„Krone“-Gespräch

John Jürgens: „Udo ließ immer das Herz sprechen“

Musik
15.05.2026 09:00

Sohn John Jürgens erinnert sich im ausführlichen „Krone“-Talk in Wien an seinen Vater Udo und dessen Triumph mit „Merci Chérie“ beim Song Contest 1966.

kmm

70 Jahre Eurovision Song Contest – 60 Jahre „Merci Chérie“ von Udo Jürgens. 2026 gibt es rund um den größten Musikwettbewerb der Welt in Wien so einiges zu feiern. Der Kultklassiker, der vor wenigen Tagen auf Picture Disk Vinyl neu aufgelegt wurde, hat den Song Contest 1967 nicht nur erstmals nach Wien geholt, sondern auch für immer verändert. Das weiß auch Sohn John Jürgens, der Erstgeborene des großen Udo, der im Zuge des Jubiläums derzeit in Wien weilt und unter seinem Pseudonym DJ John Munich auch an den Turntables steht. „Das Lied war ein Welthit“, erinnert sich John im Gespräch mit der „Krone“ an „Merci Chérie“ zurück, „Udo wollte damals, es war ja schon sein dritter Song-Contest-Antritt hintereinander, gar nicht mehr auf die Bühne gehen, weil er unbedingt gewinnen wollte und so unsicher war. Sein damaliger Manager Hans R. Beierlein musste ihn dazu überreden.“

Von der Angst zum Blitzlichtgewitter
Der Weg zum Erfolg in Luxemburg war für Udo äußerst steinig. „Er hat die Spannung bei der Punkteverrechnung nicht ausgehalten und ist aus dem Warteraum gestürmt. Der legendäre Fotograf Hansi Hoffmann hat ihn dauernd abgelichtet und Udo meinte irgendwann: ,Mach doch mal Bilder von anderen‘, aber Hoffmann konterte mit seinem typischen Humor: ,Ich fotografiere nur Sieger.‘“ Als es dann wirklich mit dem Sieg geklappt hatte, fühlte sich Udo Jürgens wie auf einem anderen Planeten. „Tommy Hörbiger, der mit ihm den Text zu ,Merci Chérie‘ schrieb, stand neben ihm. France Gall überreichte ihm den Preis. Alle stürmten auf ihn ein und es gab ein Blitzlichtgewitter. Mein Vater konnte es nicht fassen.“ Die Erinnerungen von John Jürgens ergeben sich freilich aus Erzählungen. Beim großen Triumph seines Vaters war er zarte zwei Jahre jung.

John Jürgens im Gespräch mit „Krone“-Redakteur Robert Fröwein.
John Jürgens im Gespräch mit „Krone“-Redakteur Robert Fröwein.(Bild: Eva Manhart)

In der Familie war der ESC aber immer ein wichtiges Thema. „Vor allem in den 80er- und 90er-Jahren, wo er seine Bücher schrieb, hat er dafür die Erinnerungen hervorgekramt und mit uns in der Familie viel darüber gesprochen.“ Besonders stark blieb John die Erinnerung an die erste Zeit nach Udos Triumph haften. „Manager Beierlein hat ihn damals in die kalte Luxemburger Nacht hinausgezogen und ging mit ihm eine halbe Stunde spazieren, bevor die Partys begonnen haben. Er hat meinem Vater unmissverständlich klargemacht, dass dieser ESC-Sieg nur die allererste Karrieresprosse war. Dass damit eigentlich noch gar nichts erreicht sei. Nur wenn man hart weiterarbeiten würde, hätte sich dieser Triumph wirklich ausgezahlt.“ Die Song-Contest-Historie ist voll mit erfolgreichen Eintagsfliegen, die sich im Glanze des Sieges sonnten und dann in der Öffentlichkeit verpufften. Bei Udo lief es bekanntlich diametral anders ab.

Keinen Unterschied gemacht
„Man darf nicht vergessen, er war damals schon über 30“, bekräftigt John, „ein absoluter Spätzünder. In dem Alter warst du kein Star mehr, das war unvorstellbar. Aber Udo hat sich von nichts abbringen lassen. Er war ein großer Musiker und Entertrainer und vor allem ein harter Arbeiter. Seine Leidenschaft und Liebe zur Musik waren beispiellos. Tugenden wie Disziplin, Höflichkeit, Pünktlichkeit und Toleranz waren ihm immens wichtig. Er hat mit hohen Politikern genau gleich gesprochen wie mit dem Taxifahrer, der ihn nach Hause gebracht hat. Er hat uns Kindern immer eingebläut, dass wir uns daran erinnern müssen, woher wir kommen und das jeder Mensch gleich ist. Das sind Botschaften, die uns in Fleisch und Blut übergegangen sind und die mein Vater bis zu seinem Tod gelebt hat.“

Der Flügel war die musikalische Heimat seines Vaters Udo – John steht als DJ John Munich lieber ...
Der Flügel war die musikalische Heimat seines Vaters Udo – John steht als DJ John Munich lieber an den Turntables.(Bild: Eva Manhart)

Dem Song Contest selbst blieb Udo in späteren Jahren eher kritisch verbunden. „Er fand nicht alles schlecht, aber die Veränderungen bei der Punktevergabe haben ihm nicht gefallen. Außerdem wurde der Bewerb immer politischer und deshalb gefällt mir auch der jetzt gefestigte Slogan ,United By Music‘ so gut. Wenn Länder aus politischen Gründen ihre Künstler nicht mehr zum Bewerb schicken, dann nehmen sie ihnen die Lebensgrundlage weg. Viele üben und arbeiten ihr Leben lang, um diesen Moment zu erleben und dann dürfen sie sich nicht beweisen, weil irgendwelche alten weißen Männer in ihren Hinterzimmern die Strippen ziehen.“ Udo Jürgens fulminante Karriere war natürlich immer mit dem Song-Contest-Erfolg 1966 in Luxemburg verbunden, aber die große Nähe zum Bewerb habe er selbst über die Jahre verloren.

Das Herz sprechen lassen
Begeistert war Udo wiederum von Conchita Wurst und dem fulminanten Sieg mit „Rise Like A Phoenix“ 2014 in Kopenhagen – nur ein halbes Jahr vor Udos tragischem Ableben. „Deshalb hatten wir zur glanzvollen Show ,Udo Jürgens Forever‘ in der Circus Krone in München auch Conchita eingeladen. Das hat nicht allen Fans gepasst, einige haben damals auch gemeckert – aber man kann es nicht allen recht machen und muss manchmal anecken. So hat es auch mein Vater gemacht. Sein Credo war immer, das Herz sprechen zu lassen. Klare Ansagen zu machen und damit vielleicht auch mal daneben zu liegen. Natürlich gibt es noch viele meinungsstarke Charaktere und Künstler da draußen, die zu ihren Ansichten stehen und sich nicht von Shitstorms im Internet unterkriegen lassen, aber einen Typ wie meinen Vater kann die Welt immer gebrauchen.“ Spannend ist aber auch, dass Udo nach wie vor von jüngeren Menschen entdeckt wird. „Das liegt an der krassen Qualität im Songwriting und in den Texten und an seiner Botschaft. All das wird auch in 20 Jahren noch Gültigkeit haben.“

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