Wenn wir von „Hochdeutsch“ sprechen, verstehen immer mehr Menschen darunter das Bundesdeutsche. Die Grazer Philosophin Anneliese Rieger-Roschitz hat nun ein Buch über die Geschichte des „Österreichischen Deutsch“ geschrieben – und warum es droht verloren zu gehen.
Angefangen hat alles eher untypisch – nämlich in Asien: „Ich habe als Universitätslektorin in China und Taiwan Deutsch unterrichtet und festgestellt, dass es an den Germanistik-Instituten eine große Skepsis gegenüber der österreichischen Sprache gab. Sie wurde als minderwertig, als Dialekt wahrgenommen. Als Hochdeutsch wurde das Bundesdeutsche empfunden“, erinnert sich Anneliese Rieger-Roschitz. „Ich wollte wissen, warum das so ist, und habe zu forschen begonnen“, erzählt sie der „Krone“. Diese Forschung hat zu dem Buch „Österreichisches Deutsch – Eine 300-jährige Liebesgeschichte“ geführt, das sie gemeinsam mit Stefan Dollinger verfasst hat.
Deutsche gewannen einst Wettlauf ums erste Wörterbuch
Warum 300 Jahre? „Damals begannen die Bestrebungen, die deutsche Sprache zu standardisieren und eine einheitliche Grammatik zu definieren. Davor hat jeder mehr oder weniger gesprochen und geschrieben, wie er es für richtig empfand“, erklärt Rieger-Roschitz. Es entwickelte sich ein Gelehrtenstreit, ob nun das deutsche oder das österreichische Idiom das „richtige“ sei.
„Anfangs hat es eher so ausgesehen, als würde sich das österreichische als Standard durchsetzen, doch als eine Folge der Reformation wurde der mittel- und norddeutsche Sprachraum als moderner und fortschrittlicher wahrgenommen“, so Rieger-Roschitz. Zudem gewannen die Deutschen auch den Wettlauf um das erste große Wörterbuch samt standardisierter Grammatik. Und als sich Kaiserin Maria Theresia an die Schulreform machte, orientierte sie sich an deutschen und nicht an österreichischen Gelehrten.
„Wir sprechen gerne in der Konjunktiv-Form“
Doch es gab durchaus Bemühungen für eine österreichische Standardsprache: Der Philosoph Ludwig Wittgenstein etwa schrieb in seinen Jahren als Lehrer ein österreichisches Wörterbuch, weil er in den deutschen Werken viele hiesige Alltagsbegriffe nicht finden konnte. Und mit Dramatikern wie Nestroy und Raimund feierte das österreichische Idiom auch auf den Bühnen große Erfolge.
Doch was macht das Österreichische eigentlich aus? „Ein typisches Beispiel ist, dass wir Österreicher im Vergleich zu den Deutschen Ablehnung ungern direkt äußern, wir wollen ja niemanden vor den Kopf stoßen: Wir könnten uns mal auf einen Kaffee treffen? Ja, machen wir uns mal was aus. Wirklich stattfinden wird dieses Treffen ziemlich sicher nicht“, sagt Rieger-Roschitz. Zudem sprechen wir gerne in Konjunktiven, sagen nicht „Ich bin da“, sondern „Ich wäre jetzt da“. Und auch der Habsburgische Vielvölkerstaat hat seine Spuren hinterlassen: „Im österreichischen Deutsch finden sich viel mehr Einflüsse aus den anderen Sprachen. Das Bundesdeutsche ist da homogener.“
Standardsprache: „Pflege bei uns zu wenig verankert“
Doch Rieger-Roschitz sieht auch die Gefahr, dass das österreichische Hochdeutsch (wie es etwa der Bundespräsident oder Susanne Höggerl in der „Zeit im Bild“ verwendet) immer mehr verschwindet: „Die Österreicher sind zwar sehr stolz auf ihre lokalen Dialekte und verwenden diese auch. Doch die Pflege unserer Standardsprache ist zu wenig verankert“, sagt sie. Während in Deutschland die Goethe-Institute für die Pflege der Bundesdeutschen Sprache und Literatur weltweit sehr erfolgreich sind, gibt es keine vergleichbaren einflussreichen österreichischen Institute. „Auch der Großteil der Kinder- und Schulbücher, die es bei uns zu kaufen gibt, ist bundesdeutsch geprägt“, sagt Rieger-Roschitz.
Ihr geht es nicht um ein „heimattümelndes“ Verständnis von Sprache, sondern darum, dass „eine über Jahrhunderte gewachsene Sprachkultur nicht verloren geht“. Ihr Buch soll ein kleiner Beitrag dazu sein.
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