In Sofia live dabei

Iron Maiden: Der Schlüssel zur ewigen Jugend

Musik
28.05.2026 05:00

Am Dienstag spielten die unermüdlichen Heavy-Metal-Recken im Zuge ihrer ausgedehnten „Run For Your Lives“-Tour vor rund 40.000 Fans im fast vollen Vasil-Levski-Stadion in Bulgariens Hauptstadt. Die „Krone“ war live mit dabei und erlebte ihr „Bangaranga“ mit Stromgitarren.

kmm

Die „Run For Your Lives“-Tour zum 50-jährigen Bandjubiläum 2025 konnten Iron Maiden mit einem Sommer quer durch Europa nicht einfach so stehen lassen, das war relativ schnell klar. So geht die große Vergangenheitsbeschau - es werden ausschließlich Songs aus der klassischen Ära bis 1992 dargeboten - heuer weiter und kreuzt in wenigen Wochen auch noch einmal durch Österreich. Die britischen Haudegen werden den dritten Tag des diesjährigen Nova Rock headlinen. Eingrooven tut sich die Maschinerie einstweilen in Süd- und Osteuropa. Nach einem mehr als gelungenen Tourauftakt im heißen Athen vergangenes Wochenende war die „Krone“ beim zweiten der vielen Termine in diesem Jahr live dabei. Gegen das altehrwürdige Vasil-Levski-Stadion wirkt die Wiener Happel-Ruine fast wie ein moderner Mehrzwecktempel.

Der Nachtwärter bei „Fear Of The Dark“: Frontmann Bruce Dickinson bekommt viel Raum für ...
Der Nachtwärter bei „Fear Of The Dark“: Frontmann Bruce Dickinson bekommt viel Raum für schauspielerische Freuden.(Bild: John McMurtrie)

Alte Hasen in überholten Gefilden
Wer auf den Sitzplätzen zu einem Wasser oder Bier kommen möchte, muss pro Transaktion das Stadion verlassen, weil es drinnen überhaupt keine Verpflegung gibt. Auf den stalinistisch anmutenden Medientischen gibt es je eine Steckdose, die seit mindestens 30 Jahren nicht mehr restauriert wurde und wenn es zu tröpfeln beginnt, hat man schlichtweg Pech gehabt – aber von einem Regenguss ist weit und breit nichts zu sehen. In Sofia ächzt man aktuell genauso unter der überraschend frühen Hitzewelle wie überall in Europa südlich von Skandinavien. Den Fans ist das freilich egal. Im angrenzenden Park wurde schon am Vortag eine eigene Maiden-Fanszene gebaut, wo man offizielles Merchandise bekommt, alte Maiden-Konzerte mit Gleichgesinnten auf einer großen Leinwand ansieht und mit Experten jedweder Couleur inbrünstig diskutiert.

Im Stadion setzen die Briten auf den schillernden Bombast, den sie schon im Vorjahr nach Wien getragen haben. Eine famose Show und partielle Feuereffekte paaren sich mit einer gut geölten musikalischen Maschinerie und den so geliebten, landestypischen Attributen. So gibt es nicht nur eigene T-Shirts für bulgarische Fans zu erstehen, beim Opener „Murders In The Rue Morgue“ wird auf der Leinwand der Nachthimmel in den Landesfarben durchzogen und bei „The Trooper“ wedelt Frontmann Bruce Dickinson mit der bulgarischen Nationalfahne. Dieses Gimmick wird bei allen Nationen eingesetzt und bindet die Band noch näher an ihre Fans, die längst ihre Kinder oder Enkel beim großen Heavy-Metal-Fest mit dabei haben und vor dem drohenden Live-Ende ihrer Helden gerne noch das Staffelholz an die nächste Generation weitergeben.

