Do, 19. Juli 2018

Ankunft der Leichen

23.07.2014 19:02

Königspaar erweist MH17-Opfern die letzte Ehre

Die ersten Särge mit Opfern des Flugzeugabsturzes in der Ostukraine sind am Mittwoch in den Niederlanden angekommen. Im Beisein des niederländischen Königspaares, von Premier Mark Rutte und zahlreicher Angehöriger landete ein niederländisches Hercules-Transportflugzeug am Mittwoch um 15.46 Uhr auf dem Flughafen von Eindhoven. Kurz danach folgte eine australische Maschine. Ein Trompeter bläst einen letzten Gruß, dann herrscht Stille. Ein ganzes Land schweigt - eine lange Minute.

Auf dem Rollfeld ist nur das Schlagen der Taue an die Fahnenmaste zu hören. Gleich neben den schweren Militärmaschinen erheben sich die Gäste: Das niederländische Königspaar, Ministerpräsident Mark Rutte, Minister, Abgeordnete und auch Vertreter aus den übrigen Herkunftsländern der 298 Opfer der Katastrophe. König Willem-Alexander und Königin Maxima ringen sichtlich mit der Fassung, als die ersten Leichen aus dem Flugzeug gebracht werden. Maxima kämpft mit den Tränen, während Soldaten die Särge mit den Todesopfern zu den wartenden Leichenwagen tragen.

Schlichte und eindrucksvolle Zeremonie
Abgeschirmt von Dutzenden TV-Kameras aus aller Welt sehen auch die Hunderten Angehörigen der 193 niederländischen Opfer, wie die 40 Särge aus den Flugzeugen herausgetragen werden. Für sie muss es ein extrem schwerer Moment sein. Sie wissen noch nicht, ob in den einfachen Holzsärgen die sterblichen Überreste ihrer Männer, Frauen oder Kinder liegen. Für die Angehörigen ist nun ein Ende gekommen nach langen quälenden Tagen des politischen Geschachers um ihre Liebsten. Die schlichte aber eindrucksvolle Zeremonie am Flughafen gilt vor allem den Familien.

Das ganze Land will ihnen zeigen, dass sie nicht alleine stehen - nicht nur aus Mitgefühl. Der internationale Streit nach dem Absturz zwischen dem Westen, Russland, der Ukraine und den prorussischen Rebellen hat den Niederländern deutlich gemacht: Wir sind Opfer eines Krieges geworden. Der Tag der traurigen Heimkehr der Opfer wird zum Tag der nationalen Trauer.

Ganzes Land schweigt
Als die Flugzeuge landen, läuten die Kirchenglocken. Dann steht von Groningen bis Maastricht das Leben still. Züge und Busse stoppen, Radio und Fernsehen verstummen, in den Supermärkten wird nicht kassiert. Die Bürger bleiben auf den Straßen und an den Grachten stehen. Und über den Niederlanden fliegen in dieser Zeit keine Flugzeuge.

Am vergangenen Donnerstag war Flug MH17 der Malaysia Airlines aus Amsterdam mit dem Ziel Kuala Lumpur abgeflogen. 15 Besatzungsmitglieder und 283 Passagiere an Bord - die meisten wollten in den Urlaub fahren. Wenige Stunden später stürzte die Maschine - von einer Rakete getroffen - über der Ostukraine ab.

Auf den Schock folgte das Entsetzen
Auf den Schock folgte das Entsetzen. Tagelang verweigerten die prorussischen Rebellen in der Ostukraine den internationalen Helfern und Experten den Zugang zur Absturzstelle. Leichen lagen in der sengenden Sonne. Die ohnmächtige Verzweiflung vieler Angehöriger kam in einem Appell einer Mutter aus Rotterdam zum Ausdruck: "Mr. Putin", flehte sie den russischen Präsidenten aus der Ferne an, "bringen Sie meine Kinder nach Hause." Daheim mussten Familien und Freunde im Fernsehen mitansehen, wie schwer bewaffnete Rebellen in den Koffern ihrer Liebsten wühlten.

Der niederländische Außenminister Frans Timmermans sprach dann aus, was viele fühlten: In den gegenseitigen Schuldzuweisungen waren die Opfer zum Spielball geworden, das Leiden der Angehörigen zur Nebensache.

"Stellen Sie sich vor, Sie erfahren, dass Ihr Mann getötet wurde, und dann, zwei oder drei Tage später, sehen sie Bilder, wie irgendein Verbrecher den Ehering von seiner Hand stiehlt", sagte Timmermans am Montag den Mitgliedern des Weltsicherheitsrates in New York. "Bis an mein Lebensende werde ich nicht verstehen, warum es so lange gedauert hat, bis den Rettern erlaubt wurde, ihre schwierige Arbeit zu machen, und dass die Leichen von Menschen für ein politisches Spiel missbraucht wurden."

Die Ankunft der Opfer in den Niederlanden ist die erste Etappe auf einem langen Weg. Die Suche nach den Ursachen geht weiter, und dann wollen die Niederlande auch die Schuldigen vor Gericht bringen.

Mühevolle Identifizierung der Toten beginnt
Zunächst müssen aber die Opfer identifiziert werden. In einer Kaserne in Hilversum bei Amsterdam beginnt die mühevolle Identifizierung der Toten, an der täglich 75 Gerichtsmediziner arbeiten werden. "Das kann manchmal schnell gehen, aber es kann auch Wochen, vielleicht Monate dauern", hatte Premier Rutte gesagt. Erst dann können die Familien ihre Toten begraben. Und erst dann ganz privat, fern von den Kameras und der Weltpolitik trauern.

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