„Von Gott verlassen“

Krieg schlägt tiefe Wunden bei Menschen in Nahost

Außenpolitik
28.03.2026 09:44
Porträt von krone.at
Von krone.at

Vier Wochen Krieg haben im Nahen Osten Spuren hinterlassen. Im Iran und Libanon, in Israel und mehreren Golfstaaten bestimmen Raketenangriffe, Zerstörung und große Unsicherheit den Alltag.

Frustriert sitzt Madshid in seinem Elektronikladen und starrt auf seinen leeren Teebecher. „Land weg, Regime aber noch da ... (US-Präsident Donald) Trump und die Amerikaner hatten uns doch das Gegenteil versprochen“, seufzt der 42-Jährige. Seit Kriegsbeginn hat er keine einzige Handyhülle verkauft. „Mein Leben ist wie der leere Teebecher hier.“

Was genau im Iran passiert, lässt sich in der Gesamtheit nur schwer erahnen. Seit vier Wochen ist der Zugang zum globalen Internet abgeschaltet. Nur ein ausgewählter Kreis hat Zugriff. Im sogenannten nationalen Netz gibt es nur staatlich genehmigte Inhalte. Die Isolation ist das eine, die wirtschaftliche Existenz das andere. Onlinehändler Mortesa hat zwar einen Laden im Teheraner Basar, aber Geld macht er fast ausschließlich über soziale Netzwerke wie Instagram und Telegram. „Null Komma null Einkommen in den letzten vier Wochen“, meint der 28-Jährige nüchtern.

Eine vertriebene Frau schließt ihr Kind in Beirut in die Arme.
Eine vertriebene Frau schließt ihr Kind in Beirut in die Arme.(Bild: AFP/DIMITAR DILKOFF)

„Kriegspreise“ machen das Leben noch schwerer
Der historische Basar wirkt seit Kriegsbeginn wie ausgestorben. Etabliert hat sich ein neuer Begriff: „Kriegspreise“. Für Verbraucher bedeutet das Preissteigerungen von über 50 Prozent bei Grundnahrungsmitteln. Essengehen ist ein Luxus geworden, auf den viele Iraner verzichten müssen. „Wir haben schon fast vergessen, wie ein Restaurant von innen aussieht“, schildert der 72-jährige Pensionist Fattollah.

Offiziellen Angaben zufolge gibt es mehr als 1900 Tote und 25.000 Verletzte. Westliche Schätzungen gehen von noch mehr Opfern aus. Zehntausende zivile Gebäude wurden zerstört. Schulen und Universitäten sind geschlossen, Behörden arbeiten nur noch halbtags. Das Bankensystem ist stark eingeschränkt, und der Mangel an Treibstoff allgegenwärtig. „Wasser hatten wir schon vor dem Krieg nicht, jetzt könnten Strom und Benzin noch dazukommen“, sagt der Taxifahrer Behsad.

Auch die politische Ungewissheit wiegt schwer. Wird der Iran die amerikanischen Bedingungen akzeptieren? Kommt es zu ernsthaften Friedensverhandlungen? Kommt es doch zum Umsturz? „Allaho A‘alam (nur Gott weiß) – aber auch der hat uns schon seit Jahren vergessen und verlassen“, beschwert sich die pensionierte Lehrerin Anahita.

Golfstaaten – „Das Leben geht weiter, aber vorsichtiger“
In Golfstaaten wie Kuwait, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten führten die ersten Tage des Kriegs zu Angst und Panik. Eigentlich gilt das Leben in diesen Ländern als sehr sicher – dann schlugen in Wohngebieten, an Flughäfen und anderen Zielen iranische Raketen und Drohnen ein. Wiederholte Explosionen über Tage und Wochen und Aufrufe, sich sofort in Sicherheit zu begeben, haben die meisten Menschen hier noch nie erlebt. Die Golfstaaten zählten gemeinsam Hunderte Angriffe aus dem Iran.

Vier Wochen nach Kriegsbeginn hat sich aber auch eine Art Normalität eingestellt. „Wir arbeiten jetzt vor allem von zu Hause. Die Menschen hier verfolgen die Nachrichten genau, aber Panik herrscht nicht“, berichtet ein Anrainer in der katarischen Hauptstadt Doha. „Das Leben geht weiter, aber vorsichtiger.“ Die Menschen gehen weniger ins Restaurant, Kinder machen den Schulunterricht teils von zu Hause, in Geschäften und auf Straßen ist weniger los.

