Seit 2022 ist der 27-jährige Sänger Tim Kamrad fester Bestandteil der Popkultur. Seine Songs sind eingängig, radiotauglich und millionenfach gestreamt. Vor wenigen Wochen meldete sich der Musiker mit einer neuen EP zurück. „Try Not To Panic“ ist eine Momentaufnahme zwischen Balance, Erfolg und Erwartungsdruck. Im Interview spricht er über sein Werk, seinen Wien-Auftritt – und darüber, warum das Restaurant „Zum Schwarzen Kameel“ für ihn eine besondere Rolle spielt.
Ruhe bewahren, bloß keine Panik – wie oft hat man sich das selbst schon gesagt? Etwa vor einem großen Ereignis, einem wichtigen Test oder in dem Moment, in dem die Nachricht des Schwarms länger auf sich warten lässt und die Gedanken anfangen zu kreisen.
Mit seiner neuen EP „Try Not To Panic“ versucht Tim Kamrad genau dieses Gefühl und die Suche nach Balance einzufangen. Der 28-jährige Künstler feierte 2022 mit „I Believe“ seinen großen Durchbruch und verzeichnete mit dem Song 300 Millionen Streams, mehrere Gold- und Platin-Auszeichnungen sowie europaweite Chart-Erfolge.
Außerdem war er Juror bei „The Voice of Germany“, wo er sich einem Millionenpublikum als Coach präsentierte – kein Wunder also, dass er aus der Poplandschaft längst nicht mehr wegzudenken ist. An einem Freitagnachmittag trafen wir den Ruhrpottler zwar nicht persönlich, obwohl er gerade für die Promo seiner neuen EP in Wien war, dafür aber zu einem kleinen, feinen Zoom-Talk.
„Krone“: Tim, „I Believe“ war dein internationaler Durchbruch. Erinnerst du dich noch an den Moment, als dir klar wurde, dass jetzt etwas richtig Großes passiert?
KAMRAD: Ja, es war definitiv nicht beim Schreiben oder beim Release des Songs – da war alles sogar kleiner als zuvor. Relativ schnell habe ich aber auf Social Media gemerkt, dass der Song mehr Klicks bekommt und sich mehr Menschen dafür interessieren. Als dann die ersten Radioplays kamen und ich gemerkt habe, dass er auch international läuft, war klar: Das ist jetzt anders als vorher. Dass es diese Dimension annimmt, hätte ich aber nie erwartet. So richtig realisiert, hab ich es dann aber bei den Konzerten.
Der Titel deiner neuen EP „Try Not To Panic“ klingt wie ein Gegenpol zu diesem Erfolg. Wann hast du gemerkt, dass Erfolg auch Druck mit sich bringt?
Sobald man die nächsten Schritte plant, merkt man, dass man möchte, dass es so weitergeht. Das Gute bei mir ist, dass sich dieser Druck selten auf die Kreativität auswirkt, weil ich ein sehr gutes Team habe, dem ich vertraue und mit dem ich offen über alles reden kann.
Den klassischen „Wir müssen jetzt Erfolg haben“-Druck gibt es bei uns nicht. Trotzdem spielt man, sobald man etwas veröffentlicht, immer ein bisschen Lotto mit seinen Gefühlen. Auf der EP geht es aber nicht nur um Erfolgsdruck, sondern um Momente der Überforderung, die wir alle kennen – und darum, sich bewusst zu machen, dass das völlig normal ist.
Wie gehst du mit den Erwartungen an dich selbst und mit den Erwartungen von außen um?
Ich glaube, die Erwartungen an sich selbst sind die schwierigsten. Man muss verstehen, was man überhaupt von sich erwarten darf. Einen Hit kann ich nicht planen – ich kann nur die Musik machen, die ich mag.
Ich habe gelernt, mein eigenes Glück von Erfolg abzukoppeln. Von mir erwarte ich Weiterentwicklung: bessere Songs, einen sich entwickelnden Sound und bessere Liveshows. Erfolg habe ich bewusst aus diesen Erwartungen rausgenommen – das dürfen andere beurteilen.
Gab es einen Moment, in dem du selbst kurz davor warst zu paniken?
Ja, vor allem Ende letzten Jahres. Die letzten zwei Jahre waren sehr intensiv – im besten Sinne. „The Voice of Germany“ hat viel verändert, und irgendwann habe ich gemerkt, dass ich im Dauerbetrieb war. Ende des Jahres war ich dann überfordert mit der Frage, wie es weitergeht.
Ich habe mir eine kurze Auszeit genommen, habe mich wieder darauf besinnt, warum ich das alles mache: Musik, Bühne, Songs schreiben. Wenn es so weitergeht wie bisher, super – und wenn nicht, ist das auch okay.
„Hug Yourself“ auf der EP ist ein Trennungssong, der keiner sein will. Warum war dir hier Humor wichtiger als Drama?
Weil das fast immer so in meinem Leben ist. Ich finde, man kann mit Leichtigkeit und Humor viel mehr erreichen, auch für sich selbst. Man darf Situationen ernst nehmen, aber man kann auch darüber lachen.
Bei „Hug Yourself“ ging es mir darum, Stärke zu zeigen und zu sagen: Wir trennen uns zwar, aber ganz ehrlich – du verpasst mehr als ich. Es ist Selbstliebe, im wahrsten Sinne. Und gleichzeitig auch ein Mittelfinger an Leute, die unseren Wert nicht erkennen. Wir sind nicht perfekt, aber wir dürfen erwarten, dass man uns so nimmt, wie wir sind.
