25 Jahre Blue und noch immer voller Boyband-Magie: Die britische Kultband brachte den ausverkauften Wiener Gasometer am Mittwochabend zum Schmelzen. Noch vor dem Konzert sprachen zwei der Bandmitglieder, Simon und Anthony mit uns über Nostalgie, dunkle Zeiten und Social Media – danach folgte eine emotionale Zeitreise zurück in die 2000er ...
Ausverkauftes Haus im Wiener Gasometer. Schon bevor Blue überhaupt die Bühne betreten, liegt diese ganz bestimmte 2000er-Nostalgie in der Luft. Im Rahmen ihrer großen „25th Anniversary Tour“ feiern Duncan James, Lee Ryan, Simon Webbe und Antony Costa nämlich nicht nur ihr Bandjubiläum, sondern auch 25 Jahre voller Hits, Kreischalarm und Boyband-Hype. Den Anfang macht Singer-Songwriter Saintclair, der als One-Man-Show mit E-Gitarre für gute Stimmung sorgt.
Die Bühne selbst ist simpel aufgebaut: kleine Stufen wie eine Pyramide, darauf riesige Buchstaben – B, L, U, E. Davor wartet ein bunt gemischtes Publikum auf die vier Briten. Von ganz jung bis deutlich älter ist alles vertreten. Manche Fans wirken, als hätten sie ihre alten Bravo-Poster erst gestern von der Wand genommen. Schon beim Gedanken an die berühmte „All Rise“-Ära wird klar: Dieser Abend wird vor allem eines – nostalgisch. Oder wie Anthony später im Gespräch lachend meint: „,All Rise‘-Ära? Wow … das klingt verrückt.“
Doch dazu gleich mehr, denn wir hatten das Vergnügen vor dem Konzert noch Anthony und Simon zum kurzen, aber sehr unterhaltsamen Gespräch zu treffen. Während Simon ständig imaginäre Fliegen durch die Luft verscheuchte und Anthony teilweise grinsend auf die Fragen wartete, scherzten die beiden gleich zu Beginn: „Du musst dich leider mit uns beiden zufriedengeben.“ Nach einem kurzen Plausch darüber, wer wie lange im Tourbus unterwegs war und dass Anthony bereits früher angereist war, sich aber „leider“ nur mit einem türkischen Restaurant und nicht mit einer kleinen Wien-Erkundung zufriedengeben musste, ging es auch schon los.
„Krone“: 25 Jahre Blue – fühlt sich das eher nostalgisch oder surreal an?
Simon: Eigentlich beides. Vor allem, weil wir ein neues Album haben. Wir sind eine dieser Bands, die trotz ihrer alten Hits immer noch neue Musik machen. Wir wollen nicht nur von unserer Vergangenheit leben. Deshalb fühlt es sich schon surreal an, nach 25 Jahren noch ein Nummer-2-Album zu haben. Gleichzeitig ist es aber total nostalgisch, nach Wien zurückzukommen und hier eine ausverkaufte Show zu spielen. Das ist unglaublich.
Wenn ihr auf die Anfangszeit zurückblickt – was vermisst ihr und was definitiv nicht?
Anthony: Ich vermisse dieses Ungewisse. Damals wussten wir nie, ob wir Erfolg haben würden. Alles war neu und aufregend. Dieses Gefühl vermisse ich. Was ich definitiv nicht vermisse, ist der damalige Zeitplan. Es war nonstop. Immer weiter, immer weiter. Damals haben wir die Länder oft gar nicht richtig wahrgenommen.
Simon: Für mich sah damals sowieso alles gleich aus. Heute ist es schön, dass wir unsere Zeit besser einteilen können. Wir hängen nicht mehr rund um die Uhr aufeinander wie früher. Das ist definitiv ein Vorteil (lacht).
Viele Boybands aus den 2000ern feiern gerade ihr Comeback. Fühlt ihr euch wie Teil einer riesigen Nostalgiewelle?
Anthony: Absolut. Wir spielen seit Jahren viele 90er- und 2000er-Festivals. Das Schöne ist einfach, dass unsere Musik bis heute noch gehört wird. Sie läuft noch immer im Radio – in England und weltweit. Die Nostalgie ist etwas Schönes.
Simon: Spannend ist auch, dass wir inzwischen sogar auf 80er-Festivals auftreten. Die Leute, die mit 80er-Musik aufgewachsen sind, wurden später Blue-Fans. Das zeigt, dass unsere Musik Generationen überdauert. Darauf sind wir wirklich stolz.
Wenn ihr an die „All Rise“-Zeit denkt – was würdet ihr eurem jüngeren Ich heute sagen?
Anthony: Lustig, überhaupt von einer „Ära“ zu sprechen (lacht). Wow … das klingt verrückt. Ich würde meinem jüngeren Ich sagen: Glaub nicht jedem Hype und nicht jedem Menschen, der vorgibt, dein Freund zu sein.
