Der Cellist Matthias Bartolomey geht mit seiner neuen CD „Hommage“ auf Spurensuche. Ein Gespräch über Identitätsfindung, die Lust am Unterrichten und mehr Kompositionen fürs Publikum.
„Krone“: Auf Ihrem neuen Album findet sich Werke von Brahms, Richard Strauss und Schubert. Sie haben sie „Hommage“ genannt. Wem gilt die?
Matthias Bartolomey: Die Idee zum Album war inspiriert durch Ereignisse, nicht zuletzt durch den Tod meines Vaters (Franz Bartolomey, legendärer Erster Solocellist der Wiener Philharmoniker, der Ende 2023 gestorben ist, Anmerkung). Die Brahms-Cello-Sonate in e-Moll und die Strauss-Sonate, das waren seine Stücke. Die hat er sehr, sehr oft gespielt.
Im Februar vor 25 Jahren hat er diese Werke aufgenommen. Das wurde für mich sehr prägend. So kam die Idee, mit seinem Instrument, das ich jetzt schon seit vielen Jahren spiele, herauszufinden: Wo hört mein Vater auf, wo fange ich an. Wo verbinden sich unsere Charaktere, wo gehen wir unterschiedliche Wege?
Also auch ein Abnabelungsprozess?
Die Herausforderung für ein Kind, das mit einem berühmten Vater aufwächst und dann auch in diesen Beruf einsteigt, ist seine Identitätsfindung. Die beschäftigt mich schon mein ganzes Leben. Da schließt auch dieses CD-Projekt an. Die Abnabelung ist vollzogen. Aber, wo können wir uns wieder begegnen, wo ist die Verbindung wieder da? Die Sehnsucht, das herauszufinden, war sehr groß.
Inwiefern?
Ich habe gemerkt, dass sich mein Spiel seit dem Tod meines Vaters auf eine bemerkenswerte Weise verändert hat. Viele kleine musikalische Dinge, die so typisch für ihn waren, die Art eine Melodie zu spielen, zu phrasieren oder Vibrato einzusetzen. Aspekte, die ich zu seiner Lebzeit bewusst vermieden habe, kamen plötzlich tatsächlich zurück.
Ich habe mir zugehört und musste schmunzeln, weil ich jetzt ein bisschen mehr nach ihm klinge. Vielleicht ist das ein unbewusstes Weitertragen des Klangs meines Vaters, um ihn am Leben zu halten. Das war kein bewusster Entschluss.
Also ein Album zum Gedenken?
Es soll eben nicht eine Anbetung der Asche sein, dass ich jetzt genauso wie mein Vater klingen möchte, sondern eine Reflexion über die Frage, woher ich komme. Die Aufnahme entstand gemeinsam mit Ariane Haering am Klavier, mit der ich jetzt schon seit vielen Jahren wirklich sehr schöne Projekte mache. Auf demselben Instrument, mit demselben Repertoire, am selben Aufnahmeort, dem Großen Sendesaal im Radiokulturhaus, so wie vor 25 Jahren.
Wie schwierig ist es neben einem so bekannten Vater eine eigene Karriere aufzubauen? Wann kam die Entscheidung fürs Cello?
Das mit dem Cello war von sehr früh klar, aber wohin es mich verschlägt, wie meine Karriere wirklich ausschauen kann, das war ein langer Weg. Ich habe in Wien bei Valentin Erben und bei Clemens Hagen am Mozarteum in Salzburg studiert. Das heißt, ich habe genauso eine Verbindung zur philharmonisch-orchestralen Wiener Tradition wie zur Kammermusik. So gesehen bin ich gut aufgestellt.
Sie haben dann aber nicht die typische Laufbahn eingeschlagen.
Ich habe früh auch angefangen, meine eigenen Sachen zu machen, das Instrument in die Moderne zu holen und eine Brücke zur Pop- und Rockmusik zu schlagen. Diese Sehnsucht war immer da und ist dann nach dem Studium in der Begegnung mit Klemens Bittmann wahr geworden, als wir als Duo „BartolomeyBittmann“ angefangen haben, unsere eigene Musik zu schreiben.
