Die Erdbeerfrau

Bachs steiniger Weg an die Spitze der Kunstwelt

Vorarlberg
26.05.2026 16:25

Ihre Bilder erzielen Spitzenpreise, ihre Frauenfiguren sind weltbekannt: Ein Porträt über eine unangepasste Malerin Elvira Bach, die der Sprachlosigkeit der hessischen Provinz entfloh, im Berlin der achtziger Jahre ihr Alter Ego fand und sich bis heute in keine Schublade stecken lässt.

Die deutsche Künstlerin Elvira Bach (geb. 1951 in Neuenhain im Taunus) zählt gegenwärtig zu den angesagtesten Malerinnen im europäischen Raum. Ihre Bilder hängen in öffentlichen Galerien, von Berlin bis Vancouver, und die Preise, die sie auf Auktionen erzielen, lassen einen erröten wie die bevorzugte Lieblingsfarbe der Malerin – erdbeerrot.

Der Weg dieser Künstlerin zu Ruhm und Anerkennung verlief allerdings steinig. Bach wuchs Anfang der 1950er Jahre in einem verschlafenen hessischen Obstbauerndorf auf. In einem Podcast mit der „ZEIT“ erzählt sie, dass ihre Kindheit sehr glücklich gewesen sei. Als kleines Mädchen lief sie im Frühling durchs Dorf und verkaufte Alpenveilchen. „Ich bin aufgewachsen mit Früchten in Hülle und Fülle. Nicht kiloweise. Zenterweise Erdbeeren, Kirschen, Mirabellen.“

Aufgewachsen in einer tief bäuerlichen Welt
Sie ist noch lange nicht die berühmte und hochbepreiste Malerin Elvira Bach, deren Gemälde heute in internationalen Museen und Galerien hängen. Aber sie spürt, dass sie anders ist als die Obstbauern, unter denen sie aufwächst. „Ich erinnere mich, dass ich zu Hause bei meinen Eltern in unserem Obstbauerndorf an die Wände unserer Gartenhütte lauter große Frauenköpfe malte“, erzählt sie im Podcast. Nicht angepasst zu sein in einer noch tief bäuerlichen Welt, die das Richtige verschweigt, aber mit dem Finger stets auf das Falsche zeigt, erfüllt die junge Frau mit Minderwertigkeitsgefühlen. Daheim wird nicht geredet. Schon gar nicht über Gefühle. Weil es dazu keine Sprache gibt.

„Das Leben ist kein pythagoreischer Lehrsatz“
Elvira Bach tut sich mit dem Reden schwer. „Die Wahrheit steckt nicht in eleganten Sätzen. Die Wahrheit ist ein Stammeln“, sagte sie anlässlich einer Ausstellungseröffnung in Berlin. „Reden ist nicht meine Sache. Wenn ich’s könnte, würde ich nicht malen.“ Auf diesen Nenner bringt sie ihre Qual mit der Sprache. Sie verlässt ihr Dorf und beginnt eine Ausbildung zur technischen Zeichnerin. Aber Zirkel, Lineal und Zeichenmaschine sind ihre Sache nicht. „Die menschliche Seele lässt sich nicht auf dem Millimeterpapier ausloten.“ Winkel, Linie und Symmetrie wirken auf Elvira Bach geradezu lebensbedrohlich. „Ich hasse gerade Linien, habe sie immer gehasst. Das Leben ist kein pythagoreischer Lehrsatz. Ich habe jede Nacht geweint“, resümiert sie über diese Lehrzeit.

