Der überraschende Wahlsieg des Grünen-Politikers Dominik Krause am Sonntagabend sorgt für Aufbruchsstimmung in Bayerns Landeshauptstadt. Er ist nicht nur der erste grüne Oberbürgermeister überhaupt, sondern mit 35 Jahren auch noch auffallend jung und lebt offen homosexuell. Wer ist der Mann, der künftig die Geschäfte in München führt?
Es war ein historischer Sonntag in der Isar-Metropole: Was bis vor ein paar Wochen noch niemand geglaubt hatte, ist mit dem klaren Sieg Krauses in der Stichwahl gegen den nach einer Affäre um nicht genehmigte Nebentätigkeiten strauchelnden Amtsinhaber Dieter Reiter (SPD) nun Realität. Mit 56,4 Prozent der Stimmen holt der 35-Jährige den Sieg für die Grünen.
Reiter kündigt politischen Rückzug an
Reiter erreichte hingegen nur 43,6 Stimmen und kündigte noch am Wahlabend seinen Rückzug aus der Politik an: „Das war der letzte Abend meiner politischen Karriere“, sagte der 67-Jährige zu Parteifreunden. Seine Abkehr war am Tag darauf in den sozialen Medien bereits sichtbar, Reiters Instagram- und Facebook-Account wurde offenbar gelöscht und war nicht mehr auffindbar.
Nach zwölf Jahren unter der Führung von Reiter wird die Landeshauptstadt in den kommenden sechs Jahren vergleichsweise jung regiert. Kritiker hatten zuvor seine mangelnde Erfahrung wegen seines Alters bemängelt – Krause setzte dem entgegen, dass zumindest ein junger Oberbürgermeister in der Vergangenheit bereits erfolgreich regiert hat. Tatsächlich war nur Hans-Jochen Vogel (SPD) mit 34 Jahren noch jünger im Amt.
Der gelernte Physiker ist, wie er selbst sagt, ein „Münchner Kindl“: in der Isar-Metropole geboren und aufgewachsen. Mit seinem Verlobten Sebastian Müller, von Beruf Hausarzt, lebt er im bodenständigen Stadtteil Giesing. Eine Zäsur ist nicht nur, dass Krause nach Jahrzehnten die SPD aus dem Rathaus drängte, sondern auch, dass er der erste offen homosexuell lebende Oberbürgermeister der Stadt ist.
Steiler Aufstieg in nur wenigen Jahren
Ein Aufmarsch von Nazis habe ihn zu der Zeit seines Zivildienstes damals derart schockiert, weshalb er sich entschied, selbst „aktiv zu werden”. Im Jahr 2014 trat er bei den Grünen ein, im selben Frühjahr zog der damalige Physikstudent Krause mit nur 23 Jahren in den Stadtrat ein. Nur zwei Jahre später, im April 2016, rückte Krause als stellvertretender Vorsitzender in den Fraktionsvorstand auf, gemeinsam mit Katrin Habenschaden. 2018 wurde Habenschaden Chefin, Krause blieb Vize.
Im August 2023 kündigte Habenschaden überraschend ihren Ausstieg aus der Politik und den Wechsel zur Deutschen Bahn an. Krause folgte ihr daraufhin als Zweiter Bürgermeister nach. Auf dem Grünen-Parteitag erhielt er 97 Prozent der Stimmen für die Kandidatur als Oberbürgermeister und bezeichnete das Amt als „Traumjob“.
Krause kündigte ein ambitioniertes Programm an:
Dass Krause mit nur zweieinhalb Jahren Vorlaufzeit gegen SPD-Urgestein Dieter Reiter eine Chance haben könnte, hatten wohl nur wenige erwartet. Der Sieg des 35-Jährigen hängt neben Reiters Skandalen auch mit einer spürbaren Aufbruchstimmung in der Millionenstadt zusammen. Reiter selbst trat im Wahlkampf nur zurückhaltend auf. Sein Motto „München. Reiter. Passt“, das stark auf seine Person zugeschnitten war, reichte offenbar nicht aus, um die Wählerinnen und Wähler zu mobilisieren.
Wunsch nach Veränderung ist groß
Ganz anders präsentierte sich Krause. Sein zentrales Thema waren die Wohnungsnot und die explodierenden Mieten – die mitunter größten Sorgen der Münchner Bevölkerung. Im Wahlkampf versprach Krause im Rahmen eines Sofortprogramms beim Wahlsieg 50.000 neue Wohnungen. Dazu sollen unter anderem leerstehende Büroflächen umgewandelt werden.
Die Landeshauptstadt versteht sich naturgemäß gerne als Gegenstück zum Rest Bayerns: weltoffen, vielfältig, bunt. Dies wolle der junge Oberbürgermeister erhalten, sagte er bei der Wahlparty der Grünen am Vorabend. Zudem dürfte er im Kampf gegen Rechtsextremismus deutliche Akzente setzen, was ja sein ursprünglicher Antrieb für den Parteieintritt war. Auch der Kampf gegen den Klimawandel gehört zu seinem Programm. Mit mehr Rad- und Fußwegen und einer Abkehr von Verbrennermotoren will er die Stadt klimafit machen.
Erster Wiesn-Anstich durch Grünen
Die Zusammenarbeit mit Ministerpräsident Markus Söder (CSU) wird mit Spannung erwartet, da dieser bekanntlich gerne gegen die Grünen wettert. Die Bundestagsabgeordnete Ricarda Lang (Grüne) kommentierte noch am Wahlabend im Hinblick auf die feierliche Eröffnung der Wiesn durch den Oberbürgermeister das Event mit einem Augenzwinkern. Sie möchte sehen, wie Söder neben einem Grünen stehe, während er das Fest eröffnet, so die 32-Jährige und kündigte dafür ihren Besuch an. Krause wird als erster Grüner überhaupt die Wiesn eröffnen und das erste Fass anzapfen. Wie bereits am Wahlsonntag schreibt er damit erneut Geschichte.
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