Vor lauter Hingabe für andere vergaß Burgenlands Caritas-Chefin Melanie Balaskovics (49) auf sich selbst – bis es sie hart erwischte. Mit der „Krone“ sprach sie über Schüsse vor den Bug, ihre energiezehrende Arbeit, neue Herausfordungen, Präsidentin Nora Tödtling-Musenbichler und Erkenntnisse vor ihrem bevorstehenden 50. Geburtstag.
„Krone“: Es ist genau fünf Jahre her, dass Sie Ihren Moderatorenjob im ORF kündigten, um Caritas-Direktorin im Burgenland zu werden und die Hilfsorganisation der Katholischen Kirche von innen heraus zu modernisieren. Ist Ihnen das gelungen?
Melanie Balaskovics: Ja. Vor meiner Zeit hatte die Caritas keine gute Außenwirkung. Viele Menschen dachten, dass wir unser Geld im Ausland verschleudern. Unter meiner Führung hat sich das geändert. Es war wichtig, unsere NGO jünger und offener zu machen, auch wenn es deshalb einige freiwillige Abgänge gab, weil manche ältere Mitarbeiter diesen Weg nicht mitgehen wollten. Ich sage den 630 verbliebenen immer wieder: Wir können nicht im Elfenbeinturm sitzen und uns ein schönes Projekt nach dem anderen überlegen. Unsere Arbeit funktioniert nur, wenn wir hinausgehen und in Kontakt mit den Leuten treten.
Die Caritas ist in vielen Bereichen aktiv: Pflege, Behindertenbetreuung, Sozialberatung, Obdach und Wohnen etc. Sie haben mit Ihrem Team aber auch neue Spendenprojekte auf Schiene gebracht. Welche kommen bei Jung und Alt besonders gut an?
Ein Projekt, das voll eingeschlagen hat, ist der Carla-Shop in Oberwart. Die Entscheidung, einen solchen Secondhand-Laden nicht in einer schmuddeligen, versteckten Hinterhof-Immobilie zu eröffnen, sondern mitten im Zentrum, war goldrichtig. Denn jetzt werden wir gesehen! Der Zulauf ist enorm. Hier treffen einander nicht nur Bedürftige oder Vintage-Liebhaber, die preiswert einkaufen wollen, sondern auch viele Junge, die ihr soziales Jahr absolvieren. Die Ehrenamtlichen-Riege erweitert sich laufend. Die Spenden gehen massiv in die Höhe. Schulen machen Workshops zum Thema Fast Fashion, Nachhaltigkeit und Wiederverwertung. So kommen unterschiedlichste soziale Gruppen zusammen.
Und wie läuft der Bereich „Bildung und Engagement“, den Sie eingeführt haben?
Auch er läuft sehr gut. Ich denke da etwa an Projekte wie das „Laufwunder“, die „Lerncafés“, das „Lernen auf Rädern“, unsere „Pfundraising“-Aktionen bei Festivals oder die Fülle an Workshops, die wir anbieten, damit die Jugend soziale Verantwortung lernt. Es ist schön zu sehen, wenn ein Samen aufspringt und Früchte trägt. Die Polytechnische Schule in Eisenstadt etwa ist so begeistert von unseren Workshops, dass sie laufend Projekte für uns entwickelt. Die Schüler organisieren Sammelaktionen und Kleidertauschbörsen und arbeiten ehrenamtlich in unseren Einrichtungen mit. Die Caritas freut sich über jeden, der mitanpackt.
49 Prozent der Bevölkerung in Österreich engagieren sich freiwillig. Doch das formelle Ehrenamt in Vereine und Organisationen geht seit Jahren zurück.
Das merken auch wir. Viele Menschen wollen keine Bindung mehr und engagieren sich lieber flexibel, projektbezogen und weniger langfristig. Auch da schaffen wir Möglichkeiten und Angebote. So etwa bieten wir Firmen „Social Team Days“ an, wo die Belegschaft ein, zwei Tage in bestimmten Einrichtungen mithelfen kann. Manchmal ergibt sich daraus auch mehr.
Wie sieht es mit dem Spendenverhalten aus? Österreichweit ist es allgemein rückläufig.
Die Caritas Burgenland hat zum Glück keine nennenswerten Verluste zu verzeichnen. Ich kann mich aber nicht darauf verlassen, dass das so bleibt. Deshalb müssen wir uns laufend neue innovative Projekte und Kampagnen überlegen, um Spenden zu lukrieren. Das Schlagwort „Caritas“ allein ist zu wenig. Viele Leute unterstützen nur noch Projekte, die ihnen wichtig sind. Sie wollen ihr Geld gezielt investiert wissen. Was ich gerne etablieren würde, ist eine Spendenkultur in burgenländischen Unternehmen. Die ist faktisch nicht vorhanden. In anderen Bundesländern ist es völlig normal, das Firmen sich sozial engagieren.
Die Caritas finanziert sich zum Großteil aus Dienstleistungsentgelten aus der öffentlichen Hand. Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Land, das sparen muss? Stehen Förderkürzungen im Raum?
Keine gravierenden. Dennoch wäre es wünschenswert, wenn Finanzierungen nach zehn Jahren mit steigendem Bedarf angepasst werden.
