Live im Gasometer

Capo: Zwischen Buhrufen und fehlendem Höhepunkt

Musik
07.04.2026 10:00

Der Ostermontag ist zum Ruhen … ähm, feiern da: Rund 1800 Fans strömten gestern in den Wiener Gasometer, um Rapper Capo – den jüngeren Bruder von Haftbefehl – live bei seiner „Matrix“-Tour zu erleben. Zwischen Kreischalarm, Ohnmachtsanfällen und starken Fanmomenten lieferte er eine solide Feiertagsshow – doch nicht alles blieb hängen. Die „Krone“ war live vor Ort.

kmm

Was macht man an einem frühlingshaften Ostermontag nach Osterschinken und einigen Schokohasen? Richtig: Kalorien verbrennen. Aber bitte nicht im Fitnessstudio – das wäre dann doch zu vorhersehbar. Warum also nicht dorthin gehen, wo der Puls ganz von selbst hochgeht? Ein Rap-Konzert zum Beispiel. Praktisch, dass ausgerechnet Capo, der Bruder von Rapper Haftbefehl, im Wiener Gasometer auf der Bühne steht. Mitrappen, Energie rauslassen und für einen Moment vergessen, dass eigentlich gerade eine neue Arbeitswoche beginnt – Genau darauf hatten rund 1800 Fans Lust, die sich an diesem Abend dort versammelt haben.

Der große Durchbruch des 34-jährigen Cem Anhan, besser bekannt als Capo, kam 2014 mit seiner Single „Hallo Monaco“. Der Song ging viral und machte ihn schlagartig einem breiten Publikum bekannt. Einige Jahre später folgte der nächste Peak: Mit „Lambo Diablo GT“, gemeinsam mit Nimo, pushte er seine Karriere erneut und erreichte vor allem eine deutlich jüngere Generation. 
Und damit rückt die Altersgruppe von 16 bis 25 in den Fokus. Schon beim Betreten der Halle des Wiener Gasometers zeichnet sich ab, wer diesen Abend prägt: eine junge, aufgekratzte Menge, vibrierend vor Energie – Kreischalarm inklusive. Noch bevor überhaupt ein Ton gespielt wird, kommt es zu ersten Ohnmachtsanfällen.

Düster, stilisiert, fast wie aus einem Film: Capo beim Auftritt in Wien.
Düster, stilisiert, fast wie aus einem Film: Capo beim Auftritt in Wien.(Bild: Lukas Charwat/Chaluk)

Die Reise zur Matrix
Pünklich um 20 Uhr geht es los. Das Licht dimmt sich, ein Intro-Film setzt ein, während zwei Backgroundsängerinnen langsam die Bühne betreten. Dann fällt der erste Beat von „Alles auf Rot“. Capo tritt ins Licht – schwarzer Mantel, Hut, Brille. Eine Erscheinung irgendwo zwischen Neo aus „Matrix“ und der kühlen Eleganz von „Der Pate“. Es ist ein Auftakt, der weniger wie ein Konzertbeginn wirkt, sondern wie der erste Moment eines Films. Ein starker, Auftritt, bei dem man vorerst das Gefühl hat, dass das ein richtig guter Abend werden kann. Die Fans, textsicher ab der ersten Strophe. „Schönen guten Abend Wien, wie geht’s euch allen – freut mich, euch alle zu sehen“, begrüßt er die Fans. Und schiebt direkt nach: „Ich hab eine Menge Hits auf Lager“.

Mit „Run Run Run“ legt er direkt nach und es dauert keine paar Sekunden, bis klar ist, dass die Leute ihm aus der Hand fressen. Spätestens bei „Puls steigt“ wird der Songtitel zur Realität – die Energie in der Halle ist spürbar, die Stimmung kippt endgültig nach oben. Dass ihm das Publikum so bedingungslos folgt, hat aber wahrscheinlich nicht nur mit seiner Performance zu tun. Natürlich spielt auch seine Verbindung zu Bruder Haftbefehl eine Rolle. Erst letztes Jahr sorgte Aykut (Haftbefehl) mit seiner viel diskutierten Doku („Babo“) für Aufmerksamkeit. Bald steht dieser selbst wieder in Wien auf der Bühne (am 1. August in der Metastadt, Tickets: www.oeticket.com). Die Erwartungen sind also gesetzt. 

