Die Zahl der Personen mit psychischen Problemen steigt rapide. Bestehende Einrichtungen und der niedergelassene Bereich kommen an ihre Leistungsgrenzen. Das sorgt für Kritik. In der Klinik Favoriten fiel daher jetzt der Spatenstich für Wiens größten psychiatrischen Neubau. Aber in der Versorgung warten noch weitere Baustellen.
Psychische Erkrankungen sind längst keine Randerscheinung mehr. Rund 1000 stationäre Aufnahmen und etwa 3500 Ambulanzkontakte verzeichnet die Klinik Favoriten pro Jahr allein in der bisherigen psychiatrischen Erwachsenen-Abteilung – Tendenz rapide steigend. Der Bedarf wächst, und gerade bei Kindern und Jugendlichen schlägt er mit voller Wucht durch. Doch bisher hatte der Süden Wiens mit fast 290.000 Einwohnern keine eigene Einrichtung für Kinder- und Jugendliche. Eltern, deren Kinder Hilfe brauchten, mussten weite Wege in Kauf nehmen. Das soll sich bis ändern.
Gewaltige Dimensionen: 200 neue Stellen bis 2029
Das Projekt ist gewaltig. Auf 20.500 Quadratmeter Fläche, verteilt auf sechs Ebenen, entsteht eine Psychiatrie der neuen Generation: mit Ambulanzen, Tageskliniken, Therapiebereichen, großzügigen Dachterrassen – und einer Heilstättenschule, damit kranke Kinder den Anschluss ans Lernen nicht verlieren.
Viel mehr Sorgen müssten wir uns machen, hätten wir solche Einrichtungen nicht. Diese Einrichtungen sind da, damit es so wenige Zwischenfälle wie möglich gibt.
Peter Hacker, Gesundheitsstadtrat (SPÖ)
Abteilung für Kinder und Jugendliche
Insgesamt wächst damit die Bettenzahl von heute 44 (nur Erwachsene!) auf künftig 120, aufgeteilt auf vier Erwachsenenstationen und die neue Kinder- und Jugendpsychiatrie. 40 Betten sind nur für Kinder und Jugendliche. Dazu kommen über 200 Vollzeitstellen, mehr als dreimal so viele wie bisher. Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) wurde beim Spatenstich deutlich. Die Versorgungsregion Favoriten sei „in Wirklichkeit die drittgrößte Stadt Österreichs“, betonte er. Sein Credo: „Ein Akutspital ohne psychiatrische Abteilung ist kein Akutspital.“ Dass die Klinik ohnehin einen starken kindermedizinischen Schwerpunkt hat – Geburtsabteilung, Neonatologie, Kindersomatik –, mache sie zum besonders schlüssigen Ort für diesen Schritt.
Neos-Gesundheitssprecherin Jing Hu brachte die gesellschaftliche Dimension auf den Punkt: „Psychische Gesundheit entscheidet über Bildungswege und Zukunftschancen. Es braucht mehr Kapazitäten, schnellere Hilfe und niederschwelligen Zugang.“
Psychisch kranke Menschen gibt es ohnehin in der Stadt. Es ist sehr gut, dass wir eine Abteilung schaffen, um wirklich gute Behandlungen frühzeitig einzuleiten.
Evelyn Kölldorfer-Leitgeb, Generaldirektorin des Wiener Gesundheitsverbundes
Wigev-Generaldirektorin Evelyn Kölldorfer-Leitgeb ließ beim Spatenstich ebenfalls keinen Zweifel: Menschen mit psychischen Erkrankungen gebe es sowieso in der Stadt – die Frage sei nur, ob man rechtzeitig handle. Ihr Schlüssel: frühzeitig ansetzen.
Überbelegt und Kritik von der Volksanwaltschaft
Wie sehr die neue Einrichtung gebraucht wird, weiß auch Paul Plener, Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am AKH Wien. Er erklärt, dass „wir deutlich überbelegt sind“. Im Sommer vergangenen Jahres hatte man das letzte Mal ein bis zwei Betten frei, sagt er. Notfälle könne man aber immer betreuen, versichert er. Der Versorgungsdruck steige auch wegen steigender Suizidversuche, erklärt er. „Seit der Pandemie sehen wir eine Verdreifachung“, so Plener.
Kritik der Volksanwaltschaft
Die Volksanwaltschaft kritisiert zudem in einem umfassenden Bericht, dass einer von drei Patienten österreichweit zu früh aus psychiatrischen Abteilungen entlassen wird. Oftmals fehle es auch an Nachbetreuungsangeboten – vor allem im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Versorgung für Wohlhabende
Auch im niedergelassenen Bereich gibt es weiter Lücken. So offenbarte eine Studie der MedUni Ende Jänner, dass die Anbieter, die Leistungen im Bereich psychischer Erkrankungen anbieten, in der Stadt ungleich verteilt sind. Dort, wo wohlhabendere Menschen wohnen, werden mehr Leistungen angeboten. Wer also in der Innenstadt lebt, hat Zugang zu einem 50-mal höherem Angebot als Bewohner von Simmering.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.