Vier Jahre nach seinem letzten Album meldet sich Clueso mit „Deja Vu 1/2“ zurück. Für sein zehntes Studioalbum setzt der Sänger diesmal bewusst auf mehr Live-Sounds. Im „Krone“-Talk spricht er über kreative Pausen, sein neues Projekt – und warum Wien für ihn ein ganz besonderer Ort ist.
Er ist seit mehr als zwei Jahrzehnten im Musikgeschäft: Thomas Hübner alias Clueso landete mit Songs wie „Gewinner“, „Chicago“ oder „Tanzen“ große Erfolge. Nach längerer Album-Pause meldet sich der Sänger nun mit einem neuen Projekt zurück. Im „Krone“-Zoom-Talk kurz vor dem Release von „Deja Vu 1/2“ zeigt er sich trotz Aufregung gesprächig – und als bekennender Wien-Liebhaber. Nach kurzem Small Talk über Wetter und Gemütslage geht es direkt ums Album. Wie spricht man „Deja Vu 1/2“ eigentlich richtig aus? „1 von 2. Es wird zwei geben, das ist quasi Teil eins von zwei. Wir haben probiert, ob man alles in eine Platte packen kann – ich wollte es aber zeitversetzt machen, denn ich habe so viele Songs geschrieben und sie dann gesplittet.“
Vier Jahre hat sich Clueso diesmal Zeit gelassen. Sein letztes Werk „Album“ war ein großer Erfolg und stieg 2021 auf Rang zwei der deutschen Albumcharts ein. Doch wie klingt das neue Projekt? „Die Platte, die jetzt rauskommt, erinnert ein bisschen an die ältere Clueso-Art. Teil zwei wird mehr mit Drumcomputer sein, eher Schlafzimmerproduktion, ein bisschen rumpelig und minimalistisch. Dieses hier ist mit vielen Leuten eingespielt, ich war mehrfach im Studio – im M26 in Hamburg haben wir den größten Teil aufgenommen.“ Eigentlich sei bei ihm bisher jedes Album eine Mischung verschiedener Sounds gewesen. Bei der neuen Platte habe er jedoch versucht, „die akustischen Live-Sachen“ stärker zu bündeln. Aufgeregt sei er trotzdem – und sehr stolz. Für ihn fühle sich der Release ein wenig an wie eine „Klassenarbeit“, die er nun in Deutschland, Österreich und der Schweiz abgegeben habe.
Neues Studio auf Mallorca
Auch der Titel des Albums weckt Neugier. Wie ist er darauf gekommen? „Ich habe um die 50 Skizzen gemacht. Ich hatte eine kleine Fuß-OP, saß zu Hause und habe eine Coldplay-Dokumentation gesehen, in der sie jeden Tag eine Skizze machen. Genau das habe ich dann auch gemacht: jeden Tag eine Melodie, mit oder ohne Text. Irgendwann rutschte eine kleine Idee raus. Ich habe sie Freunden gezeigt – Johannes Herbst aus Österreich, der auch das Mathea-Album produziert hat, und Daniel Flamm. Daraus wurde der Song ‘Deja Vu‘. Der war so nah und privat, dass ich mich erst gar nicht getraut habe, ihn rauszubringen. Aber wir haben gemerkt: Der gibt die Richtung für ein neues Album vor. Erst war es ein Arbeitstitel – und dann ging die Reise immer weiter.“ Ob er selbst schon häufiger ein Déjà-vu erlebt habe? Clueso lacht: „Ja, jedes Mal beim Musikmachen.“
Viele Künstler legen nach langjährigem Erfolg eine kreative Pause ein oder widmen sich anderen Projekten. Auch Clueso nahm sich nach seinem letzten Album einige Jahre Zeit. „Ehrlich gesagt habe ich gar nicht so auf die Uhr geschaut. Ich wollte ursprünglich ein zweites ‘Handgepäck‘ machen und habe mit Akustiksongs angefangen. Dann habe ich in der Waldbühne in Berlin gespielt, dieses Publikum gesehen und gemerkt: So ein kleines Album fühle ich gerade gar nicht. Ich hatte zu viel Energie, zu viel Bock. Also habe ich neue Skizzen geschrieben und alles bewusst gären lassen.“ Ganz untätig war der 45-Jährige in dieser Zeit aber nicht: Gemeinsam mit einem Hotel auf Mallorca baute er ein Studio. „Ich war oft auf der Insel und dachte: Künstler brauchen ein Zimmer, etwas zu essen und Freiraum – da lade ich jetzt öfter Leute ein und nehme auf.“
„Nur zweimal swipen auf Instagram“
In dieser Zeit hörte Clueso viel Musik, die stark auf Live-Klänge setzt – etwa von Bruce Springsteen oder den Parcels. „Beim letzten Album habe ich viel mit verschiedenen Produzenten gearbeitet und experimentiert. Aber in einer Zeit mit viel KI-Inhalte hatte ich total Bock auf human-made.“ Also Musik, die bewusst „wackelt“ und von Menschenhand gemacht ist. Dieses Gefühl von Echtheit zieht sich auch durch „Deja Vu“. Im Alltag merkt Clueso selbst, wie schnell einem das Digitale zu viel werden kann. „Am meisten spüre ich es, wenn ich analog arbeite – male, bastle oder im Studio rumprobiere. Dann findet man Zugang zu alten Bildern in sich, die unter den digitalen Bildern verschüttet sind“, erzählt er. Seinen persönlichen Digital Detox versucht er auf einfache Weise umzusetzen: Bei Instagram etwa habe er sich angewöhnt, nur zweimal zu swipen. „Nach viermal merke ich schon, wie mein Gehirn getriggert wird. Das Netz weiß manchmal besser über einen Bescheid als man selbst“, sagt er lachend.