Elvira Bachs Frauenbildnisse spiegeln die Themen ihres eigenen Lebens.
Elvira Bachs Frauenbildnisse spiegeln die Themen ihres eigenen Lebens.(Bild: SCHROEWIG/Eva Oertwig)

Dann versucht sie es an der staatlichen Glasfachschule in Hadamar, an der sie von 1967 bis 1970 studiert. Dort lernt sie Hinterglasmalerei, lernt, Flachglasstücke in Bleiruten einzufassen und entlang der Kanten miteinander zu verlöten. „Ich wusste gar nicht, was Kunst ist, was das überhaupt sein soll. Aber ich wusste, dass ich gerne mit Farben arbeite. Da habe ich nicht lange nachgedacht.“

Im Grau der siebziger Jahre emigriert sie schließlich nach Berlin, macht die Aufnahmeprüfung an der Hochschule der Künste. Mit dem Falk-Plan in der Hand sucht sie sich zurechtzufinden. Lebt in einer Wohnung, wo sie mit Briketts heizen muss, wo es „nachts wirklich kalt wird, wenn es draußen kalt ist“. Sie findet Anschluss an eine junge linke Künstlergeneration, die sich mit durchringendem Jargon artikuliert, Lederjacken und umgearbeitete Ledermäntel trägt, um sich gegen die Generation der Väter abzugrenzen. Berlin ist toxisch, Anfang der achtziger Jahre.

Ein Atelierbesuch bei Elvira Bach in Berlin-Kreuzberg.
Ein Atelierbesuch bei Elvira Bach in Berlin-Kreuzberg.(Bild: SCHROEWIG/Eva Oertwig)

Im „Exil“ am Paul-Lincke-Ufer, dem damaligen Künstlertreff Nummer eins, dockt sie an, geht jeden Abend dort hin. Die Melange aus österreichischem Restaurant mit weißen Tischdecken und Berliner Kneipe zieht allabendlich bizarre Wesen an, die man am Tag nicht zu Gesicht bekommt. „Ich habe immer vorn am Tresen gestanden, weil ich kein Geld für eine Mahlzeit hatte. Habe nur etwas getrunken und mich ausgestellt. Mit High Heels, einem tollen Kleid und etwas Haut.“ Plötzlich erkennt sie, dass die aufgebrezelte junge Frau am Tresen ihr Alter Ego ist. Das ist die Frau, die sie malen möchte. „So ist meine Frauenfigur entstanden.“ Diesem Sujet wird sie ein ganzes Künstlerleben lang nachspüren, es immer wieder neu malen.

„Neue Wilde“ oder „Neoexpressionismus“
Türen gehen plötzlich auf, obwohl Elvira Bach nie daran geklopft hat. 1982 wird sie zur „documenta 7“ in Kassel eingeladen. Das ist ihr Durchbruch. Weil der Kunstmarkt nicht ohne Schubladisierungen funktioniert, wird die Bach als Vertreterin der „Neuen Wilden“ gehandelt, neben Rainer Fetting, Salomé und Helmut Middendorf. Ein Missverständnis, dem sie lakonisch entgegentritt. „Ich wollte mit denen nichts zu tun haben und die bestimmt auch nichts mit mir.“ Schließlich setzt sich die Kategorie „Neoexpressionismus“ durch, unter der das Werk der Malerin seitdem firmiert. Elvira Bach kümmern derlei Kategorien nicht. „Ich bin einfach meinen Weg gegangen und habe mich von niemandem davon abbringen lassen. Habe weitergearbeitet, ohne Pausen. Nur jetzt, im Alter, male ich nicht mehr jeden Tag.“

Die liegende Frau in einem Bett voller Radieschen, die rote Schöne mit der violetten Katze im Arm und immer wieder Frauen mit floralem Turban, Zigarette und Weinglas – mal weiß-, mal dunkelhäutig -, das alles sind Variationen über ein einziges Thema. Sie malt immer das Gleiche, wirft ihr die Kunstkritik vor. „Sie sagen immer das Gleiche“, hält Bach dagegen. Ihr Gesamtwerk ist von einer einzigen Sehnsucht getragen: „(…) einmal die Frau zu malen, die sie sein möchte“, sagt die heute 75-Jährige. „Es reicht doch, wenn man dreimal im Leben glücklich ist.“ Eine große, ungemein beeindruckende Malerin. 

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