post-Punk-Bands der letzten Jahre brachten die sechssaitige Streitaxt wieder zurück in den Vordergrund. Die Strokes selbst sind hingegen längst in andere Sphären abgedriftet.
Gefallen am Fremdgehen
Die wilden Drogenzeiten und überdimensioniert vereinbarten Tourneen haben die Strokes schon vor langer Zeit zurückgelassen. So explosiv sie in den 2000er-Jahren die Welt eroberten, so langsam und behände erlosch ihr Stern mit Fortdauer der Jahre. Die beiden führenden Köpfe, Frontmann Julian Casablancas und Gitarrist Albert Hammond jr., flüchteten sich zunehmend in Soloprojekte und fanden Gefallen daran, ihre Qualität abseits von Garage-Rock mit Punk-Attitüde zu zelebrieren, ohne aber dabei die Wurzeln zur Vergangenheit zu kappen. Mit New Wave und vermehrt elektronischen Elementen arbeiteten die Strokes schon beim Vorgänger „The New Abnormal“. Dass es mit Fortdauer des Bestehens eher weiter hinaus als zurück in den eigenen Soundstall gehen würde, war abzusehen.
Dementsprechend überrascht, wenn nicht sogar schockiert, zeigten sich die Fans dann von den ersten Single-Auskoppelungen des neuen Albums. „Going Shopping“ und „Falling Out Of Love“ haben mit den Strokes, wie man sie einst schätzen und lieben gelernt hat, nichts zu tun. Andererseits hat sich die Band aber schon vor 15 Jahren so stark vom Ursprungssound wegbewegt, dass den geifernden Fans der frühen Tage in ihrer unstoppbaren Nostalgieliebe entfallen sein dürfte, dass ihre Helden bereits länger nichts mehr mit der eigenen Revolution zu tun haben. Ganz im Gegenteil – die Revolution findet nach wie vor statt, dient aber als Rebellionsanker gegen sich selbst und das eigene Früher.
Casablancas vorn am Ruder
Am ehesten kommt man dem Lebensgefühl von damals mit dem dritten Albumsong, „Lonely In The Future“ nahe. Dort paaren sich Casablancas rhythmische Vocals mit einer funkig-lässigen Gitarre und spannendem Schlagzeugspiel, um daraus einen Track erwachsen zu lassen, den man sich durchaus als Bonus von „Room On Fire“ einreden lassen könnte – wäre da nicht die gesangliche Autotune-Verstärkung. Mit der zuweilen enervierend-technischen Umsetzung experimentiert Casablancas schon seit geraumer Zeit und auch solo furchtbar gerne herum – im Strokes-Kontext besteht mehr als die Hälfte des neuen Albums daraus. Die Sinnhaftigkeit lässt sich dabei nicht so leicht herausfinden. Weder werden Songs wie der sperrige Opener „Psycho Shit“ dadurch spannender oder interessanter, noch verhelfen sie einer Ballade (das bereits erwähnte „Falling Out Of Love“) zu mehr Gefühl oder melodischer Zugänglichkeit.
So plätschert das Album zu einem großen Teil ereignislos vor sich hin und erinnert mehr an eine durchschnittliche Geräuschkulisse in einer Hotellounge als an einen neuen großen Wurf einer etablierten Band. Kein Nachteil ist es jedenfalls, sich mit dem Oeuvre von Casablancas Nebenprojekt The Voidz zu befassen. Dort steckt der Frontmann seit geraumer Zeit Liebe, Leidenschaft und Energie hinein, ohne dabei wirklich in die erste Liga vorzudringen. Wer die Songstrukturen und entschlackten Kompositionen bei den neuen Strokes-Liedern „Going To Babble On“ oder „Liar’s Remorse“ irgendwo verorten möchte, wird aber dort fündig. Casablancas dürfte also federführend gewesen sein beim Kreativkonzept der neuen Strokes-Platte, die beim weltberühmten Produzenten-Rauschebart Rick Rubin in Costa Rica aufgenommen wurde. Der ist bekannt dafür, barfüßig im Zen-Modus zu lauschen und die musikalische Abteilung nur mit wenigen Stichwort auf den richtigen Weg zu leiten – oder wahlweise zu nerven.
Versteckspiel im Vorfeld
Einen schrägen Zugang zu ihrer eigenen Legende hatten die Strokes in den letzten Jahren öfter, doch „Reality Awaits“ ist ein besonders spezielles Kapitel in der hakenschlagenden Karriere der Amerikaner. Das setzt sich auch beim Drumherum zur Musik fort. Schließlich fuhr man kaum PR-Kampagnen für das Album, sagte so gut wie alle Interviewanfragen ab und tat so, als würde das gute Stück gar nicht erst das Licht der Welt erblicken – dazu wurde es auch noch mehr als einen Monat nach hinten geschoben. Das verbessert zumindest nicht die Grundqualität, die nur dann passt, wenn man sich imaginiert, dass man einer Voidz-Platte mit Strokes-Musikern lauschen würde, und keinem direkten Produkt der Strokes. „Reality Awaits“ mögen treue Fans als experimentellen Ausflug in geniale Sphären halten, für mich ist es wie „Chinese Democracy“ bei Guns N’Roses oder „Lulu“ von Metallica mit Lou Reed – der kreative Bauchfleck einer großen Karriere.
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