Nach mehr als zwei Jahrzehnten im Musikgeschäft müsse man auch lernen, die eigene mentale Balance zu schützen. „Wir stehen heute von allen Seiten unter Druck. Ich versuche, mir Freiräume zu schaffen“, sagt Clueso. Musikmachen selbst sei für ihn dabei fast wie Meditation: „Ich sitze am Piano, spiele herum und singe – das ist ein unglaublicher Ruhepol. Außerdem sind gute Freunde wichtig, die einen rausziehen“, erklärt er nachdenklich. Eine weitere wichtige Lektion habe er ebenfalls gelernt: öfter nein zu sagen. „Das konnte ich früher nicht so gut.“
Einzige Kollaboration auf der Platte
Was noch auffällt, ist, dass auf dem neuen Album nur wenige Kollaborationen zu hören sind. Clueso ist bekannt für seine Features – diesmal gibt es lediglich eine Zusammenarbeit: mit Rapper Chapo102 im Song „Jedes Jahr“. „Beim zweiten Teil werden es mehr sein, hier hat Chapo am besten gepasst. Er ist ein unglaublicher Künstler. Er hat etwas Raues, das mich an meine Anfangszeit erinnert.“ Kennengelernt haben sich die beiden über Cluesos Musik: „Er hat auf seiner Tour ‚Chicago‘ von mir gespielt – das fand ich extrem cute. Wir haben uns getroffen, waren zusammen auf dem Weihnachtsmarkt, haben Glühwein getrunken und über das Thema Homecoming gesprochen. Daraus entstand ,Jedes Jahr‘. Er hat mich aber auch immer wieder erinnert: ,Vergiss den Song nicht.‘“
Eine große Feature-Sehnsucht habe er diesmal nicht gehabt.
Trotz der besonderen Verbindung zu Chapo102 ist „Jedes Jahr“ nicht sein persönlicher Lieblingssong auf dem Album. „Das ist total tagesformabhängig. Bei Sonnenschein berührt mich ,Verrückter Sommer‘ sehr“, sagt er. Die Idee zu dem Song ist allerdings schon älter: „Der Refrain ist bestimmt zwölf Jahre alt. Ich habe ihn auf der Festplatte gefunden und mit zwei Produzenten neu aufgebaut.“
Keine Gatekeeper und Wien-Liebe
Ein Blick auf die Musikbranche zeigt: Vieles hat sich verändert. Was Clueso daran positiv und negativ sieht, beantwortet er ohne zu zögern: „Positiv ist: Man ist heute weniger abhängig von Gatekeepern. Man kann sich selbst zeigen und entdeckt werden.“ Ganz unkritisch sieht er die Entwicklung dennoch nicht: „Viele lernen, sich gut zu präsentieren, statt Inhalte zu entwickeln.“ Besonders störe ihn, dass vieles gleich klingt: „Viele sind die Kopie einer Kopie. Und der Teich ist voll – jeden Freitag kommt so viel Musik raus, dass man drei Jahre hören müsste, um alles zu schaffen.“
2026 steht für Clueso ganz im Zeichen der Live-Musik: Neben dem neuen Album geht er auch auf große Tour – mit einem Halt am 5. Juni auf der Open-Air-Bühne in der Wiener Arena (Tickets: www.oeticket.com). Was dürfen Fans von einem typischen Clueso-Konzert erwarten? „Eine energiegeladene Liveband. Wir setzen stark auf echte Live-Momente und lassen Songs auch mal laufen. Ich habe eine lange Verbindung zu Wien. Früher bin ich ins Chelsea rein und habe gefragt, ob wir spontan spielen können. Ich bin immer gern in Wien unterwegs – MuseumsQuartier, Cafés, Musiker treffen. Ich freue mich extrem darauf.“
Zum Abschluss bitten wir Clueso, sein neues Album „Deja Vu 1/2“ in einem einzigen Satz zusammenzufassen. Er überlegt kurz und bringt es dann auf den Punkt: „Ich habe keine Musik gemacht, um mitzuhalten, sondern um bei mir zu bleiben.“
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