Du greifst manchmal auf Geschichten aus deinem Umfeld zurück. Wie offen sind deine Freunde damit, Teil deiner Songs zu werden?
Die suchen sich das, glaube ich, gar nicht aus (lacht). Bei Hug Yourself gab es zwei Trennungen in meinem sehr engen Umfeld, darüber haben wir viel gesprochen. Ich selbst bin seit zwölf Jahren in einer Beziehung und scheine dadurch oft so eine Art Ratgeber zu sein. Ich frage niemanden um Erlaubnis und schicke auch niemandem einen Song mit dem Hinweis: Der ist über dich. Wenn Leute sich darin wiederfinden, okay – wenn nicht, ist es auch nicht schlimm.
Auch der Song „If I Break Your Heart“ ist eine verdrehte Art, „Ich liebe dich“ zu sagen. Warum fällt es uns manchmal so schwer, diese Worte auszusprechen?
Ich glaube, weil diese Worte sehr schwer gewichtet sind. Sie machen alles ernster. Manchmal ist es leichter, das gleiche Gefühl anders zu beschreiben, wenn man die andere Person nicht überfordern will. Trotzdem bin ich der Meinung, dass man sich trauen sollte. In dem Song geht es darum, zu sagen: Lass uns das versuchen. Hab keine Angst. Und wenn ich dir das Herz breche, kannst du meine Wohnung zerstören oder meine Gitarre verbrennen. Ich will einfach, dass wir „All in“ gehen – aber mit Humor.
Du warst ja Coach bei „The Voice of Germany“, was hast du dort über dich selbst gelernt?
Es war sehr spannend, einmal eine ganz andere Position einzunehmen. Als Solokünstler ist man sonst sehr auf sich selbst fokussiert, immer mit der Frage: Was mache ich als Nächstes? Bei „The Voice“ ging es darum, die Talente in den Mittelpunkt zu stellen. Ich habe viel über mich gelernt – etwa im Umgang mit Aufregung oder dabei, die eigene Stimme zu finden. Außerdem saß ich mit drei echten „The Voice“-Legenden zusammen: Mark Forster, Samu Haber und Yvonne Catterfeld. Von ihnen habe ich viel über Entertainment gelernt, auch abseits der Musik. Das hat meine Bühnenansagen verbessert und meine Shows spontaner gemacht.
Durch „The Voice of Germany“ und deine Musik hast du dir eine große Fanbase aufgebaut. Gab es ein Fan-Erlebnis, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ja, einige. Besonders berührt hat mich, dass mir jemand erzählt hat, wie ein älterer Song von mir ihr während einer Herz-OP Kraft gegeben hat. Das ist unglaublich, wenn man bedenkt, dass ich den Song damals in meinem Kinderzimmer geschrieben habe. Auch dass viele Menschen zu „Be Mine“ geheiratet haben, hat mich überrascht.
Du spielst am 20. Februar in Wien – Was macht das Publikum für dich in Wien so besonders?
Ich liebe es, in Wien zu sein. Die Stadt ist unglaublich schön, dazu kommen großartiges Essen, die Bar- und Restaurantkultur und dieser typische Wiener trockene Humor, den ich aus dem Ruhrgebiet gut kenne. Das merkt man auch bei den Shows – die Gespräche mit dem Publikum sind oft sehr witzig.
Gibt es einen Ort oder ein Restaurant in Wien, wo du sagst: Da muss ich immer wieder hin?
Ich weiß nicht, ob das ein Klischee ist, aber für mich ist es einfach Wien. Wir sind oft im „Schwarzen Kameel“. Ich bin gerne dort. Ich mag die Atmosphäre und dieses klassische Wienerische. Dort einfach sitzen, etwas essen und trinken und die Leute beobachten. Man fühlt sich fast ein bisschen in der Zeit zurückversetzt – aber im besten Sinne.
Wie ist das für dich, wenn dich Leute dort erkennen? Darf man dich einfach ansprechen oder willst du dann eher deine Ruhe?
Ich habe damit überhaupt kein Problem. Es kommt immer auf das Feingefühl an, aber eigentlich habe ich fast nur positive Erfahrungen gemacht. Wenn jemand sagt: „Ich will nicht stören, aber können wir kurz ein Foto machen? Ich feier deine Musik“, dann ist das super. Anstrengend sind eher Leute – meistens ältere Männer – die einem irgendwas von ihrem Business erzählen wollen. Das nervt manchmal.
Also kein Käppi, Hoodie und Sonnenbrille?
Nee (lacht). Ich finde das Thema sowieso witzig. Es gibt Leute, die unerkannt bleiben wollen, und dann laufen sie mit Kamerateam, Licht und Entourage durch die Stadt. Klar schauen dann alle hin.
Harry Styles ist da das beste Beispiel. Der läuft einfach allein durch Berlin oder andere Städte. Klar wird er mal fotografiert, aber er kann sich bewegen und ihm ist alles egal.
Vom unerkannt Unterwegssein bis zum großen Erfolg: Was bedeutet dieser für dich heute?
Erfolg bedeutet für mich, von Musik leben zu können. Und dass mittlerweile auch andere Menschen durch meine Musik leben können. Außerdem mir selbst immer wieder zu beweisen: Ich kann das noch. Das ist für mich Erfolg – nicht Zahlen oder Wachstum.
Wer KAMRAD am 20. Februar in der Wiener Simm City live erleben möchte, kann noch Tickets (www.oeticket.com) ergattern.
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