„Matrix“-Vibes im Gasometer: Rapper performt vor futuristischer Großstadt-Kulisse und 1800 Fans.
„Matrix“-Vibes im Gasometer: Rapper performt vor futuristischer Großstadt-Kulisse und 1800 Fans.(Bild: Lukas Charwat/Chaluk)

Nimo oder Capo?
Als „Taschen voller Dope“ läuft, wird allerdings schon klar, dass es soundtechnisch nicht ganz rund ist. Die Beats sind stellenweise zu laut, und dadurch geht die Stimme des Musikers – vor allem bei den Ansagen – etwas unter. Gerade in den Momenten, in denen es inhaltlich spannend wird, ist das schade, weil man ihn teilweise nur schwer versteht. Dabei wird es genau hier besonders ehrlich. Er spricht offen darüber, wie es ihm früher ging – vermutlich in einer Zeit, in der es auch seinem Bruder selbst nicht gut ging: „Ich hatte keinen Bock auf Menschen, auf gar nichts, hab viel Alkohol getrunken. Aber Alkohol ist keine Lösung – der Einzige, der dich da rausholt, das wissen wir alle, ist der liebe Gott“, erzählt er. Ein Moment, der hängen bleibt.

Nach den Songs „Himalaya“ und „Mahalle“ wird plötzlich ein anderer Name durch die Halle gerufen: „Nimo! Nimo! Nimo!“. Warum genau, bleibt unklar. Vielleicht in der Hoffnung auf den Erfolgshit „Lambo Diablo GT“, den er zusammen mit Nimo aufnahm. Oder vielleicht doch einfach ein kurzer Verwechslungsmoment? Wäre in dem Fall hilfreich gewesen, vorher nochmal aufs Ticket zu schauen. Der Rapper selbst bleibt jedenfalls gelassen, lässt sich davon nicht irritieren und zieht sein Set souverän weiter durch.

„Respekt ist das Fundament der Gesellschaft“, mahnt er seine Fans.
„Respekt ist das Fundament der Gesellschaft“, mahnt er seine Fans.(Bild: Lukas Charwat/Chaluk)

Respekt und eingefleischte „Wiener“-Fans
Bei „Totentanz“ übernimmt die Crowd eine komplette Strophe a cappella. „Mama, es tut mir leid, Mama, es tut mir leid“ – ein weiterer Moment, der zeigt, wie textsicher und involviert das Publikum ist.
Nach „Pechschwarz“ wird es dann erneut persönlicher. Capo sucht das Gespräch und fragt, woher die Leute kommen. Auf „Eisenstadt“, „Tirol“ oder „Mistelbach“ folgen prompt Buhrufe – erst bei „Wien“ gibt es lauten Jubel. Capo reagiert sofort und bremst die Stimmung: „Warum, Buh? Habt doch Respekt voreinander.“ Dabei bleibt es nicht. Er setzt noch nach: „Egal wo ihr alle herkommt, wir sind alle eins, merkt euch das – Respekt ist das Fundament der Gesellschaft“. Eine klare Ansage mit Wirkung, gerade bei diesem jungen Publikum.

Beim nächsten Song „Zeit und Geld“ fällt besonders auf, wie sehr Autotune inzwischen zum Stilmittel geworden ist. Gerade bei Capo funktioniert dieser Effekt überraschend gut – er setzt ihn gezielt ein und weiß genau, wann er passt.
Doch genau nach diesen eher soundgetriebenen Augenblicken schlägt das Konzert plötzlich eine ganz andere Richtung ein. Emotional wird es mit „Mutter“. Ein Song, den er normalerweise gemeinsam mit Haftbefehl rappt – an diesem Abend steht Capo damit jedoch alleine auf der Bühne. Und genau das macht es noch intensiver. Ohne Feature, ohne Ablenkung, liegt der Fokus komplett auf ihm und den Zeilen. Man merkt, wie viel Persönlichkeit in diesem Track steckt. Es wird ruhiger in der Halle, viele singen mit, einige halten kurz inne. Ein Song, der nicht nur gehört, sondern gespürt wird und der zeigt, dass hinter all den Hits eine sehr tiefe und authentische Seite steckt.