Der will doch nur spielen: Iron Maidens Bandmaskottchen Eddie hat auch digital eine wichtige ...
Der will doch nur spielen: Iron Maidens Bandmaskottchen Eddie hat auch digital eine wichtige Rolle im Treiben.(Bild: John McMurtrie)

Heavy Metal als Jungbrunnen
Wobei – ein Ende auf den Bühnen dieser Welt kann man sich bei Iron Maiden nicht vorstellen, dafür sind die Musiker körperlich viel zu fit. Dafür haben sie bei den Konzerten zu viel Spaß. Dickinson läuft ein ums andere Mal unkontrollierte Bühnenkilometer ab und nützt sein oft ins Opernhafte reichende Timbre ohne Ermüdungserscheinungen. Die Instrumentalfraktion scheint dagegen jegliche Peter-Pan-Theorie verinnerlicht und die Grenzen der Physik ausgehebelt zu haben. Der 70-jährige Bandchef Steve Harris scheint den Abstieg seines Lieblingsvereins West Ham United gut verkraftet zu haben und war am Vortag des Konzerts – wie letztes Jahr in Wien – gegen eine bulgarische Auswahl Fußballspielen. Die drei Gitarristen Adrian Smith, Dave Murray und Jannick Gers biegen sich auf der Bühne in ihren Leggins durch wie in einem Fitnessvideo und begeistern mit atemberaubender Kondition.

Das opulente Bühnensetting verwandelt sich derweil mit dem jeweiligen Lied in eine neue Szenerie – wie in einem Märchenland für Erwachsene. Zu „Phantom Of The Opera“ geht ein roter Vorhang auf und leitet in die düstere Klassik. Zu „Powerslave“ befindet man sich im alten Ägypten und beim überlangen, beeindruckenden Kultstück „Rime Of The Ancient Mariner“ paaren sich die Videoeffekte so gut mit Dickinsons Gesangsposition, dass man tatsächlich glaubt, die tobende See würde ihn verschlingen. Bei den vielen Instrumentalpassagen bleibt dem fidelen Sänger auch ausreichend Zeit für Kostümwechsel und sein beliebtes Schauspiel, das sich in Songs wie „Seventh Son Of A Seventh Son“ oder „Hallowed Be Thy Name“ am stärksten herausschälst. Im Direktvergleich zum Vorjahr hat man übrigens kaum am Konzept geschraubt. Nach 36 Jahren rückte „Infinite Dreams“ für „The Clairvoyant“ ins Set, wer etwa auf „Alexander The Great“ baute, wird auch bei dieser Tour nicht glücklich werden.

Gitarrist Adrian Smith in juveniler Hochform und vor einem beeindruckenden grafischen ...
Gitarrist Adrian Smith in juveniler Hochform und vor einem beeindruckenden grafischen Bühnen-Setting.(Bild: John McMurtrie)

Wiedersehen in Österreich
In der durchperfektionierten Show funktioniert das Zusammenspiel zwischen Band und Publikum optimal. Nur „The Trooper“ wird leicht schief angestimmt, dazu hat sich auch Drummer Simon Dawson nach einem Jahr auf der Bühne so gut eingegroovt, dass man seinen Fills kaum noch Fehler anhört. Das beliebte Bandmaskottchen Eddie darf weder in natura, noch animiert auf der Leinwand fehlen und bei den Allzeit-Krachern „The Number Of The Beast“, „Run To The Hills“ und dem epischen „Fear Of The Dark“ explodiert dann auch die Stimmung im sommerlich warmen Konzertoval. Beim Nova Rock (Iron Maiden spielen am 13. Juni) darf man sich jedenfalls auf einen fulminanten Abend freuen – wer weiß, wie lange diese Legendenbeschau noch möglich ist. Am 16. Juni sind als Support von Megadeth im Wiener Gasometer (restlos ausverkauft) die US-Thrash-Ikonen Anthrax zu sehen, die in Sofia den Anheizer gaben und mit „It’s For The Kids“ sogar einen brandneuen Song des kommenden Studioalbums als Weltpremiere zum Besten gaben. Glückseligkeit am Stromgitarren-Firmament.

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