Simon: Ich würde Anthony da zustimmen. Wir haben wirklich dunkle Zeiten durchgemacht und sind trotzdem gemeinsam wieder herausgekommen, weil wir uns selbst immer treu geblieben sind. Wir sind gute Menschen und haben immer zusammengehalten. Andere Bands sind in schwierigen Zeiten auseinandergebrochen, wir hingegen hatten immer gegenseitig unseren Rücken frei und waren füreinander da. Am Anfang dachten wir immer: Sowas passiert uns nie. Alles war wie Champagner und Süßigkeiten. Und plötzlich verändert sich alles von einem Tag auf den anderen. Aber weil wir als Band so eng verbunden waren, haben wir es geschafft, da gemeinsam durchzukommen – auch wenn wir uns zwischenzeitlich trennen mussten, um uns selbst wiederzufinden. Meinem jüngeren Ich würde ich deshalb sagen: Bleib dir selbst treu – und bleibt euch gegenseitig treu.
Was ist heute anders an Blue im Vergleich zu den Anfangsjahren? Seid ihr heute entspannter oder diskutiert ihr manchmal noch genauso viel wie früher?
Anthony: Wir streiten nicht wirklich, wir diskutieren eher. Früher waren wir jung, alles war aufregend, jede Party war wichtig. Heute sind wir Väter, haben Familien und Kinder. Die Band ist immer noch ein Traumjob, aber jetzt geht es auch darum, Verantwortung zu übernehmen und für die Familie da zu sein.
Wie geht ihr nun mit Druck um – im Vergleich zu früher?
Simon: Der Druck heute ist wegen Social Media komplett anders. Wir mussten erst lernen, da überhaupt mitzuhalten. Heute brauchst du Facebook, TikTok und all diese Dinge. Wir sind damit aber nicht aufgewachsen. Damals gab es das nicht - höchstens MySpace (lacht). Es gab auch Teenie-Magazine und TV-Shows, in die man unbedingt wollte. Das vermisse ich manchmal. Heute musst du ständig posten: backstage, unterwegs, dies, das – es ist einfach nicht mehr dasselbe. Früher wusste man nie, was der Tag bringen würde, heute haben alle jederzeit Zugriff auf dich. Und wenn du nicht genug von dir zeigst, enttäuscht das manche Leute sogar. Aber trotzdem haben wir wahrscheinlich den besten Job der Welt
Was verbindet ihr mit Wien oder österreichischen Fans?
Simon: Ich glaube, wir haben damals mal auf irgendeinem Festival gespielt. Was uns aber immer überrascht hat: Die Leute hier kannten unsere Musik – und das noch vor Social Media. Für uns als englische Band war das unglaublich. Manche sagen sogar, sie hätten durch unsere Songs Englisch gelernt. Das ist etwas sehr Besonderes.
Was sollen die Fans heute nach dem Konzert mitnehmen?
Anthony: Sie sollen glücklich rausgehen. Und mehr wollen.
Simon: Genau. Sie sollen ihre Jugendzeit noch einmal erleben und sagen: „Bitte kommt wieder.“
Und was hält Blue nach 25 Jahren eigentlich noch zusammen?
Anthony: Freundschaft. Brüderlichkeit. Respekt. Und die Musik zuletzt.
Pünktlich um 20:30 Uhr endet Saintclairs Auftritt. Blue sollen um 21 Uhr auf die Bühne kommen – also heißt es erstmal warten. Doch schon eine Viertelstunde vor Konzertbeginn werden die Fans unruhig, klatschen im Takt und pfeifen sich die Zeit vertreibend durch die Halle. Erste Sanitäter gehen bereits durch die Menge.
Kurz nach neun ist es dann endlich so weit: Simon, Duncan, Lee und Anthony betreten unter lautem Kreischen die Bühne und eröffnen den Abend mit „One Last Time“. Ab der ersten Sekunde flippt das Publikum aus. Die Stimmen harmonieren perfekt mit dem Sound, alles wirkt eingespielt und routiniert.
„I got a feeling that tonight is gonna be a good night“, singt Simon gemeinsam mit der Menge, ehe direkt „Fly By II“ folgt. Hier sind zwar ein paar leicht schiefe Töne von Lee zu hören – ungewohnt eigentlich – doch spätestens mit seinem hohen Schlusston macht er alles wieder weg. Genau dieser typische Lee-Sound sorgt noch immer dafür, dass die Fans dahinschmelzen. Die Stimmung? Ausgelassen. Überall werden die typischen Boyband-Handbewegungen ausgepackt.
Spätestens bei der nächsten Nummer „All Rise“ gibt es dann endgültig kein Halten mehr. Und ja: Es wird tatsächlich nostalgisch. 2001 wurden Blue nämlich genau mit diesem Song weltberühmt.