Rauch steigt über dem Hafen der Stadt Jebel Ali in Dubai auf.
Rauch steigt über dem Hafen der Stadt Jebel Ali in Dubai auf.(Bild: AFP/FADEL SENNA)

„Die Leute haben sich an die Explosionen gewöhnt“, erklärt ein Anrainer in der emiratischen Metropole Dubai, wo auch einige bekannte Hotels und Wolkenkratzer getroffen wurden. „Das Leben ist zu 99 Prozent normal“, sagt eine Frau. „Die Leute gehen aus, viel Angst gibt es nicht.“

In den Golfstaaten kamen bei iranischen Angriffen oder dessen Folgen bisher 25 Menschen ums Leben. Tausende Reisende strandeten in der Region und wurden teils auf Evakuierungsflügen in die Heimat gebracht.

Libanon – Explosionen lassen die Hauptstadt beben
Der Iran-Krieg hat auch den Krieg in den Libanon zurückgebracht. Wegen der Eskalation zwischen Israel und der Hisbollah sind Zehntausende Menschen auf der Flucht. Bei Israels Bombardierungen in Beirut und anderen Landesteilen wurden nach offiziellen libanesischen Angaben mehr als 1000 Menschen getötet und mehr als 3000 weitere verletzt. Mehr als eine Million Menschen sind der UN-Organisation IOM zufolge vertrieben.

Viele Kinder erleben erneut traumatische Tage und Nächte, die sie möglicherweise ein Leben lang verfolgen werden. Sie schlafen mit ihren Eltern auf der Straße oder in Notunterkünften, die aber nur einen Teil der Vertriebenen aufnehmen können. Für viele ist der sicherste Ort vor Luftangriffen unter freiem Himmel.

Die Menschen, die sich zu Hause einigermaßen sicher fühlen, verbringen mehr Zeit daheim. „Ich lasse meine Kinder nach 17.00 Uhr nicht mehr das Haus verlassen“, erzählt ein Vater in Beirut. „Wir bleiben drinnen, sehen fern, verfolgen die Nachrichten und sind erschüttert von den schweren Explosionen, die die Hauptstadt beben lassen.“

Viele versuchen, ihre tägliche Routine irgendwie zu erhalten. Der zwölf Jahre alte Schüler Gérard, der in Beirut eine Privatschule besucht, sagt sogar, der tägliche Gang zur Schule fühle sich normal an. „Normal, obwohl wir manchmal laute Erschütterungen hören.“

Israel – Kaum Hoffnung, dass es der letzte Krieg ist
In Israel sind viele Menschen wegen der häufigen und mitunter tödlichen Raketenangriffe aus dem Iran und von der libanesischen Hisbollah zermürbt. Auch nachts müssen sie oftmals Schutz suchen.

Einige Menschen, die keinen Schutzraum in unmittelbarer Nähe haben, übernachten in städtischen Bunkern. So auch eine 35-jährige Israelin, ihr Partner und der gemeinsame Hund. „Wir passen uns an die Situation an, aber der Krieg ist hart“, sagt die Frau, während sie auf ihrer Matratze im Dunkeln eines unterirdischen Schutzraums in der Küstenmetropole Tel Aviv sitzt. „Aber das alles hat nicht erst vor vier Wochen begonnen“, meint die Israelin mit Blick auch auf das Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023. Die Menschen in Israel kämpften angesichts der Bedrohungen durch den Iran und mit Teheran verbündeter Milizen schon lange für die Existenz ihres Landes.

Die USA haben zuletzt Chancen auf einen Deal mit dem Iran signalisiert. Die 35-Jährige glaubt jedoch nicht daran, dass der Krieg damit wirklich beendet wäre – auch wenn sie sich Frieden für die Region wünscht. Ihr 42 Jahre alter Partner ist ebenfalls nicht optimistisch: „Ich denke, es wird nicht der letzte Krieg gewesen sein. Kriege gehören hier zu unserer Realität, auch wenn uns das nicht gefällt.“

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