Minimalistisch: Nur zwei Backgroundsängerinnen standen mit ihm auf der Bühne.
Minimalistisch: Nur zwei Backgroundsängerinnen standen mit ihm auf der Bühne.(Bild: Lukas Charwat/Chaluk)

Der Typ aus dem Hip-Hop-Video und „Vatertag“
Nach dem Track gibt’s dann eine kurze Pause, die allerdings nicht lange still bleibt. Rund 15 Minuten nutzt ein Rapper, den er mitgebracht hat: DeLil. Im Trainingsanzug, mit Umhängetasche und Sonnenbrille betritt er die Bühne –  als käme er direkt aus einem 90er-Jahre-Hip-Hop-Video. Interessant: Selbst während seines Auftritts kommt es zu ein, zwei Ohnmachtsanfällen, obwohl Capo gar nicht auf der Bühne steht. Nachdem DeLil ein paar Lieder performt, tobt es in der Halle. „Capo, Capo, Capo“ – dieses Mal ohne Verwechslung. Kurz darauf kehrt er neu gestylt zurück. Er setzt sich auf eine Box und steigt mit „Mainhatten City Gang“ wieder ein, gefolgt von „Tief in die Nacht“. Die Energie zieht sofort noch einmal an – mehr Bewegung, mehr Interaktion und die Fans sind erneut in Ekstase.

„Dunkel“ und „Mon Chérie“ zeigen aufs Neue Textsicherheit und Kreischalarm. Es gibt sie also doch – die echten Capo-Fans, die ihn nicht nur aufgrund seines Bruders so mögen. „Ich will alle Handys sehen“, sagt er. Es folgt „Vatertag“, ein Track, der sehr unter die Haut geht, vor allem für alle, die seine Geschichte kennen. „Um zu verstehen, ist es zu spät. Viel zu spät, denn alles wurde schon gesagt. Erzähl dir die Geschichte, die Geschichte von dem Mann. Heute ist der Tag, an dem mein Vater von uns ging.“
Besonders bei denjenigen, die die Story der Familie Anhan kennen, bekommt der Track noch einmal mehr Gewicht. Auch Haftbefehl hat in seiner Doku darüber gesprochen – über das Leben ihres Vaters und dessen tragisches Ende. Genau diese Aspekte spielen hier eine Rolle und machen „Vatertag“ zu einem intensiven Moment des Abends.

Das gewisse etwas
Und dann wird es plötzlich dunkel. Die Bühne ist leer, für einen kurzen Moment herrscht diese typische Ungewissheit – ist es schon vorbei? Natürlich nicht. „Zugabe! Zugabe!“ hallt es durch die Halle. Lange lässt er die Fans nicht warten. Er kommt zurück auf die Bühne und legt mit „Ghettogirl“ nach – die Energie schießt sofort wieder nach oben, ein letztes Mal wird  komplett aufgedreht. „Wollt ihr noch eine Zugabe?“, fragt er, grinst und setzt direkt nach: „Okay, einen gebe ich euch noch“.

Dann kommt endlich das, worauf viele seit Minute eins gewartet haben: „Lambo Diablo GT“. Spätestens jetzt gibt es kein Halten mehr – die Halle ist komplett im Ausnahmezustand, jede Zeile sitzt, jeder rastet aus. 
Mit „Vielen Dank, macht’s gut“ und „Dankeschön Wien“ verabschiedet sich Capo und verschwindet relativ schnell von der Bühne. Die Lichter gehen wieder an, und für einen kurzen Moment liegt noch diese Hoffnung in der Luft, dass er vielleicht doch nochmal zurückkommt. Aber daraus wird nichts.
Stattdessen läuft aus den Boxen „RADW“ von Bruder Haftbefehl – ein etwas überraschender Abschluss, der die Stimmung zwar nochmal kurz hochzieht, aber gleichzeitig auch endgültig klarmacht: Pfiat di, das war’s.

Fazit: ein solides Rap-Konzert. Nicht zu lang, nicht zu kurz – eigentlich genau richtig für einen Ostermontag. Die Fanbase ist da – man merkt, dass Capo im letzten Jahr nochmal mehr Reichweite aufgebaut hat. 
Und trotzdem bleibt ein kleiner Beigeschmack: Dieses gewisse Etwas, das aus einem guten Abend einen besonderen macht, fehlte. Stellenweise wirkte es, als würde Wien einfach noch schnell mitgenommen werden, bevor es am nächsten Tag weiter nach Zürich geht. Sehr schade – aber immerhin war man früh zu Hause und am nächsten Tag trotzdem noch fit für Schule oder Arbeit.

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