Und die klassische Karriere in einem Orchester?
Ich habe es versucht, ins Orchester zu kommen, in das der Staatsoper, aber auch zu anderen großen Orchestern. Ich habe einige Probespiele absolviert. Manche waren knapp, manche waren eine Katastrophe. Ich habe quasi alle Ebenen durchgemacht.
Wäre die Orchesterlaufbahn überhaupt etwas für Sie?
Also jetzt sitzen wir hier im Jahr 2026 und ich habe mir eine sehr erfolgreiche, freischaffende Karriere aufgebaut, sowohl in der Klassik als auch mit meinem Duo. Ich unterrichte, habe eine Professur am Mozarteum in Salzburg. Es war auch wichtig, eine Zeit lang ins Ungewisse zu gehen, unabhängig vom Wirkungskreis meines Vaters. Im Nachhinein kann ich sagen, es war definitiv die richtige Entscheidung.
Wie viel Spaß macht das Unterrichten?
Es ist der beste Job ever. Ich liebe das Unterrichten. Es gibt mir einerseits sehr viel Flexibilität und Freiheit, mein freischaffendes Konzertspielen weiterzubehalten und andererseits gemeinsam mit der jüngeren Generation zu arbeiten, eigene Erfahrungen weiterzugeben, aber auch selbst als Cellist viel zu lernen. Durch dieses Reflektieren, Vermitteln und Vorspielen bleibt das Musikmachen sehr lebendig. Das Unterrichten ist für mich eine tragende Säule und auch eine große Leidenschaft geworden.
Was hat Ihr Vater davon gehalten, als Sie mit Klemens Bittmann das klassische Fach aufgebrochen haben?
Er hat das immer gefördert, hat mich immer unterstützt. Er war, glaube ich, auch ein bisschen neidisch, weil er selbst nie einen ähnlichen Weg eingeschlagen hat. Er war auch immer an Dirigenten und Musikern interessiert, die neue, unkonventionelle und kreative Facetten in die Musik brachten.
Sie komponieren auch, haben soeben einen Quartettsatz für das Minetti Quartett fertiggestellt. In welche Richtung geht das neue Stück?
Es ist ein wenig eine Rückkehr in die klassische Musik. Es ist Ausdruck dieses kreativ-schöpferischen Elements, das ich in erster Linie im Duo lebe, oder in Solo-Kompositionen für Cello. Der neue Quartettsatz besitzt auch sehr viele Groove-Elemente, rhythmische Aspekte. Ein Brückenschlag in die Popularmusik findet definitiv statt. Es sind teilweise auch Metal-Elemente, Rock-Elemente drinnen – natürlich ein bisschen entfremdet in einem klassischen instrumentalen Gewand. Ich lasse mich da immer sehr von meiner Intuition leiten.
Wie ist es heutzutage, eine Musiksprache zu finden? Eigentlich ist alles erlaubt, vieles jedoch auch wieder verpönt.
Im Grunde schreibe ich meine Musik unter anderem auch aus einem gewissen Frust an der zeitgenössischen Musik. Oder vielen Tendenzen der zeitgenössischen Musik. Schon früh habe ich mir oft schwergetan, eine emotionale Verbindung mit neuer Musik herzustellen. Es findet dort oft mehr eine Intellektualisierung statt und es fehlt der natürliche, direkte Weg ins Herz.
Diese Brücke in der zeitgenössischen Musik zur Popularmusik hat einfach über lange Zeit nicht existiert. In den letzten Jahren entwickelt sich aber immer mehr Verständnis dafür, dass ein klassisches, zeitgenössisches Musikstück, das sich populärmusikalischer Elemente bedient, nicht weniger wert oder oberflächlich ist. Das Publikum nimmt das mit offenen Armen dankend an. Das ist meine Erfahrung der letzten 15 Jahre. Es gibt einen großen Hunger danach.
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