Welche Herausforderungen haben Sie in den nächsten fünf Jahren zu bewerkstelligen?
Wir müssen uns neue Finanzierungswege überlegen und komplexe Lösungen anbieten. Die Armut wächst und das Thema wird vielschichtiger. Aufgrund der Überbelastung entwickeln immer mehr Menschen psychische Erkrankungen. Noch gibt es aber keine adäquaten Angebote, wie wir gut damit umgehen. Daher versuche ich sehr viel Lobbying-Arbeit bei Behörden und in der Politik zu machen, um diese Versorgungslücke schließen zu können.
Haben Sie schon eine konkrete Idee?
Um der Einsamkeit entgegenzuwirken – sie betrifft Junge wie Alte – wollen wir in all jenen Pflegestützpunkten, die der Caritas zugesprochen wurden, soziale Seelsorge-Räume schaffen, wo Menschen sich austauschen können. Der erste wurde am Freitag in Grafenschachen eröffnet. Weitere werden folgen. Daher fragen wir jetzt schon Bürgermeister, Priester und Vereinsvertreter, welcher Bedarf in welchen Gemeinden und Pfarren genau herrscht. Auf dieser Basis werden wir maßgeschneiderte Involvierungskonzepte entwickeln und Gesellschaft und Betreuung zum Unkostenbeitrag möglich machen. Wir sind ja eine Art Problemlösungsfabrik.
Klingt nach viel Arbeit! Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zum Bischof?
Zu Beginn waren unsere Begegnungen intensiver, weil wir gemeinsam an der Weiterentwicklung der Caritas gearbeitet haben. Seit das Werkl rennt, treffen wir uns vielleicht einmal im Monat. Er ist ein guter Zuhörer. Ich erlebe ihn aber auch als einen Menschen, der mir vertraut, weil er mir mit jedem Auftrag signalisiert: „Du wirst das Kind schon schaukeln!“ Wenn ihm etwas nicht passt, ändere ich das. Er hat das letzte Wort. Wenn wir in den Pfarren gutes Feedback bekommen, ist er glücklich.
Auf Bundesebene folgte vor drei Jahren Nora Tödtling-Musenbichler (43) auf Michael Landau. Seither ist sie erste Caritas-Präsidentin in Österreich. Hat sich seit diesem Chefwechsel etwas für Sie geändert?
Natürlich merkt man einen Unterschied, Gott sei Dank. Sie ist es eine junge Frau. Sie geht anders auf Themen zu, hat eine ganz andere Sprache, ein ganz anderes Auftreten. Es ist jünger, lockerer, offener und weicher geworden.
Könnten Sie sich vorstellen, eines Tages selbst Caritas-Präsidentin zu werden?
Nein! Ich sitze bereits seit drei Jahren im Präsidium – zusätzlich zu meiner Arbeit als Caritas-Direktorin. Das reicht. Diese ehrenamtliche Zusatzaufgabe vereinnahmt mich jetzt schon sehr. Ich bin ein Mensch und habe nur dieses Leben. Man kann nicht alles hineinpacken.
Eine weise Erkenntnis für jemanden, der als Workaholic gilt wie Sie…
Es gab in den letzten Jahren immer wieder Phasen, in denen ich am Anschlag war. Ich merkte, dass ich weniger aufnahmefähig bin und schlechter reagiere. Statt mit meinen Kräften zu haushalten, ging ich lange Zeit vor lauter Tun über meine Grenzen, die ich schlichtweg nicht mehr spürte. Echt bewusst lebt man erst, wenn’s einen – aus dem Nichts – umhaut. Das sind die berühmten Schüsse vor den Bug. Seit ich so eine Erfahrung gemacht habe, höre ich ganz bewusst auf meinen Körper.
Inwiefern?
Bin ich müde, gestehe ich mir das ein und gönne mir eine Pause. Seit mein Pudel Emil bei mir ist, gibt es da keine Ausreden mehr, denn er muss dreimal am Tag vor die Tür. Er ist wie ein Therapiehund und Regulativ für mich. Wenn er merkt, dass ich Stress habe und mein Puls und Blutdruck in die Höhe schnellen, besteht er darauf, dass ich ihn hochhebe. Dann schmiegt er sich an meine Brust. Das beruhigt mich automatisch. Er ist der einzige Mann, der in mein Leben darf. Und egal, wohin ich ihn mitnehme: er öffnet die Herzen der Menschen.
Auch hier im Büro ist er stets mit. Wollen Sie bei der Caritas in Pension gehen?
Das weiß ich nicht. Ich bin neugierig, wie lange ich diese wertvolle, aber auch sehr energiezehrende Arbeit schaffen kann, ohne auszubrennen – oder das Feuer zu verlieren.
Am 22. April feiern Sie Ihren 50. Geburtstag, der für viele eine wichtige Zäsur ist. Was schenken Sie sich selbst?
(bekommt feuchte Augen) Ich habe mir sieben Tage Urlaub genommen und schenke mir Ruhe und Alleinsein. Ich will niemanden sehen – außer Emil. Und vor allem, will ich mit niemandem reden. Nur so kann ich bei mir selbst andocken.
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