Hach, wer hatte damals bitte keinen Crush auf die vier Briten? „Hello Wien, ... Wow“, ruft Simon begeistert ins Publikum. „Ihr seid der Wahnsinn. 25 Jahre später und ihr rockt noch immer mit Blue.“ Gleich im Anschluss geht es weiter mit der Zeitreise: Mit Songs wie „Haven’t Found You Yet“ aus dem Album „Heart & Soul“ geht die Zeitreise durch die Blue-Diskografie weiter. Auch die kleinen Tanzbewegungen sitzen nach all den Jahren noch erstaunlich gut. Duncan grinst ins Publikum, ruft laut „Vienna!“ und bedankt sich anschließend bei den Fans: „25 Jahre sind eine lange Zeit – für eine Ehe und für eine Freundschaft. Vielen Dank, dass ihr Tickets gekauft habt und euer Geld für uns ausgebt.“
ESC-Wetten und kleine Spielchen
Plötzlich wird es ESC-lastig. Duncan fragt ins Publikum, wer heuer Eurovision schaut, und erinnert daran, dass Blue selbst einmal beim Song Contest vor 15 Jahren auftraten. Sofort wird diskutiert, wer gewinnen könnte. „Finnland!“, ruft jemand, „Deutschland!“, ein anderer. Lee kontert trocken: „Ich will ja nichts sagen … aber Großbritannien ist dieses Jahr wirklich nicht gut.“ – Gelächter im ganzen Saal. Danach wird es spielerisch: Mit kleinen „Name the Song“- und „Name the Boyband“-Spielchen sorgen Acapella-Einlagen von „U Make Me Wanna“, den Backstreet Boys, *NSYNC und Take That für lustige Abwechslung zwischendurch. Spätestens bei „Sorry Seems To Be The Hardest Word“, während die Bühne in einen Sternenhimmel getaucht wird, gibt es dann endgültig Gänsehaut.
Der gute Mix macht's – Gefühle am Limit
Besonders persönlich wird es bei „Beautiful Spirit“. Lee erzählt, dass er nie gedacht hätte, dass der Song einmal auf einem Blue-Album landen würde – immerhin schrieb er ihn bereits vor 23 Jahren. Hier merkt man allerdings deutlich, dass das Publikum die neuen Songs weniger kennt. Bei den alten Hits wird lauter mitgesungen, mehr getanzt, mehr gefühlt. Die Nostalgie lebt eben doch vor allem durch die Klassiker. Mit dem Remix von „Too Close“ von 112 kommt wieder Bewegung in die Halle. Die vier viben über die Bühne, die kleinen Choreografien sitzen noch immer erstaunlich gut. Vor allem Lee glänzt stimmlich in den Höhen, aber auch Duncan bekommt seine starken Momente. Das klassische Boyband-Feeling ist zu hundert Prozent zurück. Auch „All About Us“ vom neuen Album „Reflections“ funktioniert live überraschend gut, bevor mit „Bubblin’“ wieder pure 2000er-Energie durch den Gasometer schießt. „Das ist wunderbar, danke - und ich spreche Deutsch“, scherzt Anthony zwischendurch immer wieder. Emotional wird es erneut bei „Breathe Easy“. Simon kündigt den Song mit den Worten an: „Dieses Lied benötigt keine Beschreibung.“ Und recht hat er. Das Publikum ist textsicher, einige Fans kämpfen sichtbar mit den Tränen. Lee testet zwischendurch sogar kurz Acapella die Halle – und bekommt lautstarke Reaktionen zurück.
Mit „If You Come Back“ verabschieden sich Blue zunächst von der Bühne. „Good night!“, rufen alle vier und verschwinden. Doch natürlich bleibt es nicht dabei. Die Zugabe folgt prompt: „The Day The Earth Stood Still“, „One Love“ und schließlich „Curtain Falls“ bilden das große Finale. Noch einmal tanzen alle vier gemeinsam über die Bühne, lachen miteinander und wirken dabei tatsächlich wie beste Freunde, die einfach Spaß daran haben, gemeinsam Musik zu machen.
Fazit: Was für ein Abend. Blue lieferten im Wiener Gasometer eine nostalgische Zeitreise voller starker Stimmen, guter Stimmung und purem 2000er-Feeling. Nach 25 Jahren beweisen Duncan, Simon, Lee und Anthony, dass sie noch immer eine Halle mitreißen können – ganz ohne große Effekte oder riesiges Bühnen-Tamtam. Vier Mikrofone, ihre Songs und eine Freundschaft, die man bis in die hintersten Reihen spüren konnte. Zwischen alten Hits, neuen Songs und jeder Menge Nostalgie wurde schnell klar: Manche Boyband-Gefühle verschwinden eben nie ganz.
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