Drei schwer bewaffnete WEGA-Beamte gegen einen 29-Jährigen mit einem Gemüsemesser – das ereignete sich im vergangenen Juni in einer Wiener Wohnung. Ein blitzschneller Einsatz, der für den jungen Wiener fast tödlich endete und mit einem Prozess wegen dreifachen Mordversuchs an den Elitepolizisten.
Mit Bauchgurt und Fußfesseln wird der 29-Jährige in den Verhandlungssaal im Wiener Landl gebracht. Denn der Vorwurf, den die Staatsanwaltschaft gegen den jungen Mann erhebt, ist nicht ohne: Er soll am 15. Juni letzten Jahres versucht haben, drei WEGA-Beamte in seiner Wohnung im 20. Bezirk zu töten. Geschworene sollen jetzt über eine Unterbringung in einem forensisch-therapeutischen Zentrum entscheiden – der Wiener leidet an paranoider Schizophrenie.
„Seit Geburt ein Handicap“
Verteidiger Alexander Prenner, der zusammen mit seinem Kanzleipartner Noah McElheney vertritt, zeichnet ein Bild von dem Betroffenen, der in der Mitte des Saales sitzt: Er absolvierte Volksschule und Hauptschule, danach eine Lehre bei einem großen Elektronik-Konzern. Obwohl: „Mein Mandant hat ein großes Handicap seit seiner Geburt. Er ist gehörlos“, klärt Prenner die Laienrichter auf. Für den 29-Jährigen übersetzten zwei Dolmetscherinnen für Gebärdensprache. Ende 2024 erschütterte ein traumatisches Ereignis sein sonst so geregeltes Leben – der Wiener wendete sich dem Cannabis zu. Ein Suchtgift, das psychische Erkrankungen verstärkt.
Die Eltern rufen die Rettung und diese Entscheidung wird sie für den Rest ihres Lebens verfolgen.
Verteidiger Alexander Prenner
„Die Eltern machten sich große Sorgen“, sagt der Verteidiger. Besonders am 15. Juni, als sich ihr Sohn in der Wohnung einsperrte. Und drohte, sich selbst zu verletzen. „Sie rufen die Rettung und diese Entscheidung wird sie für den Rest ihres Lebens verfolgen. Weil dann wäre nichts davon passiert. Die Eltern wollten helfen.“
Folgenschwerer Einsatz dauerte eine Minute
Was war in den wenigen Minuten in der kleinen Wohnung in Wien-Brigittenau passiert? Die Rettung alarmierte die Polizei dazu, ein normales Prozedere in solchen Fällen. Die brauchten die Feuerwehr zur Türöffnung, fanden dann den 29-Jährigen mit dem Messer vor. Also kam die WEGA dazu. „Sie rüsten sich aus mit der schweren Schutzrüstung“, so Prenner. Einer mit Schild und Waffe, der zweite mit der Glock in beiden Händen und der dritte mit einem Taser.
So stürmten sie – nach dem Wurf einer Blendgranate – die Küche, in der der junge Mann in der Ecke stand. Eine Minute dauert der Einsatz. „Sie haben ihn mehrmals aufgefordert: Leg das Messer weg“, führt der Staatsanwalt aus. Keine Reaktion. Die Verteidigung kontert: „Wie soll das bei einem Gehörlosen funktionieren?“ Also tasert ihn der eine Elitepolizist viermal. „Das hat keine Reaktion gezeigt“, sagen die Beamten vor Gericht.
Mit einem Gemüsemesser in der Hand, in welcher und wie genau sind sich die WEGA-Beamten uneinig, ging er einen Schritt auf die Spezialeinheit zu. Dann fielen zwei Schüsse und der 29-Jährige ging schließlich zu Boden. „Die Situation war so dramatisch, dass ihm noch im Innenhof der Brustkorb geöffnet werden musste“, so Anwalt Alexander Prenner.
Ist einzelner Schritt ein dreifacher Mordversuch?
Sein Mandant überlebte knapp, an den Vorfall kann er sich nicht mehr erinnern. Ob das am psychotischen Schub oder dem tagelangen Koma liegt, kann man nicht mehr sagen. Seit Monaten befindet er sich nun in der vorläufigen Unterbringung und bekommt die psychiatrische Hilfe, die er so dringend braucht. Das sehen auch die Verteidiger Alexander Prenner und Noah McEhleney so.
Woran sie sich stoßen: „Dieser eine Schritt ist kein dreifacher Mordversuch.“ Ob das die Geschworenen auch so sehen, wird sich am zweiten Prozesstag am 27. April entscheiden. Was den Anwälten wichtig war zu betonen: „Wir maßen uns nicht an, zu sagen, dass die Polizisten sich falsch verhalten haben.“ Das Verfahren gegen die WEGA-Beamten wurde eingestellt.
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